Drei Werke, die nicht im Rampenlicht stehen Leseempfehlungen aus Rumänien

Auf der Leipziger Buchmesse werden 40 Übersetzungen präsentiert - von Sachbuch bis Prosa und Poesie. Hier die Empfehlung für drei Werke, die nicht mehr im Rampenlicht stehen, es aber verdienen.

von Annett Müller

M. Blecher: "Vernarbte Herzen"

Im Roman sagt der 21-jährige rumänische Chemiestudent Emanuel: "Mich quält der Gedanke, dass ich nach und nach ein richtiger Kranker werden muss". Dem Protagonisten bleibt jedoch nichts anderes übrig: Er leidet an Knochentuberkulose, einer eitrigen Entzündung der Wirbelsäule, zu deren Heilung ihm der Arzt absolute Ruhe verordnet.

Französischer Kurort Berck am Ärmelkanal
Berck - französischer Kur- und Heilort für Tuberkulose-Kranke. Die Aufnahme stammt von 1901. Bildrechte: IMAGO

Also nimmt Emanuel den Leser mit in den berühmten französischen Kurort Berck an der Ärmelkanal-Küste, wo sein gebrechlicher Körper im Sanatorium völlig ruhiggestellt wird. Im Gipspanzer liegen die Patienten ausgestreckt auf rollenden Betten, mit denen sie durch Krankenzimmer und Speisesaal bis an den Strand fahren können. Es ist eine traurig komödiantische Welt, in der die völlig unbeweglichen Kranken heftige Gefühlsaufwallungen erleben, mondäne Feiern abhalten, Sex im Gipsverband vollziehen. Eine kranke Welt, die so faszinierend erscheint, dass selbst Geheilte sie am liebsten nicht verlassen würden.

Buchumschlag des ins Deutschen übersetzten rumänischen Romans „Vernarbte Herzen“ von M. Blecher
Bildrechte: MDR/Annett Müller

Der nur 29 Jahre alt gewordene Autor dieses wunderbaren Romans ist Max L. Blecher. Der jüdische, in Rumänien geborene Schriftsteller, litt selbst zehn Jahre lang an Knochentuberkulose und schrieb seine Geschichten größtenteils im Bett - auf einer Holzplatte, angelehnt an angewinkelten Beinen. "Vernarbte Herzen“ entstand ein Jahr vor Blechers frühem Tod. Unter Schmerzen und Zähneknirschen schuf er ein wahres Kunstwerk.

M. Blecher "Vernarbte Herzen"
221 Seiten
ISBN: 978-3-518-22399-4
Bibliothek Suhrkamp 1399

Mircea Cartarescu: "Die Flügel"

Mircea Cartarescu ist derzeit der prominenteste zeitgenössische Schriftsteller in Rumänien. Mehr als zehn Jahre lang schrieb er an seinem Dreiteiler mit dem rumänischen Originaltitel "Orbitor".

Cover des Buches 'Die Flügel'
Ausschnitt vom Buch-Cover, erschienen im Zsolnay-Verlag. Bildrechte: Paul Zsolnay Verlag

Der dritte und letzte Teil "Die Flügel" kam 2014 auf den deutschen Buchmarkt. Cartarescu selbst bezeichnet diesen Teil als "eine Satire auf eine kommunistische Welt, die wie ein fremder Planet war, auf dem andere Regeln und Gewohnheiten herrschten". Konkret geht es um die Geschehnisse des Jahres 1989, als der rumänische Diktator Nicolae Ceausescu vom eigenen Volk gestürzt wurde. Realistisch die Hungersnot, der moralische Verfall des Systems, surrealistisch hingegen Cartarescus halluzinatorischer Strom an Assoziationen, Erinnerungsfragmenten und Visionen. Oft ist der Weg vom Traum zum Alptraum beim Autor ein ganz kurzer.

Mircea Cartarescu
Autor Mircea Cartarescu - ein Bild von 2015. Bildrechte: MDR/Annett Müller

Cartarescu sagt über seine Romane, sie seien eine Welt für sich. "Ich schreibe sie, um eine Zeit lang in dieser Welt leben zu können." Cartarescus Roman ist eine Ansammlung von fantastischen Tagträumen, die hin und wieder zu ausufernd gerät. Wer sich hier nicht traut, hin und wieder ein paar Seiten zu überspringen, erlebt bei diesem ungewöhnlichem Autor vermutlich eine Bruchlandung.

Mircea Cartarescu "Die Flügel"
670 Seiten
ISBN: 978-3-552-05689-3
Paul Zsolnay Verlag

Marin Preda: "Delirium"

Den 1975 erschienenen Roman "Delirium" findet man in Deutschland heutzutage nur noch in Bibliotheken und im Antiquariat.

Buchumschlag des ins Deutschen übersetzten rumänischen Romans „Delirium“ von Marin Preda
Buchcover des Preda-Romans, erschienen 1984 im Verlag der Nation Berlin Bildrechte: MDR/Annett Müller

Sein Autor - Marin Preda (1922-1980) - erzählt am Schicksal eines ehrgeizigen Bauernburschen, der im politischen Bukarest als Redakteur anheuert und später Kriegsreporter wird, vom Rausch der 40er-Jahre, die Zeit, in der Rumänien unter Marschall Ion Antonescu zur profaschistischen Militärdiktatur wird. Es ist zweifellos das umstrittenste Werk Predas. Kurz nach seinem Erscheinen war das Buch in Rumänien innerhalb weniger Tage vergriffen. Trotz strenger Beschränkung der Papierkontingente genehmigten die Parteibehörden eine zweite Auflage.

Rumänischer Militärdiktator Ion Antonescu und Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe, Hermann Göring
Rumänien war unter Militärdiktator Ion Antonescu (links) ein Verbündeter von Hitler-Deutschland. 1941 trifft Antonescu in Wien den Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe, Hermann Göring. Bildrechte: IMAGO

Predas Werk ist die erste literarische Auseinandersetzung mit dem brutalen Militärdiktator. Über Antonescu, der sich als Hitler-Verbündeter 1941 am Überfall auf die Sowjetunion beteiligte, zahlreiche anti-semitische Gesetze erließ und Pogrome auf Juden verüben ließ, durfte bis in die 70er-Jahre in Rumänien nicht gesprochen werden. Statt aber Antonescu als Kriegsverbrecher zu entlarven, glorifiziert ihn Preda zum rumänischen Patrioten, der gegen die Sowjets kämpfte.

Das Buch ist laut Literaturkritik Ausdruck für einen "tief verwurzelten Geschichtsfatalismus", den es in Rumänien immer noch gibt. Bis heute verfolgt die Mehrheit der aktuellen Parlamentsparteien einen nationalistischen Diskurs, Antisemitismus ist weit verbreitet, insgeheim wird Antonescu noch immer glorifiziert. Gelernt hat man offenbar nur, dass man offiziell in der EU etwas anderes predigt.

Marin Preda
Delirium. Roman aus dem Bukarest der vierziger Jahre
524 Seiten
Verlag der Nation Berlin, 1984
auf Deutsch 1980 auch im Kriterion-Verlag erschienen, unter dem Titel "Der große Wahnsinn"

Über die Autorin Die Leipziger Journalistin Annett Müller verbringt seit Mitte der 90er-Jahre die Hälfte ihrer Arbeitszeit bei Recherchen in Rumänien. Dort hat sie über die Jahre nicht nur gelernt, dass die rumänische Politik voller Fallstricke ist, sondern auch, wie spannend und avantgardistisch rumänische Kunst und Kultur sein kann.

Über die Leipziger Buchmesse berichtet MDR KULTUR auch im Radio und Fernsehen: MDR KULTUR - Das Radio:
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Zuletzt aktualisiert: 14. März 2018, 14:30 Uhr