Wirtschaftliche Folgen Wie sehr die Buchmessen-Absage kleinen Verlagen schadet

Dass die Leipziger Buchmesse 2020 wegen des Coronavirus abgesagt wurde, ist für Verlage ein herber Schlag. Aber was bedeutet das nun? Wieviel Geld geht verloren? Gibt es Eratz-Lesungen? Sebastian Wolter vom sächsischen Verlag Voland & Quist, der unter anderem Bücher von Marc-Uwe Kling, Nico Semsrott oder Nora Gomringer veröffentlicht, gibt im Interview Antworten.

MDR KULTUR: Wie war Ihre erste Reaktion, als Sie von der Absage erfahren haben?

Sebastian Wolter: Na ja, man ist in gewisser Weise erschrocken. Aber es wurden ja schon andere große Messen abgesagt, daher haben wir, ehrlich gesagt, auch schon damit gerechnet. Und so schade es ist, finden wir diese Entscheidung auch verständlich.

Sie können von Verlagsseite diese Maßnahme nachvollziehen?

Ja, durchaus. Ich weiß aus jahrelanger Erfahrung, was die Buchmesse für ein Virenherd ist. Viele Kollegen sind immer krank nach der Messe – mit Erkältungen. Man kann sowas auf der Buchmesse nicht kontrollieren.

Man redet ja sogar von der sogenannten Messe-Erkältung. Aber was bedeutet das für Leute, die davon direkt betroffen sind? Wirtschaftlich? Was heißt das zum Beispiel für Ihren Verlag? Welche Kosten können Sie abschreiben?

Das ist schon so ein mittlerer, vierstelliger Betrag, den wir abschreiben können. Aber nicht nur das, wir verkaufen auch immer gut Bücher bei der Messe – bisher über die Messebuchhandlung. Dieses Jahr wäre das erste Mal gewesen, wo man das hätte komplett selbst machen können. Das heißt, dass wir da sogar den doppelten Umsatz eingeplant hatten. Da reden wir von Mindereinahmen von einer mittleren vierstelligen Summe – geschätzt aufgrund der Erfahrungen der letzten Jahre. Und uns fehlen natürlich ein paar tausend Kontakte, sei es auf der Messe und bei Veranstaltungen unserer Autorinnen und Autoren. All das ist zusammen schon ein schwerer Schlag ins Kontor.

Wie setzt sich dieser mittlere vierstellige Betrag zusammen? Standkosten plus Verkäufe, die wegbrechen, plus …?

Nein, wir hoffen, dass die Messe die Standkosten übernimmt. Es geht um Hotelkosten und Züge, die schon gebucht sind. Es geht um die Messebauer. Um Drucksachen, die wir haben gestalten und drucken lassen. Um Anzeigen. Also ganz verschiedene Posten, die da zusammenkommen. Ganz zu schweigen von der Arbeitszeit, die man dafür schon investiert hat.

Inwieweit ist man gegen so einen Fall versichert?

Das versuchen wir jetzt auch rauszufinden, was abgedeckt wird. Wir sind nicht versichert. Ich weiß nicht, wie das bei den größeren Verlagen ist. Und wie das bei der Buchmesse selbst aussieht, kann ich auch nicht sagen. Also damit haben wir uns jetzt auch noch nicht so intensiv beschäftigt.

Das Lesefest "Leipzig liest" wurde auch abgesagt, was sehr unschön für Verlage und Autoren ist. Gibt es Möglichkeiten, das irgendwie zu kompensieren? Lesungen zu verschieben, woanders zu machen?

Buchlesung
Etwa 15 Lesungen muss der Verlag Voland & Quist nun absagen. Bildrechte: Leipziger Messe GmbH

Wir haben uns auch entschlossen, unsere Veranstaltungen, die wir geplant hatten, nicht stattfinden zu lassen. Mit denen auf der Messe selbst waren das um die 15. Ob man das jetzt nachholen kann oder so, haben wir noch nicht eruiert. Ich gehe aber davon aus, dass das nicht einfach zu ersetzen ist. Also den Effekt, den so eine Lesung auf der Messe hat, wo sehr viele Leute von außerhalb anreisen und in der Stadt sind, kann man in einem Nicht-Messe-Umfeld nicht einfach reproduzieren.

Um nicht so negativ aus diesem Gespräch zu gehen, will ich Ihnen noch die Chance geben, kurz über ihre Spitzentitel zu referieren, damit vielleicht wenigstens auf diesem Weg die Bücher dieses Frühjahrs wahrgenommen werden. Mögen Sie zwei, drei Autoren und Titel nennen?

Ja, gerne. Nora Gomringer, eine der bekanntesten jungen deutschsprachigen Lyrikerinnen, wäre angereist mit ihrem neuen Gedichtband "Gottesanbeterin", in dem sie sich viel mit Fragen des Glaubens auseinandersetzt. Wir haben Ivana Sajko mit der Übersetzerin Alida Bremer mit "Familienroman": ein sehr wichtiges Buch, das anhand von vier Generationen eine Familiengeschichte erzählt, die von 1941 bis 1991 im ehemaligen Jugoslawien spielt. Ein Blick von Innen sozusagen, von Betroffenen, sehr bewegend. Und wir hätten auch eine Leipziger Autorin mit ihrer Leipziger Übersetzerin dabeigehabt: "Puschkins Erben", ein Roman, der satirisch und burschikos die Geschichte einer Familie zu Sowjetzeiten von 1976 bis in die Zeit der Perestroika hinein erzählt. Sie alle wollten wir präsentieren. Und das ist natürlich so nicht möglich.

Das Interview führte Stefan Maelck für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. März 2020 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. März 2020, 17:04 Uhr

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