Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren steht auf einem Spruchband, das Studenten 1967 beim Eintritt des neuen und des alten Rektors der Universität Hamburg ins Auditorium Maximum halten
Studentenproteste 1967 an der Universität Hamburg Bildrechte: dpa

Heinz Bude: "Adorno für Ruinenkinder. Eine Geschichte von 1968" 1968 - als die Revolution cool wurde

In seinem neuen Buch "Adorno für Ruinenkinder" erzählt der Soziologe Heinz Bude die Geschichte von 1968 anhand von Porträts. Das hat er schon einmal vor 30 Jahren getan, doch manche Perspektiven haben sich mittlerweile gewandelt. Er nennt sein Buch daher einen "Remix". Der 1954 in Wuppertal geborene Bude ist Spezialist für Generationsforschung. Bereits in seiner Habilitationsschrift beschäftigte er sich mit der Herkunft der 68er. Er lehrt u.a. als Professor für Makrosoziologie an der Uni Kassel und ist für das Hamburger Institut für Sozialforschung tätig.

von Bettina Baltschev, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren steht auf einem Spruchband, das Studenten 1967 beim Eintritt des neuen und des alten Rektors der Universität Hamburg ins Auditorium Maximum halten
Studentenproteste 1967 an der Universität Hamburg Bildrechte: dpa

Die 68er sind der große Mythos im Nachkriegsdeutschland: Den einen dienen sie zur nostalgischen Verklärung einer aufbegehrenden Jugend, die nicht nur die Vätergeneration mit den Naziverbrechen konfrontierte, sondern gleich noch die ganze Welt vom Joch des Kapitalismus befreien wollte. Den anderen sind sie noch heute Feindbilder - sie werden entweder für den Verfall aller Werte verantwortlich gemacht oder attackiert für ihr späteres Arrangement mit dem System, das sie in den 90er-Jahren bis in hohe Regierungsämter getragen hat.

Frischen Wind gebracht

Studenten 1968 bei  einem Sitzstreik vor dem Eingang zum Universitätsgebäude in Frankfurt am Main
Demonstration in Frankfurt am Maingegen die Notstandsgesetze 1968 Bildrechte: dpa

Eines scheint unzweifelhaft: 1968 (das mindestens schon im Jahr 1966 begann) hat der miefigen Bundesrepublik einen mächtigen Durchzug beschert und auf kulturellem Gebiet für eine gehörige Modernisierung gesorgt. Kein Wunder also, dass in jedem Jubiläumsjahr der Revolte in Büchern, Artikeln und Fernsehsendungen gedacht wird, und das ist natürlich auch 50 Jahre danach so. Inzwischen kann man wirklich von einem historischen Ereignis sprechen. Zumal die Protagonisten von 68 mittlerweile in ihren 70ern sind.

Die 68er im "Remix" von Heinz Bude

Der Soziologe Heinz Bude
Der Soziologe Heinz Bude, Autor von "Adorno für Ruinenkinder" Bildrechte: dpa

Schon vor 30 Jahren hat der Soziologe Bude Interviews mit Beteiligten der Studentenbewegung geführt und seine Erkenntnisse in dem Buch "Altern einer Generation" zusammengefasst. Nun kehrt er noch einmal zu diesen Gesprächen zurück. Einen "Remix" nennt er das. Was vor allem deshalb interessant ist, weil der Autor - heute älter als damals seine Interviewpartner - noch einmal andere Fragen an seine Mitschriften stellt.

Und er kommt auch teils zu neuen Antworten darüber, welche Rolle diese Generation im "Familienroman" der Bundesrepublik spielt. Es sind da einerseits jene, die von der Theorie angezogen wurden - von Marx und Adorno. Andererseits jene, die nach einem veränderten Lebensgefühl suchten, wie etwa die Feministin Adelheid Guttmann.

68 hieß nicht, das Ganze zu begreifen oder die Welt zu verändern, sondern seinem Sehnen nach Weite, Überschreitung und Metamorphose Ausdruck zu verleihen. 68 ist nicht Weltveränderung, sondern Selbstveränderung.

Adelheid Guttmann, Feministin
Feuerwehrleute löschen die Wartungshalle für Kraftfahrzeuge des Springer-Verlages in Berlin
Aus Protest wurden Autos des Springer-Verlages angezündet Bildrechte: dpa

Selbst Protagonisten, die seinerzeit im Zentrum des theoretischen Diskurses standen, über gewichtige Themen arbeiteten, haben ihr Tun in gewissem zeitlichen Abstand anders betrachtet.

Etwa Klaus Bregenz, ein Arbeiterkind, das in den Dunstkreis Adornos geriet, in Frankfurt promovierte und durchaus bei den Demonstrationen mitmarschierte, wenn auch mit innerlicher Skepsis.

Ich habe die bürgerliche Gesellschaft gemeint, aber über meine Familie gesprochen. Ich hätte diese Interpretation von Marx nicht geliefert, wenn ich nicht diese Familie gehabt hätte.

Klaus Bregenz, 68er

In diesem kurzen Zitat klingt an, worauf Bude hinaus will: Der Titel seiner auf biografischen Skizzen von 68ern beruhenden Studie lautet "Adorno für Ruinenkinder".

Sinnstifter Adorno

Theodor W. Adorno
Theodor W. Adorno inspirierte die 68er-Generation Bildrechte: dpa

Tatsächlich war der aus der Emigration nach Deutschland zurückgekehrte Philosoph Theodor W. Adorno für viele der aufrührerischen Studenten ein Magnet, das "Bezugs- und Liebesobjekt" der Sinnsucher, wie Bude schreibt. Durch ihn war der Übertritt in eine andere Sphäre möglich, hinaus aus dem, was dieser Generation von Ruinenkindern als familiäres und politisches Gepäck mitgegeben war.

Bude zitiert den Dichter Rolf Dieter Brinkmann, Jahrgang 1940: "die frühe Kulisse waren aufgerissene Straßen, abgedeckte Häuser, brennende Ruinen - lange her und in der ersten Zeit des Lebens, des Sehens, der Neugier, der ersten halbbewussten Wahrnehmungen versiegelt, eingeschlossen, nämlich was?: Trümmer, zerrissene Häuser, Betonbrocken, Brandphosphorbomben und blaue Narben am Körper eines Spielkameraden […] das ist es, was sich als erste Lebenskulisse ergab"

68 war die erste coole Revolte

Archivbild von Rudi Dutschke
Rudi Dutschke (l.) und Mitstreiter Bildrechte: IMAGO

Die Schlachten, die in der Familie ihren Ursprung hatten, wurden auf dem Feld der Gesellschaft ausgefochten; das Spielfeld wurde erweitert. Die dunkle Vergangenheit, der man entkommen war, wurde zur Kraftquelle, etwas gänzlich Neues zu wagen. Es ging um Befreiung. Die vaterlose Generation hatte traumatische Erfahrungen am Ende des Krieges gemacht - auch dagegen wurde revoltiert.

Bude entdeckt in den von ihm beschriebenen Fällen Parallelen: Die Erfahrung von Flucht, Vertreibung und Nachkriegselend verbindet diese Generation. Und noch etwas anderes: Sie wuchs in eine Zeit hinein, die ein Versprechen in sich trug - der soziale Aufstieg war der Normalfall. Das Schlimmste, nämlich der Krieg und die Verbrechen der Eltern, lag hinter ihr. 1998 - mit der rot-grünen Regierung - habe sie sogar noch einmal eine zweite Chance erhalten, konnte gestalten.

Heute kein Adorno in Sicht

Im Kontrast dazu befinde sich die Enkelgeneration der 68er heute in einer weitaus schwierigeren Lage: Sie hat das Gefühl, die guten Jahre liegen hinter, nicht vor ihr. Und ein neuer Adorno, der dieser Generation als Leitstern in kommenden Tumulten dienen könnte, ist nicht in Sicht.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. März 2018 | 13:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. März 2018, 08:30 Uhr

Angaben zum Buch

Heinz Bude: Adorno für Ruinenkinder. Eine Geschichte von 1968
Bildrechte: Hanser Verlag

Heinz Bude: "Adorno für Ruinenkinder. Eine Geschichte von 1968"

Heinz Bude: "Adorno für Ruinenkinder. Eine Geschichte von 1968"
128 Seiten, gebunden
Hanser Verlag
Buch: ISBN 978-3-446-25915-7 (17 Euro)
E-Book: ISBN 978-3-446-26063-4 (12,99 Euro)