Schrifsteller Georg Klein
Ist mit "Miakro" für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert: Schrifsteller Georg Klein Bildrechte: dpa

Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse "Miakro" - Georg Kleins Roman-Maschine voller Wundertüten

Georg Klein erhielt bereits im Jahr 2010 den Preis der Leipziger Buchmesse – und ist mit seinem neuen Roman "Miakro" nun wieder nominiert. Klein gehört gewiss zu den experimentierfreudigsten Prosa-Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur – seine Texte spielen mit den Traditionen der deutschen Romantik ebenso wie mit denen der Science-Fiction-Literatur. Und von all diesen Bestandteilen findet sich auch etwas im Roman "Miakro".

von Jörg Schieke, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Schrifsteller Georg Klein
Ist mit "Miakro" für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert: Schrifsteller Georg Klein Bildrechte: dpa

Zu den Lieblingsfiguren der Literatur – spätestens seit der Romantik – gehören die Doppelgänger, zu den Lieblingsorten die Labyrinthe, die Keller, die Spiegelkabinette, die Zwischenreiche und Geister-Orte. Hier findet auch Georg Klein seine literarischen Gebiete, die ihm, jenseits von fest strukturierter Handlung und aufgehäufter Personal-Psychologie, starke Bilder und skurrile Zuspitzungen in die Hand geben:

Aus "Miakro" von Georg Klein "In der Mittagszeit war der zuckende Bildstrom nach einem letzten spektakulär fauchenden Aufblitzen restlos erloschen. Nur am linken oberen Rand leuchtete noch, kleinfingertief eingesenkt und schmutzig gelb, ein rautenförmiger Fleck, dessen kümmerliches Blinken von einem gerade noch hörbaren Fiepsen untermalt wurde. Eine solche, dem Ruhe-Modus der Büronacht entsprungene Höchststörung war ihnen nie zuvor untergekommen."

Eine durch und durch künstliche Welt

Buch - Georg Klein: Miakro
In "Miakro" spielt Georg Klein mit Traditionen der Romantik ebenso wie mit denen der Science-Fiction-Literatur. Bildrechte: Rowohlt

Das ist die Aufgabe und der Alltag im so genannten Mittleren Büro: In einer durch und durch künstlichen, zugleich wie beim Militär streng getakteten Welt hat eine Gruppe von Männern auf Monitor-Tischen einen Strom von Bildern zu verfolgen. Eine Tätigkeit, die keinen erkennbaren Nutzwert abwirft. Wird also, auf diese Art, ein komplexer Herrschaftsapparat am Laufen gehalten, der eben nichts weiter tut, als eine Abfolge von unendlicher Bild-Produktion und anschließender Bild-Rezeption unaufhörlich durchzuspielen?

Immer mal wieder dringen aber doch Signale einer äußeren Welt in diese Labor-Wirklichkeit ein, und schließlich formiert sich eine Gruppe von Männern zum Ausbruch, zur Flucht in eine Freiheit, die wiederum nur eine Ahnung von Freiheit sein kann.

Aus "Miakro" von Georg Klein "Alles, was augenfällig gut war, was unseren kleinen Trupp hier draußen stetig vorangezogen und zusammengehalten hat, werde ich nicht geringschätzen, bloß weil es jetzt mit dem schieren Marschieren so unerwartet rasch und offensichtlich endgültig vorbei ist. Vor meinen nackten alten Zehen fließt das Bächlein, dem wir gefolgt sind, über eine stählerne Schwelle. Das Wasser des Verschollenen ergießt sich durch einen kaum fingerbreiten Spalt in eine Tiefe, die wir nicht einsehen können. Und keinem von uns ist bis jetzt die Idee gekommen, auf die Knie zu sinken, um diesem Abströmen, das Ohr ans kalte Metall gelegt, hinterherzulauschen."

Unentwegt werden neue Wundertüten ausgepackt

Angaben zum Buch

Angaben zum Buch

Georg Klein: "Miakro"
336 Seiten, gebunden, 24 Euro
ISBN: 978-3-498-03410-8
Auch als E-Book erhältlich (19,99 Euro)
ISBN: 978-3-644-04451-7
Rowohlt

Es ist eine Menge an literarischer Ausrüstung, die Georg Klein in seiner Roman-Welt bewegt. Ständig wechselnde Perspektiven, Pflanzen und Tiere mit magischen Eigenschaften, technische Details, die mal aus vormoderner Vergangenheit, mal aus einer hell leuchtenden Zukunft herüberstrahlen. Unentwegt werden in diesem Roman neue Wundertüten ausgepackt.

Das schwankende Gerüst des Geschehens aber ist ein großer Spiegel, das Ganze umspannender Spiegel, der wiederum von einem anderen großen Spiegel mit Bildern versorgt wird. Denn das, was die einen auf ihrer Flucht aus dem Geister-Reich erleben, haben sie selbst zuvor schon in ihrem Büro auf ihren Monitoren mit ansehen müssen.

Die Zeit ist in sich selbst verschachtelt. Jene Männer, die die Flucht wagen, werden in einer nächsten Zeitschleife sich selbst entgegen geschickt. Anfang und Ende füttern sich gegenseitig, Jäger und Gejagter beatmen einander mit der Energie der eigenen Verlorenheit.

Aus "Miakro" von Georg Klein "Ein Blitz genügt. Ein großer blauer Binnenblitz macht sie zu transparenten Schemen. Als bläuliche Schatten ihrer selbst recken sie durchscheinende Hände. Die Armen! Sie wollen noch nicht gehen. Jetzt, wo ihr Enden kein Momentlein länger aufzuschieben ist, erfassen sie wie schön es war, einfach nur da zu sein. Wie viele sind sie nun zuletzt? Wie viele sind sie am Morgen im Büro gewesen. Sie fingern allesamt ins Leere, sie recken sich zu Guler hin, den sie als einen schwebend Stürzenden noch einen süßen Augenblick erkennen dürfen. Sie wollen noch nicht gehen. Sie bleiben ungezählt."

Un-gezählt – aber doch gerettet, indem sie von Georg Klein er-zählt werden? Auch die andere Welt, die der Büro-Gruft gegenüberliegende Landschaft mit ihren Wald- und Seengebieten, ist eine, die nach strengen militärischen Regeln geführt wird. Alles, was passiert, Rebellion und Protest ebenso wie Demut und Selbstbescheidung, wird von einer seelenlosen Machtzentrale aufs Neue an die Bildmaschinen verfüttert – und von dort in Georg Kleins Roman-Maschine eingespeist.

Die anderen Nominierten für den Preis der Buchmesse

Über die Leipziger Buchmesse berichtet MDR KULTUR auch im Radio und Fernsehen: MDR KULTUR - Das Radio:
15.2. | 14:30 Uhr
15.3. | 12-14 Uhr und 17-19 Uhr
16.3. | 12-14 Uhr und 17-19 Uhr
18.3. | 12-13 Uhr

Im MDR Fernsehen:
15.3. | 22:05 Uhr "artour"
17.3. | 23:15 Uhr "Unter Büchern"

Zuletzt aktualisiert: 14. März 2018, 10:50 Uhr