Interview Buchmesse-Direktor Oliver Zille zur Absage: "Die bitterste Entscheidung"

Die Leipziger Buchmesse ist eine Messe, die normalerweise tausende Menschen anzieht. Bei der letzten Ausgabe 2019, vor Ausbruch der Corona-Pandemie, wurden auf der Messe und beim Lesefestival "Leipzig liest" 286.000 Besucher gezählt. Ein Aufeinandertreffen von Lesefans, Autorinnen, Autoren und Verlagen wird es Corona-bedingt aber auch in diesem Jahr nicht geben. Oliver Zille, Direktor der Leipziger Buchmesse, spricht im Interview über die Gründe für die Absage und über mögliche Alternativ-Ideen.

MDR KULTUR: Nachdem die Messe auf Mai verschoben worden war, folgte nun also die Absage der Publikumsmesse und des Branchentreffens mit rund 200.000 Leuten. Tausende von Ausstellern und Autoren sehen jetzt auch ihre Bühne wegschwimmen. Wie geht es Ihnen jetzt mit dieser Entscheidung?

Oliver Zille: Für uns ist das natürlich die bitterste Entscheidung, die wir treffen mussten. Zum Zeitpunkt jetzt – und ganz offen gesagt bis zum Jahresende – waren wir immer noch guten Mutes, auch als die Impfkampagne begann, dass wir Ende Mai Bedingungen haben werden, die Buchmesse durchzuführen auf dem Messegelände. Und in den letzten Tagen hat sich aber gezeigt, dass das nicht realistisch ist, dass wir Anfang des Jahres vor allen Dingen eine Planungssicherheit, einen Rechtsrahmen für die Organisation so einer komplexen großen Veranstaltungen auf dem Messegelände haben würden. [...] Wir hatten mit einer Minimalzahl von 100.000 Besuchern gerechnet, damit sich auch die Investments der Aussteller, der Verlage am Ende wieder rechnen. Und diese Rechnung ist einfach nicht aufgegangen. Wir haben diese Rechtssicherheit zur Durchführung auf dem Messegelände nicht. Und diese Verantwortung können und wollen wir nicht übernehmen.

Was bleibt dann noch übrig? Was gibt es in der Stadt zwischen dem 27. und dem 30. Mai in Leipzig zu sehen?

Das werden wir jetzt in guter Ruhe planen. Klar ist, dass wir den "Preis der Leipziger Buchmesse" in der Kongresshalle physisch durchführen wollen und werden. Klar ist auch, dass es eine Eröffnung dieses abgespeckten Lesefestes geben wird, mit der Verleihung des "Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung". Das muss jetzt beraten werden, wieviel Teile davon digital sind, was physisch ist. Es wird auch ein bisschen davon abhängen, wie die Pandemie-Entwicklung in den nächsten Wochen und Monaten voranschreitet. Im Positiven sage ich jetzt mal, dass wir im März halbwegs abschätzen können, was uns im Mai erwartet. Und dann werden wir letzte Entscheidungen treffen.

Aber ich nehme an, dass ein kleineres Format, also eine Fachmesse für Verleger, Autoren, vielleicht Journalisten, jetzt auch nicht mehr in Ihren Überlegungen stattfindet?

Das haben wir so auch nie überlegt. Wir sind in erster Linie eine Publikumsmesse. Wir sind eine Messe der Begegnung, zur Sichtbarmachung von Literatur. Das ist sozusagen unser genetischer Code. Und das ist das, was die Branche von Leipzig erwartet. Und deswegen haben wir eben auch die Entscheidung getroffen, diesen Messe-Verbund – der ja aus einer klassischen Buchmesse zum Beispiel mit Publikumsverlagen besteht, aber auch aus einem großen Bildungsteil, aus einem Manga-Comic-Con-Teil, aus einer Antiquariatsmesse, aus einem Buchkunstteil – dass das nicht sinnvoll in ein digitales Format überführbar ist. Das haben auch andere Messen in der Vergangenheit leider sehr bitter gezeigt, dass man viel öffentlich zeigen kann, aber dass die Marktwirkung eine sehr begrenzte bleibt.

Ich höre bei Ihnen heraus, dass, wenn Sie Investments jetzt eben frühzeitig stoppen, Sie dann aber auch für die Leipziger Buchmesse eben noch eine finanzielle Zukunft sehen.

Also für die Leipziger Buchmesse sehe ich generell eine Zukunft, weil der Bedarf für so ein Format der persönlichen Begegnung, der gesellschaftlichen Debatte, der Literatur-Promotion dringend gebraucht wird. Das sagen uns auch alle unsere Kunden, auch die Skeptischsten sagen: "Die Situation ist jetzt so. Aber generell stehen wir zu Leipzig und sehen dringend den Bedarf, solche Formate durchzuführen." Wir hätten es auch unter allen Umständen durchgeführt, wenn die Rahmenbedingungen uns das erlaubt hätten. Tun sie leider nicht, und das ist eben jetzt der bittere Moment, das öffentlich zu machen.

Das Interview führte Moderatorin Julia Hemmerling für MDR KULTUR.

Alles zur Buchmesse 2021

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. Januar 2021 | 12:10 Uhr

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Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei