Podium "Unser kultureller Gemeinwohlbeitrag im Wandel?" Kultur in der Krise: Wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk helfen kann

In der Corona-Pandemie ist eine besondere Sehnsucht nach Kultur spürbar und die Kulturbranche existenziell bedroht. Welche Rolle kann und muss öffentlich-rechtlicher Rundfunk übernehmen, um die Kultur wieder zu stärken? Anlässlich des Lesefestes "Leipzig liest extra" hatte MDR-Intendantin Karola Wille zu der Diskussionsveranstaltung "Unser kultureller Gemeinwohlbeitrag im Wandel?" Expertinnen und Experten eingeladen. Im ARD-Forum ging es dabei vor allem um neue Formen des kulturellen Austausches.

MDR Programmdirektorin Jana Brandt, Moderator Frank Kutter, Ralph Burghart (Stadt Chemnitz – Europäische Kulturhauptstadt 2025), Dr. Ralf Müller-Schmid (Deutschlandfunk Kultur) und auf den Monitoren zugeschaltet Gerhart Baum (Publizist) 4 min
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"Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke", so lässt sich vielleicht anhand eines Buchtitels die derzeitige Sehnsucht nach Kultur in der Pandemie einfangen. Ähnlich bringt im ARD-Forum in der Alten Handelsbörse in Leipzig MDR-Intendantin Karola Wille die aktuelle Situation auf den Punkt:

Diskussionsveranstaltung im Rahmen des ARD-Forums anlässlich des Lesefestes „Leipzig liest“ am 26.05.2021 Im Bild: MDR-Intendantin Prof. Dr. Karola Wille
MDR-Intendantin Prof. Dr. Karola Wille im ARD-Forum Bildrechte: MDR/Hagen Wolf

Wir haben ja alle erlebt, dass Kunst und Kultur ganz besonders von dieser Pandemie betroffen war und ist. Auch überproportional zu anderen Branchen. Und wir haben alle diese gesellschaftlichen Leerstellen gespürt, die das Ganze hinterlässt.

Prof. Dr. Karola Wille, MDR-Intendantin

Was hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk in dieser Zeit für die Kultur leisten können? Eine verlässliche Infrastruktur mit zahlreichen Berichten, erklärt die Intendantin – und er sei selbst zur Bühne geworden, habe Kultur trotzdem ermöglicht. Da wäre zum einen die erste virtuelle Buchmesse 2020 initiiert vom MDR, als klar wurde, dass die Leipziger Buchmesse ausfallen muss. Zum anderen gibt es Angebote, wie die BR KulturBühne oder die Aktion "Bühne frei" vom Hessischen Rundfunk. Es sind Versuche, Kulturschaffenden eine digitale Ersatz-Bühne zu bieten.

Prof. Dr. Karola Wille begrüßt die Gäste. 23 min
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ARD, ZDF & Co vor enormen Herausforderungen

FDP-Urgestein Gerhart Baum sieht ARD, ZDF und Co. jedoch vor enormen Herausforderungen – auch, was ihren Kulturauftrag angeht:

Wir sind in einer Situation des Umbruchs in der Akzeptanz des ÖRR. Und ich bin wohl kein falscher Prophet, wenn ich sage, Gebührenerhöhungen wird es in den 16 Landtagen Deutschlands nicht mehr geben.

Gerhart Baum, FDP-Politiker

Für den ehemaligen Innenminister Baum heißt das, um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in seiner Funktion zu retten, muss dessen Kernauftrag deutlich gemacht werden. Und wie sieht der aus? Chemnitz’ Bürgermeister Ralph Burghart, der seine Stadt 2025 Europäische Kulturhauptstadt nennen darf, formuliert es so: "Ich glaube, und das ist auch, was wir uns wünschen, auch für die Kulturhauptstadtthematik, man muss auch vor Ort sein und dann auch mal Verantwortung abgeben."

Verantwortung abgeben. Nicht nur auf "Nummer sicher gehen", sondern Neues wagen. Innovationen von außen zulassen. Das scheint etwas, das auch Kulturschaffende umtreibt. Stand-Up Comedian Moritz Neumaier sieht genau da Defizite des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: "Dann machst du zehn Angebote, und bei allen zehn Angeboten ist die Antwort: 'Ja gut, aber das können wir den Leuten jetzt nicht vermitteln.'" 

Valerie Weber 4 min
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Weil wir so das Publikum viel mehr einbeziehen können, liegt im Digitalen eine riesen Chance, sagt Valerie Weber, WDR-Programmdirektorin.

Mo 31.05.2021 14:08Uhr 03:55 min

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Dr. Markus Nievelstein von Arte 3 min
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"Insgesamt wagemutiger sein"

Kann sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk also mehr öffnen? Kann er sich mit anderen Partnern zusammentun? Ja, ist MDR-Programmdirektorin Jana Brandt überzeugt:

Jana Cathrin Brandt
Jana Brandt, MDR-Programmdirektorin Bildrechte: MDR/Marco Prosch

Ja, ich glaube, dass wir insgesamt wagemutiger sein sollten. Bis vor kurzem war ich noch Fiction-Chefin des MDR, und da war immer die Frage, geht man auf das, was es schon gibt oder überlegt man sich nochmal was anderes. Es sind tolle Formate wie 'Weißensee' oder 'Charité' aus einer solchen Denkhaltung geschaffen worden.

Jana Brandt, MDR-Programmdirektorin

Diskussionsveranstaltung im Rahmen des ARD-Forums anlässlich des Lesefestes „Leipzig liest“ am 26.05.2021 Im Bild: Moderator Frank Kutter und Im Bild: MDR-Intendantin Prof. Dr. Karola Wille
Moderator Frank Kutter und MDR-Intendantin Prof. Dr. Karola Wille bei der Diskussionsveranstaltung im Rahmen des ARD-Forums Bildrechte: MDR/Hagen Wolf

Wie sieht der öffentlich-rechtliche Rundfunk der Zukunft aus?

Welche Denkhaltung es für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Zukunft noch braucht, hat sich in dieser Diskussion abgezeichnet: Die Sender müssen mehr ins Lokale, bei und mit den Menschen vor Ort Programm machen. Vielfalt und verschiedenste Milieus abbilden, Außenstehende ins Boot holen, Netzwerke bilden und mutig Experimente wagen.

MDR-Intendantin Karola Wille ist optimistisch. Die Möglichkeiten seien groß: "Wir sollten selbstbewusst unsere Auftragsdebatte führen. Was heißt es, so innovationskräftig zu sein, dass wir es tatsächlich schaffen, die Gesellschaft in all ihren Milieus zu erreichen."

Ich glaube, dass dieses Digitale unheimlich viele Möglichkeiten schafft.

Prof. Dr. Karola Wille, MDR-Intendantin

Die Programmverantwortlichen der großen Sendeanstalten haben in dieser Diskussion gezeigt, dass sie den Druck spüren, sich und ihren Kulturbegriff verändern und öffnen zu müssen.

Prof. Dr. Karola Wille 2 min
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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Mai 2021 | 06:15 Uhr

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