Julia Schoch
Bildrechte: Ulrich Burkhardt

Julia Schoch "Schöne Seelen und Komplizen" "Irgendwann werden wir alles auf die Wendezeit schieben können"

Als Julia Schoch vor einigen Jahren mit ihrem Roman "Mit der Geschwindigkeit des Sommers" für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war, überboten sich die Kritiker mit ihrem Lob. "Ein poetisches Abenteuer“ hieß es da. Oder: "Wunderbar geschriebene Erinnerungen an einen Ort namens DDR“. Ihr neuer Roman schlägt eine ähnliche Richtung ein: "Schöne Seelen und Komplizen“ verfolgt die Biographien einer Schulklasse aus der Wendezeit bis in die Gegenwart.

von Tino Dallmann, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Julia Schoch
Bildrechte: Ulrich Burkhardt

Wer von einer schönen Seele spricht, meint einen Menschen, bei dem Gefühle und sittliche Kräfte in einem harmonischen Verhältnis zueinanderstehen. Bei Julia Schoch wird diese Harmonie erst in der Collage erreicht. In ihrem neuen Roman arrangiert sie zahlreiche Biographien und folgt den Lebensläufen von Potsdamer Schülern, die in der Wendezeit ihren Abschluss machen und als Letzte die feinen Mechanismen von Förderung und Schikane im DDR-Alltag erleben:

In der Achten war ich bei einer Berufsberatung. Ein Typ von der Kunsthochschule hielt einen Vortrag. […] Dann versicherte er uns, dass jeder an der Schule willkommen sei, aber gleichzeitig zeigte er uns die Mappen, um uns keine Hoffnung zu machen. Genau diese Art von Spielchen macht, dass man jede Lust verliert. Das Dumme ist, ihre Rechnung geht sogar auf: Danach habe ich ein halbes Jahr keinen Stift anfassen können.

Ausschnitt aus "Schöne Seelen und Komplizen"

"Man hat eine Vergangenheit und macht daraus ein Museum"

Julia Schoch erzählt diese Lebensläufe elegant, fast beiläufig. Wenn im ersten Teil des Buches immer mehr Menschen über Ungarn flüchten und schließlich die Mauer fällt, dann genügen wenige Sätze, um das jeweilige Kapitel in der Zeitgeschichte zu verorten. Der Untergang der DDR ist ohnehin an der Stimmung der Klasse ablesbar:

Es kann schnell kippen, dann steht man da und weiß nicht, was man tun soll. So wie neulich, als Kati im Unterricht plötzlich in Tränen ausbrach. Sie hatte wegen der unangekündigten Bioarbeit protestiert. Das heißt, eigentlich hatte sie nur gesagt, dass sie hätte keine Zeit zum Lernen gehabt, woraufhin Rupert von hinten fragte, ob sie ihrem Vater nachts beim Aktenvernichten helfen würde.

Ausschnitt aus "Schöne Seelen und Komplizen"
Buchcover:  Julia Schoch – Schöne Seelen und Komplizen
Das Buch "Schöne Seelen und Komplizen" Bildrechte: Piper Verlag

Nach der Hälfte macht der Roman einen Schnitt und wechselt ins Heute: aus den hoffnungsvollen Schülern von einst sind Menschen geworden, die sich im Kleinklein des Alltags oder im wirtschaftlichen Wettbewerb zu verlieren drohen. Ehen stehen auf der Kippe, die Arbeit ist unsicher und zur eigenen Geschichte hat jeder ein anderes, oft schwieriges Verhältnis.

Man hat eine Vergangenheit und macht daraus ein Museum, eins, in dem man ratlos durch die Gänge schleicht. Die haben wir alle doch schon hundert Mal gesehen, sage ich entnervt, was stimmt, und nicht nur Antonioni, unser ganzes Leben haben wir Filme geschaut, haben wir nicht ALLES gesehen, denke ich plötzlich, […] immerfort sind wir ins Kino gerannt.

Ausschnitt aus "Schöne Seelen und Komplizen"

Wahre Freiheit ist die Freiheit von Herkunft

Eigentlich will man den Roman kreuz und quer lesen – zurückblättern und nachschauen, wie sich gewisse Verhaltensmuster schon in der Kindheit gezeigt haben. Denn Julia Schoch macht deutlich, dass wir die eigene Geschichte aus vielen Fäden zusammenweben. Da spielt Politik eine, aber nicht die entscheidende Rolle – auch wenn bei einem Klassentreffen am Ende des Buches natürlich die Rede auf die DDR-Kindheit kommt: 

Dann beschwören sie die lustigen Dinge herauf, Fahnenappelle, Sport- und Staatsbürgerkundeunterricht, Reagan, Breschnew und Honecker sitzen zusammen im Flugzeug, sie zählen die russischen Staatschefs auf, die Atmosphäre war elektrisiert. Alle drei Sekunden ein fröhlicher Aufschrei, als ob es guttun würde, der Vergangenheit nicht allein ausgesetzt zu sein.

Ausschnitt aus "Schöne Seelen und Komplizen"

Julia Schoch erzählt ihre Geschichte mit einem feinen Humor. Irgendwann, sagen die Schüler, werden wir all das Schlechte, das uns passiert ist, auf die Wendezeit schieben können. Ganz so einfach macht es sich der Roman natürlich nicht. Und doch tragen die Figuren zum Teil schwer an der neu gewonnen Freiheit. Passend dazu zitiert Schoch an einer Stelle Satre: "Wahre Freiheit ist die Freiheit von Herkunft". Julia Schochs Figuren ist diese Freiheit nicht vergönnt.

Angaben zum Buch

Angaben zum Buch

Julia Schoch: "Schöne Seelen und Komplizen"
Piper Verlag
320 Seiten
20 Euro (gebunden)
ISBN 978-3-492-05773-8

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Nachmittag | 02. März 2018 | 17:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. März 2018, 08:30 Uhr

Angaben zum Buch

Angaben zum Buch

Julia Schoch: "Schöne Seelen und Komplizen"
Piper Verlag
320 Seiten
20 Euro (gebunden)
ISBN 978-3-492-05773-8

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