Literatur Corona-Virus, Ostdeutschland und die EU: So war die "virtuelle Buchmesse"

Nach der Absage der Leipziger Buchmesse haben MDR KULTUR und die ARD die "virtuelle Buchmesse" veranstaltet. Interviews mit Autorinnen und Autoren wie Ingo Schulze, Katja Riemann, Nora Gomringer, Abbas Khider und Greta Taubert wurden ins Radio und Netz übertragen. Eines der Hauptthemen des Tages war das Ende der DDR – und wie das bis heute nachwirkt. Den Ist-Zustand der Gesellschaft analysierten Joschka Fischer und Hans-Joachim Maaz.

Greta Taubert und Peter Hartlapp 2 min
Bildrechte: MDR/Andreas Lander

Nach der Absage der Leipziger Buchmesse haben MDR KULTUR und die ARD die "virtuelle Buchmesse" veranstaltet – das waren Interviews mit Ingo Schulze, Katja Riemann, Nora Gomringer, Abbas Khider, Greta Taubert u. a.

So 15.03.2020 09:41Uhr 01:56 min

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Video

Nachdem wegen des Corona-Virus die Leipziger Buchmesse abgesagt wurde, ist auch bei der "virtuellen Buchmesse" die Pandemie natürlich für alle ein Thema. Denn wie die meisten Kulturschaffenden leiden Autorinnen und Autoren unter Absagen von Lesungen und Veranstaltungen. Auch die Journalistin Valerie Schönian musste ihre Buchpremieren absagen. "Ich bin traurig", sagt sie. "Aber es gibt Wichtigeres." Der hallesche Fotograf Mario Schneider spricht von einem "Aus-Knopf, der gedrückt wurde". Er findet es interessant, dass alles stillsteht. "Ich bin gespannt, wie sich das auf unsere Seelen auswirkt und uns das rausnimmt aus dem Welten-Rad, das sich ständig dreht." Er, der beruflich ansonsten viel auf Reisen ist, nutze die Zeit nun auch, um mit seiner Tochter Super Mario zu Ende zu spielen.

Ost-Männer sind nicht nur Wendeverlierer

Virtuelle Buchmesse
Greta Taubert Bildrechte: Andreas Lander/ MDR

Neben den Auswirkungen des Corona-Virus geht es bei der "virtuellen Buchmesse" vor allem um die Neuerscheinungen, die die Autorinnen und Autoren in halbstündigen Interviews vorstellten. Viele thematisieren darin die Entwicklung in Ostdeutschland. Die Leipziger Journalistin Greta Taubert ist durch die Republik gereist und hat mit Ost-Männern über ihre Sicht aufs Leben und das Mannsein gesprochen. In ihrem Buch "Guten Morgen, du Schöner" und im Gespräch bei MDR KULTUR, bei dem sie virenabwehrende glitzernde Handschuhe trägt, bricht sie eine Lanze für den Ost-Mann, der viel vielfältiger sei als das Klischee vom AfD wählenden Wendeverlierer. Denn die weitaus größere Menge der ostdeutschen Männer laufe schließlich nicht bei Pegida mit.

Eindrücke von der virtuellen Buchmesse

Die Buchmesse fand diesmal nicht in Leipzig sondern in Halle statt, in den Studios von MDR KULTUR.

Blick in den Innenhof des Funkhauses in Halle.
Der Ort des Geschehens: das Radiostudio von MDR KULTUR in Halle. Bildrechte: MDR/Andreas Lander
Blick in den Innenhof des Funkhauses in Halle.
Der Ort des Geschehens: das Radiostudio von MDR KULTUR in Halle. Bildrechte: MDR/Andreas Lander
Studiototale mit Gästen und Mitarbeitern.
So sah es drinnen aus: eng. Bildrechte: MDR/Andreas Lander
Virtuelle Buchmesse
Da wo sonst nur am Mischpult der Ton geregelt wird, wurden diesmal Videosignale verwaltet Bildrechte: Andreas Lander/ MDR
Gäste im Studio während Gesprächen mit Moderatoren.
Erster Gast war der gebürtige Dresdner Autor Ingo Schulze, der seinen Roman "Die rechtschaffenen Mörder" mitgebracht hatte. Bildrechte: MDR/Andreas Lander
Gäste im Studio während Gesprächen mit Moderatoren.
Auf ihn folgte der Hallenser Stephan Ludwig (rechts) im Gespräch mit MDR KULTUR-Redaktionsleiter Reinhard Bärenz über sein Buch "Unter der Erde". Bildrechte: MDR/Andreas Lander
Gäste im Studio während Gesprächen mit Moderatoren.
Greta Taubert stellt ihr Buch "Guten Morgen, du Schöner" über ostdeutsche Männer vor. Bildrechte: MDR/Andreas Lander
Virtuelle Buchmesse
Für Aufmerksamkeit sorgte sie auch mit ihren goldenen Corona-Schutzhandschuhen. Bildrechte: Andreas Lander/ MDR
Virtuelle Buchmesse
Durchs Programm führte MDR KULTUR-Literaturredakteurin Katrin Schumacher. Bildrechte: Andreas Lander/ MDR
Denis Scheck und Katrin Schumacher
Sie begrüßte auch Literaturkritiker Denis Scheck in Halle. Bildrechte: MDR/Andreas Lander
Denis Scheck
Scheck hatte für sein "Best of Druckfrisch" wie gewohnt einen großen Stapel Bücher mitgebracht. Bildrechte: MDR/Andreas Lander
Interviewsituation - Ein Mann spricht.
Auch auf den Gängen vor dem Radiostudio wurden Interviews geführt - hier der Schweizer Autor Tom Kummer mit einem Fernsehteam des MDR. Bildrechte: MDR/Andreas Lander
Nadia Budde
Am Buffet gab es die Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Hier die Kinderbuch-Illustratorin Nadia Budde. Bildrechte: MDR/Andreas Lander
Virtuelle Buchmesse
Begrüßung in Corona-Zeiten. Valerie Schönian und Moderator Ben Hänchen. Bildrechte: Andreas Lander/ MDR
Gäste im Studio während Gesprächen mit Moderatoren.
Valerie Schönian im sehr lebendigen Studiogespräch Bildrechte: MDR/Andreas Lander
Gäste im Studio während Gesprächen mit Moderatoren.
MDR-Literaturexpertin Bettina Baltschev. Bildrechte: MDR/Andreas Lander
Eine Frau posiert an einem Geländer für ein Foto. Im Hintergrund der Innenhof des Funkhauses in Halle.
Eva Sichelschmidt, im Hintergrund der MDR KULTUR-Studiobereich und eine Etage darunter arbeiten die Kolleginnen und Kollegen von MDR SPUTNIK Bildrechte: MDR/Andreas Lander
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Empowerment der Nachwendekinder

Virtuelle Buchmesse
Valerie Schönian Bildrechte: Andreas Lander/ MDR

Auch die Journalistin Valerie Schönian, die kurz vor der Wiedervereinigung in Sachsen-Anhalt zur Welt kam, will in ihrem Buch den Blick auf Leute lenken, die für einen progressiven Osten streiten. In ihrem Buch "Ostbewusstsein“ geht es weniger um Männer als vielmehr um junge Menschen, die sich kaum an die Wende erinnern, aber in Ostdeutschland wohnen. „Die sind da und versuchen, ihre Heimat besser zu machen“, sagt sie. Auch Schönian ist Nachwendekind und nach eigenem Bekunden im Bewusstsein von 16 Bundesländern aufgewachsen. Irgendwann bekam sie aber mit, dass doch Unterschiede zwischen Ost und West gemacht werden. Als sie in München war, landete sie als "Ossi" in einer Schublade, die ihr nicht behagte. Also schrieb sie darüber, "warum Nachwendekinder für den Osten streiten und was das für die Deutsche Einheit bedeutet". Ein Aufruf zum Ostempowerment. "Es gibt hier noch viele Freiräume, die lange als Leere betrachtet wurden“, sagt sie, "aber da können viele Dinge entstehen."

Jan Wenzel und Wolfgang Schwärzler haben das Buch "Das Jahr 1990 freilegen" herausgebracht. "Es ist eins der interessantesten Jahre für mich", sagt Jan Wenzel. Man solle nicht auf die Erinnerung vertrauen, denn sie könne trügerisch sein. In ihrer "Remontage" des Jahres 1990 kann man beobachten, wie in einer recht kurzen Zeit die Euphorie wegrutscht: Am 15. Januar wurde die Stasi-Zentrale in Ost-Berlin gestürmt, aber bis zum Tag der Deutschen Einheit im Oktober ist viel passiert.

Ein gespaltenes Land

Hans-Joachim Maaz
Hans-Joachim Maaz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nach vielen Rückblicken und Auseinandersetzungen mit der DDR-Geschichte und ihren Folgen in einem wiedervereinten Land, schauen einige Neuerscheinungen auch auf dem Ist-Zustand der heutigen Gesellschaft. Der Analytiker Hans-Joachim Maaz hat in seinem Buch "Das gespaltene Land" ein Psychogramm versucht. "Mit der Spaltung schwindet die Empathie", hat er beobachtet. "Aber das Leben ist nie schwarz-weiß“, betont er. Es herrsche die Auffassung, dass es nur eine richtige Meinung gebe. "Das ist das Ende der Basis einer Auseinandersetzung." Für ihn ist das demokratische Leben davon geprägt, dass man das gegenüber verstehen will. "Wenn jemand eine andere Meinung hat als ich, will ich ihn doch verstehen", glaubt. Das fange dann damit an, dass man seine eigene Meinung reflektiert.

Auch Michael Kraske hat eine Spaltung wahrgenommen, und zwar in Ostdeutschland. "Wie die Radikalisierung im Osten unser Zusammenleben zerstört", lautet der Untertitel seines Buchs "Der Riss", in dem der Leipziger Journalist darlegt, wie der offene Rassismus zugenommen hat. "In Sachsen scheinen sich an Gesellschaft und Institutionen an rechte Gewalt gewöhnt zu haben", sagte Kraske. Rechte Übergriffe seien normal geworden. "Eine Lösung ist dringend nötig", sagt er und hat auch einige Vorschläge: Mehr Unterstützung für soziale und demokratische Projekte, aber auch dass die Gehälter zwischen Ost und West angepasst werden.

Pandemie und Globalisierung

Mit der globalisierten Welt setzt sich der ehemalige Außenminister Joschka Fischer heute auseinander. "Willkommen im 21. Jahrhundert", heißt sein neue Buch, in dem er "Europas Aufbruch und die deutsche Verantwortung" behandelt. "Die Welt verändert sich radikal", sagt Fischer im Gespräch mit MDR KULTUR. "Es gibt offensichtlich einen angeborenen Konservatismus im menschlichen Denken." Für ihn werde die wichtigste Entscheidung in diesem Jahr sein, wie die USA wählt.

Joschka Fischer
Joschka Fischer im Gespräch mit Reinhard Bärenz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Und natürlich spielt auch der Corona-Virus eine Rolle. "Das wird eine unglaubliche Veränderung mit sich bringen", sagt  er. Pandemien habe es früher schon gegeben. "Aber in der globalisierten Welt mit den gegenseitigen Abhängigkeiten und einer Menschheit, die auch auf acht Milliarden zubewegt, werden solche Pandemien, aber auch Themen wie Flüchtlingsströme und Klimaschutz, uns alle betreffen. Die Menschheit ist aber nicht gewöhnt, jenseits der Staaten als Menschheit ein gemeinsames Interesse zu formulieren“, betont er und ist sich sicher: "Das wird sich ändern müssen!"

Die Gespräche des Tages zum Nachschauen

Joschka Fischer 27 min
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Ein Autor spricht im Studio 29 min
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Jan Wenzel und Wolfgang Schwärzler 27 min
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Eine Frau sitzt vor einem Mikrofon. 25 min
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Der Band "Gottesanbieterin" versammelt Gedichte von Nora Gomringer über Betrachtungen des Dies- und Jenseitigen. Darüber hat sie mit MDR KULTUR-Moderator Peter Hartlapp gesprochen.

MDR+ Sa 14.03.2020 16:00Uhr 25:15 min

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Hans-Joachim Maaz 28 min
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Eva Sichelschmidt 22 min
Bildrechte: MDR/Andreas Lander
 Stefan Wolle 25 min
Bildrechte: MDR/Andreas Lander
Virtuelle Buchmesse 21 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Valerie Schönian 23 min
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Virtuelle Buchmesse: Mario Schneider 26 min
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Virtuelle Buchmesse: Tom Kummer 21 min
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Er sorgte einst mit erfundenen Interviews für einen Skandal, inzwischen schreibt er Romane. In "Von schlechten Eltern" trauert er um seine Frau.

MDR+ Sa 14.03.2020 12:00Uhr 20:36 min

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Video
Denis Scheck 28 min
Bildrechte: MDR/Andreas Lander

Literaturkritiker Denis Scheck ist bekannt aus seiner Sendung "Druckfrisch" und berühmt-berüchtigt für seine pointierten Rezensionen.

MDR+ Sa 14.03.2020 11:30Uhr 27:44 min

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Greta Taubert 22 min
Bildrechte: MDR/Greta Taubert

Die ostdeutsche Journalistin ist durch die Republik gereist und hat für ihr Buch "Guten Morgen, du Schöner" mit Ost-Männern über ihre Sicht aufs Leben und das Mannsein gesprochen.

MDR+ Sa 14.03.2020 11:00Uhr 22:16 min

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Video
Stephan Ludwig 25 min
Bildrechte: MDR/Andreas Lander

Stephan Ludwig, Autor der "Zorn"-Bestseller, spricht über sein neues Buch "Unter der Erde". Es moderiert MDR KULTUR-Redaktionsleiter Reinhard Bärenz.

MDR+ Sa 14.03.2020 10:30Uhr 25:27 min

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. März 2020 | 10:00 Uhr

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