Der deutsche Schriftsteller und Dramatiker Frank Wedekind musiziert an seinem 50. Geburtstag (24.07.1914) mit seinen Töchtern Pamela und Kadidja.
Der Schriftsteller und Dramatiker Frank Wedekind an seinem 50. Geburtstag 1914 beim Musizieren im Familienkreis Bildrechte: dpa

100. Todestag Skandalautor Frank Wedekind: Geschmäht und bewundert

Vor 100 Jahren, am 9. März 1918, starb der deutsche Dichter, Dramatiker und Chansonnier Frank Wedekind. Er war der literarische Stachel im Fleisch jener Zeit, als noch der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II. regierte. Heute sind seine Theaterstücke Klassiker; um 1900 galt er als Provokateur, Erotomane und Ruhestörer des sogenannten gesunden Volksempfindens. Wedekind war umstritten, vielgeschmäht und vielbewundert. Als Lyriker und Liedtexter beeinflusste er Dichter wie Erich Kästner, Kurt Tucholsky und Friedrich Hollaender.

von Sky Nonhoff, MDR KULTUR-Autor

Der deutsche Schriftsteller und Dramatiker Frank Wedekind musiziert an seinem 50. Geburtstag (24.07.1914) mit seinen Töchtern Pamela und Kadidja.
Der Schriftsteller und Dramatiker Frank Wedekind an seinem 50. Geburtstag 1914 beim Musizieren im Familienkreis Bildrechte: dpa

Sie heißt Lulu, und die Männer umschwirren sie wie Motten das Licht: sie, den ultimativen Vamp des Fin de Siècle, Vorläuferin von Hanns Heinz Ewers' Alraune und Marlene Dietrichs Lola Lola, Unschuld, Glücksverheißung und Männermörderin in einem. In den Dramen "Erdgeist" und "Die Büchse der Pandora" fallen Lulu die Kerle reihenweise zum Opfer, ehe ihr Jack the Ripper höchstpersönlich den Garaus macht. Erfunden hat die unwiderstehliche Femme fatale der deutsche Dichter und Bilderstürmer Frank Wedekind (1864-1918), der seine Maxime im Prolog von "Erdgeist" so umreißt:

Das wahre Tier, das wilde schöne Tier / Das – meine Damen – sehn Sie nur bei mir.

Frank Wedekind Prolog der Tragödie "Erdgeist"

Im Winter 1891/92 lässt der junge Wedekind in Paris die Kokotten tanzen, auch wenn er sie "nur sehr mangelhaft" befriedigt, wie er in seinem Tagebuch notiert. Aber der 27-jährige Schriftsteller ist nicht nur zum Amüsieren hier. Sein Masterplan: Dem steifen Wilhelminischen Zeitalter Verklemmtheit, Bigotterie und Sexualmuff ein für allemal auszutreiben.

"Der Unterschied zwischen Beifall und Fallbeil ist nur ein L"

Ein Jahr zuvor hat der ehemalige Reklametexter bereits sein Meisterstück geschrieben: die Teenager-Tragödie "Frühlings Erwachen", in der es um Sex zwischen Minderjährigen und ungewollte Schwangerschaft geht – und eine durch und durch bornierte Gesellschaft, die ihre Kinder in den Selbstmord treibt. Heute kann man "Frühlings Erwachen" selbst im Online-Shop des Discounters Lidl kaufen. Damals, 1891, hat es etwa dieselbe Wirkung wie sechzig Jahre später Henry Millers "Sexus" oder Pauline Réages "Geschichte der O". Für die Zensurbehörden sind Wedekinds Stücke nichts weiter als geballte Affronts gegen die Sittlichkeit.

Doch die ständige Herausforderung der Obrigkeit verlangt ihren Tribut. Der Skandalautor, Freigeist und Bürgerschreck steht immer wieder wegen der Verbreitung unzüchtiger Schriften vor dem Kadi; er muss um Honorare betteln, und viele seiner Stücke fallen durch – "Der Unterschied zwischen Beifall und Fallbeil ist nur ein L", wie er frustriert feststellt.

"Der Schwanz als Lebenszweck" passte nicht als Motto unters Hakenkreuz

Wedekind ist schon über Vierzig, als die Uraufführung von "Frühlings Erwachen" im November 1906 zum triumphalen Erfolg gerät. Unter den Nazis war er dann gleich wieder verboten – dass der Schwanz der Lebenszweck sei, wie Wedekind einmal gesagt hat, passte nicht so recht als Motto unter das Hakenkreuz. Wedekinds Enkel, der Autor und Musiker Anatol Regnier, hat seinen Großvater nicht kennengelernt, weil der viele Jahre vor seiner Geburt gestorben sei, wie Regnier erzählt:

"In meiner Kindheit war er eine Figur, die über allem schwebte, aber man wusste wenig über ihn, und erst, seitdem ich mich intensiv mit ihm beschäftigt habe und zwei große Bücher über ihn geschrieben habe, wird sein Bild allmählich klarer." Dabei sei Wedekind ihm sehr nah gekommen "als jemand, der das Fenster aufgestoßen hat zu einer Befreiung der Sitten, und mutig seine Thesen vertreten hat – er ist ein moderner Autor, der uns noch heute viel zu sagen hat", so Regnier.

Auch Bert Brecht besuchte Wedekinds Auftritte

Frank – so hat Bertolt Brecht seinen einzigen Sohn genannt. Brecht, seinerzeit ein Jüngling von 20 Jahren, hatte Wedekind oft gelauscht, im Hinterzimmer der Gaststätte "Zum Hirschen" in der Münchner Türkenstraße, wo der Dichter von "Frühlings Erwachen" und "Lulu" seine Chansons vortrug – scharf, pointiert, amoralisch, risqué, wie die Nutten damals in Paris gesagt hatten. Von seinen Liedern stammen sie alle ab, Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Friedrich Hollaender, alle großen Songdichter, die Deutschland je hatte.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. März 2018 | 17:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. März 2018, 08:31 Uhr