Alternatives Programm Bilanz zum Buchmesse-Popup: Leipzig trotzt der Buchmesse-Absage

Viel Ärger gab es um die kurzfristige Absage der Buchmesse in Leipzig, zum dritten Mal in Folge, diesmal mit Verweis auf große Verlage, die einen Rückzieher machten. Doch unabhängige Verlegerinnen und Verleger sowie Buch-Enthusiasten organisierten in Rekordzeit ein kleines Ersatzprogramm: eine Popup-Messe, an der sich 60 Verlage beteiligten sowie zahlreiche Lesungen und Diskussionen auch mit Autorinnen und Autoren aus der Ukraine. Die Organisatoren zeigten sich zum Abschluss am Sonntag sehr zufrieden – und hoffen auf die nächste reguläre Leipziger Buchmesse 2023, auch weil sie als "Drehscheibe gen Osten" unverzichtbar sei.

Zahlreiche Gäste besuchen die Buchmesse Pop Up im Werk II. 4 min
Bildrechte: dpa

Nach der erneuten Absage der Leipziger Buchmesse haben Lesungen und eine alternativ initiierte Pop Up-Messe am Wochenende viele Literaturfans in ihren Bann gezogen. Die Ehre gab sich der aktuelle Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah im Rahmen von "Leipzig liest trotzdem" im Paulinum. Zu Gast waren außerdem Autorinnen und Autoren aus der Ukraine, Belarus und Russland.

Buchmesse Pop Up und Ukraine-Forum im Werk II

"Wir waren ausverkauft", erklärte der Sprecher des Buchmesse Pop Up, Mathias Voigt, am Sonntagabend. Demnach kamen 10.000 Besucherinnen und Besucher zu der spontan organisierten Messe mit 60 Verlagen sowie den verschiedenen Veranstaltungen im Leipziger Werk II. Die Aussteller seien glücklich und das Publikum euphorisiert, so Voigt im Hinblick auf die besondere Atmosphäre in den ehemaligen Industriehallen aus dem 19. Jahrhundert. Im Programm spielte auch der Krieg in der Ukraine eine Rolle. Hier diskutierten unter dem Titel "Nein zu Putins Krieg - Was kann Literatur leisten?" die Autorinnen Marjana Gaponenko (Ukraine), Volha Hapeyeva (Belarus) und Michail Schischkin (Russland) sowie der Historiker Karl Schlögel miteinander.

Leif Greinus vom Verlag Voland und Quist und Mitinitiator zog im Gespräch mit MDR KULTUR folgende Bilanz: "Klar, das hat schon was. Aber wir als Verleger brauchen auch die riesigen Menschenströme der Leipziger Buchmesse." Zugleich betonte Greinus deren Rolle als "Drehscheibe gen Osten", die heute so wichtig sei wie nie.

Mit der buchmesse_popup geht es in der Form nicht weiter. Wir wollten in diesem Jahr ein Zeichen setzen. Und wir freuen uns auf die 'große' Leipziger Buchmesse im nächsten. Sollte aber wieder einmal eine Buchmesse ausfallen, haben wir unsere staubsicher verpackt und könnten wieder loslegen.

Leif Greinus Verleger und Mitinitiator Buchmesse Popup

Stichwort: buchmesse_popup

Die buchmesse_popup war eine Initiative der beiden Verleger Gunnar Cynybulk (Kanon Verlag) und Leif Greinus (Voland & Quist). Unterstützt wurde sie unter anderem von den Aufbau Verlagen, C.H.Beck, Hanser, Jung und Jung, Klett-Cotta, Suhrkamp/Insel, Verbrecher Verlag und Wagenbach. Ausgewählte Veranstaltungen wurden in Kooperation mit dem Literaturhaus Berlin via literaturkanal.tv live gestreamt. Die Videos werden auf dem Kanal auch dauerhaft verfügbar sein.

"weiter:lesen22" in Felsenkeller, Moritzbastei oder Alter Handelsbörse

Messestände mit Büchern in einer alten Werkshalle.
Rund 60 Verlage präsentierten ihre Programme im Werk II. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Trotz der Resonanz soll die kleine Ersatzmesse also einmalig bleiben. Man baue darauf, dass nächstes Frühjahr die traditionsreiche Buchmesse wieder in Leipzig ihre Türen öffne, so Buchmesse-Popup-Sprecher Mathias Voigt. Der große Branchen- und Publikumstreff war eigentlich vom 17. bis 20. März 2022 geplant, dann aber zum dritten Mal in Folge abgesagt worden, auch weil große Verlagsgruppen fernbleiben wollten. Nach der Absage hatten verschiedene Initiativen Ersatzveranstaltungen organisiert. Dazu gehörte auch das Festival "weiter:lesen22" in bekannten Locations wie dem Felsenkeller und der Moritzbastei. Dort waren am Wochenende 60 Autorinnen und Autoren aufgetreten, darunter Dmitrij Kapitelman, die für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierte Katerina Poladjan oder Christian von Aster. Die Veranstaltungen seien gut besucht gewesen, resümierte Sprecherin Susanne Tenzler-Heusler: "Wir sind sehr zufrieden." Sie sprach von rund 2.000 Gästen.

Auch der MDR hatte an zwei Abenden in der Alten Handelsbörse zu Gesprächen mit rund 20 Autorinnen und Autoren geladen. Zu den Gästen gehörten u.a. Nino Haratischwili, Ingo Schulze, Alexander Osang, Gregor Sander oder Rainald Grebe.

Gastland-Auftritt in kleinem Rahmen

Zwar kam es wegen der Buchmesse-Absage nicht zum großen Gastland-Auftritt für Portugal. Dennoch waren einige Autorinnen und Autoren wie Dulce Maria Cardoso, José Luís Peixoto und Margarida Vale de Gato bei Lesungen in Leipzig zu erleben. Portugal hätte schon im vergangenen Jahr Gastland der Messe sein sollen.

Einen Ausblick gab es auf das "Wilde Österreich", die Literatur aus der Alpenrepublik soll 2023 auf der Leipziger Buchmesse im Gastland-Fokus sein. Im UT Connewitz wurde geladen zu einem Abend unter dem Motto "mea ois wia mia".

Hoffnung auf die Leipziger Buchmesse 2023

Laut Buchmesse-Direktor Oliver Zille soll die Literaturschau 2023 auf jeden Fall wieder stattfinden. Geplant ist sie vom 23. bis 26. März. In der letzten Vor-Corona-Ausgabe 2019 hatte die Messe samt dem dazugehörigen Festival "Leipzig liest" rund 286.000 Gäste angelockt, was einen neuen Rekord darstellte. Trotz des Ausfalls 2022 wurden der Preis der Leipziger Buchmesse und der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung verliehen.

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Nachtgesang mit dem MDR RUNDFUNKCHOR in der Leipziger Peterskirche 68 min
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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. März 2022 | 07:30 Uhr

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