Der deutscher Literaturkritiker Denis Scheck spricht im ARD Forum auf der Leipziger Buchmesse am 16.03.2018 in der neuen Messe Leipzig.
Blick auf das gut besuchte ARD-Forum in Halle 3 Bildrechte: MDR/Andreas Lander

Bilanz Leipziger Buchmesse 2019: Eine Bühne für die großen Fragen der Gegenwart

30 Jahre Friedliche Revolution, Frauenbilder im Wandel, der Zustand Deutschlands und Europas – die Leipziger Buchmesse 2019 war geprägt von gesellschaftlichen Debatten. Viele Gäste kamen: Die Messe verzeichnet einen neuen Besucherrekord.

Der deutscher Literaturkritiker Denis Scheck spricht im ARD Forum auf der Leipziger Buchmesse am 16.03.2018 in der neuen Messe Leipzig.
Blick auf das gut besuchte ARD-Forum in Halle 3 Bildrechte: MDR/Andreas Lander

Die Leipziger Buchmesse 2019 hat einen neuen Besucherrekord erzielt. Wie die Veranstalter am Sonntag mitteilten, kamen insgesamt 286.000 Gäste auf das Messegelände und zum dazugehörigen Festival "Leipzig liest". Das waren 15.000 mehr als 2018. Im vergangenen Jahr hatte ein Wintereinbruch die Besucherzahl gedrückt. Im bisherigen Rekordjahr 2017 hatte die Messe 285.000 Besucher.

Deutschland 30 Jahre danach

Frank Richter im Gespräch mit Moderator Vladimir Balzer auf der Leipziger Buchmesse.
Frank Richter zu Gast am Stand von MDR KULTUR Bildrechte: MDR/Hendrik Kirchhof

Ein großer Themenkomplex der diesjährigen Messe war Deutschland 30 Jahre nach der Friedlichen Revolution 1989. So fragte Frank Richter in seinem neuen Buch rhetorisch: "Gehört Sachsen noch zu Deutschland?". Der frühere Chef der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung beschäftigt sich darin mit der neuen Rechten, die in Sachsen besonders stark ausgeprägt sei – was nach Richters Analyse unter anderem am sächsischen Bildungssystem liegt.

Richter sagte am Sonntag am Stand von MDR KULTUR, aus den guten Ergebnissen sächsischer Schüler bei den Pisa-Studien dürfe man nicht schließen, dass die politische, religiöse oder kulturelle Bildung in Sachsen gut sei. "Der Karren ist so weit im Dreck, dass wir lange brauchen werden, ihn wieder herauszubekommen", so Richter.

Schriftsteller Ingo Schulze forderte am Sonntag auf der Messe, das Grundgesetz neu zu diskutieren: "Da könnte es beispielsweise um ein Recht auf Wohnen gehen. Oder um ein Recht auf Arbeit", so Schulze. Seine Gedanken hat er gemeinsam mit Holk Freytag im Buch "Gespaltenes Land" niedergeschrieben.

Der Autor Frank Biess, nominiert für den Sachbuch-Preis der Leipziger Buchmesse mit seinem Titel "Republik der Angst", blickt für seine Analyse der deutschen Gesellschaft weiter zurück als 30 Jahre. Er skizziert die Bundesrepublik als ein Land, dessen Geschichte seiner Ansicht nach von kollektiven Ängsten geprägt ist.

Bei einer Diskussion zum Jubiläum "30 Jahre Friedliche Revolution" verbanden der tschechische Schriftsteller Jaroslav Rudiš, die ungarische Lyrikerin Kinga Tóth und der polnische Journalist Michal Sutowski ihre persönlichen Erinnerungen mit Erwartungen an die Zukunft Europas. Alle drei waren '89 noch minderjährig. Dennoch erinnerten sie sich an die damaligen Hoffnungen auf ein neues Gemeinschaftsgefühl in Europa, das aus ihrer Sicht heute zu kurz kommt.

Jaroslav Rudiš, gestikulierend 55 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bereits am Mittwochabend hatte die russisch-amerikanische Journalistin Masha Gessen bei der Eröffnung der Buchmesse im Gewandhaus den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung entgegengenommen. Ausgezeichnet wurde sie für ihr Buch "Die Zukunft ist Geschichte. Wie Russland die Freiheit gewann und wieder verlor" – eine Art Porträt der russischen Gesellschaft.

Frauenbilder in Geschichte und Gegenwart

Ein weiteres zentrales Thema der Buchmesse 2019 waren Frauenbilder früher und heute. Kia Vahland, die ebenfalls in der Kategorie Sachbuch für den Buchpreis nominiert war, zeigte in ihrem Buch "Leonardo da Vinci und die Frauen", dass der Renaissance-Künstler ein Avantgardist der Emanzipation war - in seinen Bildern seien Frauen nicht nur Musen , sondern sie hätten einen eigenen Willen.

Sophie Passmann hat für ihr Buch "Alte weiße Männer" mit einer Reihe von Männern gesprochen, die in diese Kategorie fallen. Am Stand von MDR KULTUR rief sie Feministinnen zum Schulterschluss auf. Immerhin sei es ein Erfolg, dass inzwischen so viel über Feminismus geschrieben werde, "dass irgendwelche Karl-Heinze" in ihren Ferienhäusern die Zeitung aufschlügen und sich darüber ärgern müssten, so Passmann.

Auch die Gewinnerin des Belletristik-Preises der Leipziger Buchmesse, Anke Stelling, befasst sich in ihrem Roman "Schäfchen im Trockenen" im weitesten Sinne mit der Frage, wie frei Frauen in ihren Entscheidungen sind. Stelling erzählt darin von einer Frau Mitte 40, die vier Kinder hat und der die Wohnung gekündigt wird. Daraufhin hinterfragt die Protagonistin wichtige Entscheidungen in ihrem Leben - rächt sich nun, dass sie keinen reichen Mann geheiratet hat?

Feridun Zaimoglu, der auf der Shortlist in der Kategorie Belletristik stand, schrieb "Die Geschichte der Frau" aus seiner männlichen Perspektive und gab zu: "Es ist eine Zumutung, dass sich ein Mann anmaßt, zehn Frauen zu sein."

Auf die Rolle der Mutter im Jahr 2019 ging der hallesche Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz mit seinem Buch "Keine Mutter ist perfekt" ein. Er vertrat die These, dass Mütter in den ersten Lebensjahren ihrer Kinder alles andere zurückstellen sollten, Partnerschaft und Karriere etwa: "Mütterlichkeit gilt heute als etwas Gestriges. Das finde ich furchtbar", so Maaz. Allerdings sollten Mütter, die ihr Kind länger zu Hause betreuen wollten, vom Staat ausreichend finanziell versorgt werden.

Gastland Tschechien

Aus dem diesjährigen Gastland Tschechien waren 60 Autoren in Leipzig. Auf etwa 130 Veranstaltungen präsentierten sie ihre Neuerscheinungen. Darunter waren große Namen wie Jaroslav Rudiš und Radka Denemarková. Insgesamt präsentierten seit Donnerstag 2.547 Aussteller aus 46 Ländern ihre Neuheiten. Die nächste Leipziger Buchmesse wird vom 12. bis 15. März 2020 veranstaltet.

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Zwei Personen in Kostümen auf der Leipziger Buchmesse. 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. März 2019 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. März 2019, 18:20 Uhr

Zwei Personen in Kostümen auf der Leipziger Buchmesse. 2 min
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