Lukas Bärfuss
Lukas Bärfuss Bildrechte: MDR/Stephan Flad

Essayband "Krieg und Liebe" Lukas Bärfuss beschimpft die Schweiz hingebungsvoll

Lukas Bärfuss zählt zu den bekanntesten und besten Autoren der Schweiz. Seine Romane wurden in über 20 Sprachen übersetzt, seine Theaterstücke werden weltweit gespielt. Und Bärfuss ist jemand, der sich einmischt. "Krieg und Liebe" heißt - nach "Stil und Moral" von 2015 - ein neuer Essayband des Autors. Darin schreibt er unter anderem über Fremdenfeindlichkeit, Populismus und Steuerhinterzieher.

von Holger Heimann, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Lukas Bärfuss
Lukas Bärfuss Bildrechte: MDR/Stephan Flad

Sein Heimatland ist Lukas Bärfuss nicht geheuer. "Die Schweiz ist des Wahnsinns" hat er in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) in einem längeren Beitrag formuliert, der jetzt auch in dem Essayband "Krieg und Liebe" abgedruckt ist. Es ist ein Rundumschlag. Der wütende Autor schreibt über Antisemitismus, Populismus und den Aufstieg der Rechten in der Schweiz. Er zielt auf korrupte Sportfunktionäre, Steuerhinterzieher und Fremdenfeinde. Seit Thomas Bernard hat kaum jemand sein Heimatland so hingebungsvoll beschimpft.

Aus "Krieg und Liebe" von Lukas Bärfuss "Vertrauen kann ein Schweizer Bürger heute eigentlich nur noch auf die Justiz. Allerdings nicht auf die schweizerische, sondern auf die US-amerikanische. Sie sorgt regelmäßig dafür, dass die Eidgenossenschaft den Kontakt zu den zivilisatorischen Nationen nicht ganz verliert. Ohne die Staatsanwälte aus Übersee hätten die Banken das Gold der ermordeten Juden bis heute nicht zurückbezahlt."

Kritische Stimme

In der Schweiz ist die Anklage nicht gut angekommen. Aber Lukas Bärfuss hat nachgelegt und kürzlich - abermals in der FAZ - die Unabhängigkeit der Jury, die den wichtigen Schweizer Buchpreis vergibt, angezweifelt. Der Text ist nicht im Band abgedruckt.

Dafür aber zum Beispiel eine Rede, die der Autor im Vorjahr in Dresden gehalten hat. Bärfuss erspart auch dort seinen Zuhörern nicht den Blick auf eine hässliche Wirklichkeit.

Wenn er von der Gewalt und dem Hass gegen Flüchtlinge in Sachsen spricht, dann wird er immer konkret, dann zählt er auf: Bautzen, Wurzen, Dresden, Clausnitz. Aber Bärfuss ist zuallererst ein Schriftsteller, seine Dresdner Rede heißt "Am Ende der Sprache".                                                                                      

Aus Lukas Bärfuss' Dresdner Rede - in "Krieg und Liebe" "Die Menge der Worte ist definiert durch das Wörterbuch / Die Form der Sätze ist definiert durch die Grammatik / Die Freiheit beginnt in der Reihung der Sätze / Niemand bestimmt / welcher Satz auf den nächsten zu folgen hat / In der Reihung der Sätze beginnen die Erzählungen / die Gedichte und also die Zusammenhänge / Die Koordinaten / die Knotenpunkte / Und Dresden ist eine solche Koordinate / ist eine solche Erzählung / weil Dresden die Möglichkeiten zeigt / die Wahl die wir haben / Entweder Sprache oder Gewalt."

Vom Offensichtlichen zum Überraschenden

In den eindrücklichsten Essays dieses Autors führt eine, eher offensichtliche Überlegung mindestens immer noch zu einer zweiten, überraschenderen. So auch in der Dresdner Rede. Denn zu einem Ende kommt die Sprache nicht nur dort, wo die Worte durch Gewalt abgelöst werden, sondern, so weiß Bärfuss, auch in der Liebe, weil es keiner Worte mehr bedarf.

Aus Lukas Bärfuss' Dresdner Rede - in "Krieg und Liebe" "Am anderen Ende der Sprache / beginnt die Zärtlichkeit / Und ist es vielleicht ein Mangel der menschlichen Existenz oder ein Segen / ich habe es noch nicht herausgefunden / dass wir erstens im selben Moment / nur einen einzigen Menschen küssen können / und dass wir zweitens nicht nur mit einem einzigen Menschen leben können / Und solange wir nicht gelernt haben / gleichzeitig die ganze Menschheit zu küssen / solange wir dieses Schweigen nicht gelernt haben / das andere Ende der Sprache / so lange werden wir Sätze bilden müssen / Zusammenhänge / Wir werden uns abmühen müssen mit der Grammatik des menschlichen Zusammenlebens."

Die Sprache - wie und wozu sie benutzt und immer wieder auch missbraucht wird - das ist das wiederkehrende Thema von Lukas Bärfuss. Nachgedacht hat er darüber auch in seinen Bamberger Poetikvorlesungen.

Aus Lukas Bärfuss' Bamberger Poetikvorlesung - in "Krieg und Liebe" "Die Smartphones in unsere Taschen verbreiten Nachrichten, die eine Wirkung erzielen, unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt. Journalisten schreiben heute keine Artikel, sie schreiben eine Geschichte. Konzerne verkaufen keine Produkte, sie verkaufen Geschichten. Man hört manchmal die bange Frage 'Was hat die Literatur für eine Funktion in unserer Gesellschaft?' Soweit es um die Fiktion geht, sollte man sich deswegen keine Sorgen machen. Im Gegenteil. Man sollte lieber die Frage stellen: 'Was rettet uns vor der Fiktion?'"

Lukas Bärfuss hat sich selbst einmal als einen Suchenden beschrieben, für den die literarische Auseinandersetzung mit einem Thema die Fragen vergrößert. Das gilt auch für seine besten Essays. Sie öffnen Räume zum Nachdenken.

Angaben zum Buch Lukas Bärfuss: "Krieg und Liebe"
Essays
290 Seiten, 22 Euro
ISBN: 978-3-8353-3241-6
Auch als E-Book erhältlich
ISBN: 9783835342408
Wallstein Verlag

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. März 2018 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Juli 2019, 10:55 Uhr