Jan Weiler am 13.10.2017 auf der Frankfurter Buchmesse 2017.
Jan Weiler Bildrechte: IMAGO

Hörbuch: Jan Weiler - "Kühn hat Ärger" Münchner Verbrechen zwischen Problemkiez und Nobelvilla

Jan Weiler hat seinen Ermittler Martin Kühn zu zweiten Mal in die Spur geschickt. Diesmal geht es nicht nur um einen Kriminalfall, auch die Schere zwischen Arm und Reich am Beispiel der Münchner Lebenswelt betrachtet der Autor. Weiler hat eine feste Fan-Gemeinde. Schon sein erstes Buch "Maria, ihm schmeckt's nicht!", in dem er von seinen italienischen Schwiegereltern erzählt, war ein Bestseller. Seitdem hat er zahlreiche Romane, Drehbücher und Kolumnen geschrieben. Vor drei Jahren legte er mit "Kühn hat zu tun" seinen ersten Krimi vor.

von Tino Dallmann, MDR KULTUR

Jan Weiler am 13.10.2017 auf der Frankfurter Buchmesse 2017.
Jan Weiler Bildrechte: IMAGO

Der Ermittler Martin Kühn ist zurück - und noch immer ein durchschnittlicher Typ, mit durchschnittlichem Gehalt und durchschnittlichen Problemen. Allerdings ist Kühn noch ganz schön mitgenommen von seinem letzten Fall, den er nur knapp überlebt hat. Und so trifft der Leser Kühn vor dem Spiegel wieder, darum bemüht, sich ein Bild von sich selbst zu machen:

Ausschnitt aus "Kühn hat Ärger" von Jan Weiler "Er hatte erst vor Kurzem damit begonnen, sich selbst zu betrachten. Vor diesem Sommer hatte er eine eher funktionale Beziehung zu seinem bald 45 Jahre alten Körper gepflegt. Er hatte - wenn überhaupt - ihn als weitgehend wartungsfreie Lebensmaschine wahrgenommen. Er war nie ernsthaft krank gewesen, hatte jedoch auch nicht über die Maßen gesund gelebt. Er hatte sich nichts zugemutet, war aber auch niemals vor Anstrengungen zurückgewichen."

Keine Zeit zur Erholung

Zur Erholung wurde Kühn in ein Reha-Zentrum für Beamte gesteckt, zusammen mit ausgebrannten Mitarbeitern der Stadtverwaltung und drogensüchtigen Grenzschützern. Lange ausruhen kann sich Kühn aber nicht. Ein Mann wird tot in einem Nobelviertel gefunden. Sein Körper ist seltsam verdreht und wurde mit Tritten und Schlägen traktiert. Das Gesicht des Toten ist vor lauter Schwellungen kaum zu erkennen.

Ausschnitt aus "Kühn hat Ärger" von Jan Weiler "Lange betrachtete er den Toten und sagte zu sich selbst: Rede mit mir. Was ist mit dir passiert? Und warum? Was hast du getan, dass du so bestraft wurdest? Hast du was getan? Und wer bist du? Und der Mann sprach, wenn auch nur durch Äußerlichkeiten. Das ist teure Kleidung, sagte Kühn, als er sich erhob. Die Jeans und der Hoodie. Das sind Markensachen. Und diese Nike-Sneaker. Die sind selten."

Münchner Gegensätze

Kuppeldächer der Marienkirche in München, davor die goldene Marienskulptur
In München klafft die Schere zwischen Arm und Reich besonders weit auseinander. Bildrechte: Colourbox

Vor drei Jahren erschien der erste Roman um Martin Kühn und war damals schon mehr Gesellschaftsroman als Krimi. Auch in seinem zweiten Fall sieht sich Kühn mit den Gegensätzen seiner Heimatstadt München konfrontiert, in der die Schere zwischen Arm und Reich besonders weit aufgeht. Kühn kennt die Konflikte, zu denen diese Gegensätze führen. Er lebt in einer Neubausiedlung vor der Stadt. In zivilisatorischer Randlage, wie er selbst sagt:

Ausschnitt aus "Kühn hat Ärger" von Jan Weiler "Es gibt in einer Stadt wie München zwei Sorten von Bewohnern der so genannten Stadtrandgebiete. Die einen haben es nicht nötig in der Stadt zu wohnen. Und die anderen können es sich nicht leisten. Die einen fahren später zur Arbeit als die anderen und benutzen dafür die Direktorenautobahn aus Richtung Garmisch. Die anderen kommen aus dem Westen, dem Norden oder dem Osten. Viele mit dem Auto, die meisten aber mit den Öffentlichen."

Autor liest Hörbuch selbst

Gelesen wird das Hörbuch von Jan Weiler selbst, der die Nuancen seiner Figuren sicher trifft. Egal, ob es sich um einen Jugendlichen aus einem Problemviertel der Stadt oder um eine selbstbewusste Mittfünfzigerin aus der oberen Schicht handelt. Durch das Hörbuch wird besonders deutlich, wie sich Weilers sanfter Humor an der Realität abarbeitet. Dieser typische Weiler-Tonfall lässt auch den härtesten Fall nicht ganz hoffnungslos erscheinen:

Ausschnitt aus "Kühn hat Ärger" von Jan Weiler "Wer kann schon wissen, was der Morgen bringt? Oder auch nicht bringt? Gewissheit? Eine neue Liebe? Ein Schreiben vom Anwalt? Einen Grippevirus? Das ist das Schöne am Leben: Bei Tageslicht betrachtet ist es niemals langweilig, selbst wenn nichts geschieht. Denn es besteht immer die Möglichkeit, es könnte etwas geschehen. Etwas Großes."

Mit Kühns zweitem Fall beweist sich Jan Weiler als souveräner Autor, der auch im Krimi das Schwere überraschend leicht erzählen kann. Zweifellos wird Martin Kühn weiter ermitteln. Was ihn dann erwartet? Wahrscheinlich nichts Gutes. Aber daran ist Kühn gewöhnt.

Buchcover:  Jan Weiler – Kühn hat Ärger
Bildrechte: Piper Verlag

Jan Weiler "Kühn hat Ärger"
Als Hörbuch:
Hörbuch MP3-CD, 1 CD, Laufzeit: 673 Minuten, 20 Euro
ISBN: 978-3-8445-2554-0
Der Hörverlag


Als Buch:
400 Seiten, gebunden, 20 Euro
ISBN 978-3-492-05757-8
Piper Verlag


Als E-Book:
400 Seiten, gebunden, 17,99 Euro
ISBN 978-3-492-99105-6
Piper Verlag

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. März 2018 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. März 2018, 08:29 Uhr

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