Katharine Norbury
Bildrechte: Robin Farquhar-Thomson

Katharine Norbury "Die Fischtreppe, eine Reise stromaufwärts" Den Abschied vom Baby am Ufer der Themse bewältigen

Katharine Norbury
Bildrechte: Robin Farquhar-Thomson

Am Beginn dieses Romans verliert Katharine, die Ich – Erzählerin, ihr Baby – das lang ersehnte zweite Kind wird tot geboren. Als sie versucht, die übergroße Trauer zu verwinden, spielt ihr der Zufall ein Buch in die Hände: "Ein Quell am Ende der Welt“. Der schottischen Schriftstellers Neill McGunn erzählt von seinem Vorhaben, einen Fluss bis zu seinem Ursprung entlangzulaufen. Seine Worte verfangen bei Katherine: "Und ich spürte die Worte in mich einsinken wie schwere Steine in einen Teich, und ich wusste, dass etwas geschah und dass ich bereit war, mich verstören zu lassen.“

Die Idee, einem Fluss bis zu seinem Quell zu folgen, bekommt für Katharine etwas Zwingendes. Zunächst fährt sie mit ihrer neunjährigen Tochter Evie ins Sommerhaus der Familie nach Wales. Wanderungen, die kleinen Flüsse hinauf enden oft an einem Gartenzaun oder einer Bullenweide. Einmal geht sie mit ihrer Tochter zu einem Pilgerort, einem sagenumwobenen Quell.

Der Tümpel selbst, der heilige Brunnen war nicht größer als ein umgedrehter Hut, (…) eine Schale mit klarem Wasser. Wir sahen feinen sandigen Kies auf dem Boden. Wasserschnecken mit engspiraligen, winzigen Gehäusen, leuchtend wie Juwelen, überkrusteten die steil abfallenden Wände und klebten nebeneinander an den Stängeln der Wasserpflanzen.

Katharine Norbury - Die Fischtreppe
Katharine Norbury: "Die Fischtreppe"
Erschienen bei Matthes & Seitz Berlin
Bildrechte: Matthes & Seitz Berlin

Katherine Norbury erzählt, wie dieser Sommer der Trauer verläuft und wie sie versucht, in der Natur Trost zu finden. Sie wandert den Severn hinauf, den Humber und die Themse, an betonierten Ufern entlang, gesäumt vom Müll der Zivilisation. Am Dunbeath River, im äußersten Norden Schottlands, ist sie dann endlich in der Wildnis, schläft ganz allein auf der trostlosen Heide.

Norbury steht in der Tradition des nature writing, einer Bewegung, die in den letzten Jahren durch Autoren wie Robert McFarlane oder Wolfgang Büscher geprägt wurde. Es wird leidenschaftlich gewandert in diesen Büchern. Es geht dabei um mehr als nurum reine Zivilisationsflucht – vielmehr klärt sich der Geist im Rhythmus der Schritte. Auch bei Katherine.

Langsam dämmerte mir, dass es eine Welt jenseits meines Kummers gab. Ich wuchs wieder in die Welt hinein, die mich hielt, verband mich wieder mit ihr. Schritt für Schritt fügte ich mich wieder ein.

Als Katharine Norbury den Tod des Babys mehr recht als schlecht verwunden hat, wird sie selbst schwer krank. Angesichts dessen gewinnt eine andere Frage an Dringlichkeit. Sie ist gleich nach der Geburt von ihrer Mutter weggeben worden, und obwohl sie bei ihren Adoptiveltern glücklich aufwuchs, sucht sie nun nach ihrer Ursprungsfamilie.

In Wirklichkeit wollte ich einem Blutsverwandten in die Augen blicken – nicht nur Evie. Ich wollte meine Mutter treffen und meine Halbbrüder, ich wollte die Linie zurückverfolgen und die Gruppe sehen, der ich genetisch entstamme.

Und wenn man ernsthaft auf der Suche ist, scheint sich alles, was man hört oder tut einem zuzuwenden. Dass sich ihre Suche nach dem Quell dabei als gar zu offensichtliche Metapher aufgedrängt – sei es drum. Katherine Norbury verwebt die verschiedenen Ebenen der Erzählung – Vergangenheit, Gegenwart, Reflektion. Die eigenen Befindlichkeiten beschreibt sie ohne jegliche Sentimentalität, die Naturbeobachtungen sind präzise und poetisch. Selten war eine Lektüre so verstörend und so tröstlich zugleich.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. März 2018 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. März 2018, 08:30 Uhr