Buchpreis zur Europäischen Verständigung Leipziger Buchmesse mit Preisvergabe an Masha Gessen eröffnet

Masha Gessen hat den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung entgegengenommen. Ausgezeichnet wurde sie für ihr Porträt der russischen Gesellschaft in "Die Zukunft ist Geschichte". In ihrer Dankesrede widmete sie sich der russischen Geschichte und dem Trauma des Totalitarismus. Die Laudatio hielt der Publizist und Historiker Gerd Koenen. Er würdigte auch Gessens Arbeit als Journalistin in Russland sowie ihr Engagement für die russische Schwulen- und Lesbenbewegung. Die Preisverleihung eröffnete die Leipziger Buchmesse, die ab Donnerstag ihre Türen für Besucher öffnet.

Masha Gessen
Masha Gessen nimmt im Gewandhaus den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung entgegen. Bildrechte: dpa

Die russisch-amerikanische Journalistin und Autorin Masha Gessen ist mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2019 geehrt worden. Der Preis wurde bei der Eröffnung der Leipziger Buchmesse im Gewandhaus überreicht. "Die Zukunft ist Geschichte. Wie Russland die Freiheit gewann und wieder verlor", lautet der volle Titel von Gessens ausgezeichnetem Gesellschaftsporträt.

"Ich wollte ein Buch darüber schreiben, warum meine Träume nicht in Erfüllung gegangen waren"

Ihre Dankesrede leitete Gessen mit ihren persönlichen Erfahrungen als junge Journalistin 1991 in der Sowjetunion ein. Der Staat war zu der Zeit in Auflösung begriffen. "Ich träumte, dass Russland eine liberale Demokratie werden würde. Es gäbe Wahlen, individuelle Freiheiten, soziale Bewegungen, eine freie Presse und so weiter", fasste sie ihre damaligen Hoffnungen zusammen. Dass diese nicht erfüllt wurden, schreibt sie den Erfahrungen Russlands mit der totalen Herrschaft des Sowjetregimes zu.

Ich kam zu dem Schluss, dass die Zukunft Geschichte ist. Damit meine ich natürlich, dass die Geschichte - genauer gesagt, das Erbe des Totalitarismus - das bestimmt, was heute in Russland geschieht.

Masha Gessen, Autorin

Laut Laudator Gerd Koenen gehe es bei Gessens Totalitarismusbegriff um die Folgen dessen, was Russland sich selbst seit der Machtergreifung der Bolschewiki 1917 physisch, psychisch, soziologisch und kulturell angetan habe. Der Publizist und Historiker würdigte auch Gessens journalistische Arbeit in Russland sowie ihr Engagement für die russische Schwulen- und Lesbenbewegung. Das sie 2013 ihre Wahlheimat Russland deshalb verließ, trage Züge einer Flucht. Gessens Buch helfe, Entwicklungen in Russland zu verstehen.

Deshalb erhält Masha Gessen für ihr illusionsloses und doch tief anteilnehmendes Buch heute hier in der alten Bücherstadt Leipzig zu Recht diesen Preis zur Europäischen Verständigung.

Gerd Koenen, Publizist und Historiker

Der Buchpreis zur Europäischen Verständigung

Der Buchpreis ist mit 20.000 Euro dotiert und wird seit 1994 vergeben. Er zählt zu den wichtigsten Literaturauszeichnungen in Deutschland. Im letzten Jahr hatte ihn Åsne Seierstad für ihr Buch über den Massenmörder Anders Behring Breivik erhalten. Traditionell eröffnet die Verleihung des Buchpreises zur Europäischen Verständigung die Leipziger Buchmesse. Ab Donnerstag ist die Messe auch für Besucher geöffnet. Gastland ist in diesem Jahr Tschechien. Bis Sonntag präsentieren sich rund 2.500 Aussteller aus 46 Ländern, etwa 285.000 Besucher werden erwartet.

Gerd Koenen, Monika Grütters und Masha Gessen
Von links: Laudator Gerd Koenen, Staatsministerin Monika Grütters und Preisträgerin Masha Gessen. Bildrechte: dpa

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. März 2019 | 06:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. März 2019, 21:00 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR