Der Schriftsteller und Arzt Jakob Hein lächelt in die Kamera.
Jakob Hein ist im Nebenberuf Psychiater und hat eine eigene Radiosendung. Jetzt hat er sein 14. Buch vorgelegt. Bildrechte: dpa

"Die Orientmission des Leutnant Stern" Jakob Hein hat für seinen neuen Roman eine absurde Geschichte entdeckt

von Rayk Wieland, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Der Schriftsteller und Arzt Jakob Hein lächelt in die Kamera.
Jakob Hein ist im Nebenberuf Psychiater und hat eine eigene Radiosendung. Jetzt hat er sein 14. Buch vorgelegt. Bildrechte: dpa

Deutschland 1914: Edgar Stern, ein junger deutscher Offizier im Ersten Weltkrieg, trägt nach dem Willen des Deutschen Reiches den Dschihad in die muslimische Welt. Es ist eine völlig absurde, unglaubwürdige Geschichte, die Hein für seinen neuen Roman ausgegraben hat. Tatsächlich hat sie sich aber so oder ähnlich ereignet. Natürlich gibt es einige fiktionale Ausschmückungen, doch Leutnant Stern, der in Wahrheit Edgar Stern-Rubarth heißt, gab er tatsächlich. Er starb 1973 und hinterließ eine Autobiographie.

Dschihad im Orient aus Langeweile geplant

Überhaupt ist dieser Roman auch eine kleine Versammlung von historischen Slapsticks, die sehr komisch wirken und sehr leichtfüßig und wunderbar erzählt werden von Hein. Das beginnt schon damit, wie Stern den Krieg, der da plötzlich zwischen Deutschland, Frankreich und England ausgebrochen ist, für einen schlechten Scherz hält. Er kann sich schlicht nicht vorstellen, dass so zivilisierte Nationen es überhaupt noch nötig haben, Krieg führen zu müssen.

Stern wird eingezogen, wartet auf seinen Einsatz und beginnt aus Langeweile ohne jeden Auftrag, einen Plan auszuarbeiten, "den atemberaubendsten Plan des noch jungen Krieges", wie es bei Hein heißt. Es sind 12 in Schönschrift abgeschriebene Kanzleibögen, die er direkt an die Oberste Heeresleitung schickt. Mit einem von ihm angeführten Terrorkommando solle man zunächst den Suez-Kanal sprengen, um den Engländern dort ihre überlebenswichtigen Handelswege abzuschneiden. Damit sollte das Deutsche Reich mit einem Bürgerkrieg im Sinai entlastet werden. Und dann geschieht das große Wunder, an allen Befehlsketten und Dienstwegen vorbei: Nach ein paar Tagen wird der kleine Leutnant persönlich ins Kriegsministerium bestellt, wo man seinen Plan äußerst beachtlich findet und verwirklichen will.

Ein großer Plan verpufft

Jakob Hein: Die Orient-Mission des Leutnant Stern
Jakob Hein: "Die Orient-Mission des Leutnant Stern"
Erschienen im Galiani Verlag
Bildrechte: Verlag Galiani

Doch zu dem Anschlag am Suezkanal kommt es nie. Er wird vereitelt durch den Kriegseintritt der Türkei bzw. der Hohen Pforte, die die Dardanellendurchfahrt sperrt und England damit zwingt, seinerseits Ägypten ganz zu besetzen und den Suezkanal auf beiden Seiten zu sichern. Auf großartige Art und Weise zeigt der Roman damit, wie leicht weltpolitische Entwicklungen in die Lebenswege von Menschen hineingrätschen können: Da Stern schon mal im Ministerium ist, beschließt man dort, seinen Plan abzuwandeln. Er wird damit betraut, eine als Zirkustruppe getarnte Ansammlung muslimischer Kriegsgefangener nach Konstantinopel zu geleiten. Dort sollen sie als deutsche Delegation der Ausrufung des Dschihad durch den Sultan beiwohnen. Eine wirklich aberwitzige und zugleich groteske Idee der preußischen Diplomatie? Ausgerechnet Christen wollen den obersten Moslem auf bestimmte Passagen im Koran aufmerksam machen. Natürlich fließt auch Geld, sehr viel Geld, aber der Plan gelingt – zumindest als Plan. Der Sultan ruft den Dschihad tatsächlich aus, also den Aufstand der gesamten muslimischen Welt von Indien bis nach Afrika gegen das britische Kolonialreich, aber niemand hört ihn so richtig. Damals gab es noch kein Internet, alles dauerte, Depeschen wurden geschrieben und versickerten. Die Sache verpuffte.

Mehr als eine historische Posse

Es ist der Irrwitz der Geschichte selbst, den Hein hier entdeckt und in einer souveränen Sprache – manchmal ironisch, manchmal nüchtern und manchmal poetisch – aufgeschrieben hat. Mancher sagt, es sei ein Schelmenroman, doch vielmehr ist es ein historischer Roman neuen Typs!

Unverständlich, dass dieses Buch nicht unter den Nominierten für den Leipziger Buchpreis ist. Die Jury ist auf einem literarischen Auge blind. Alles, was nicht schmerzvoll psychologisch erzählt wird, mit den üblichen Identitätskrisen herumernstelt oder mit avantgardistischen Experimenten bastelt, fällt unter den Tisch. Für mich ist "Die Orientmission des Leutnants Stern" das Buch des Frühjahrs.

Rayk Wieland, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Der erste Weltkrieg aus einer komplett neuen Perspektive

Erzählt wird sehr ambitioniert, nämlich aus der Perspektive von verschiedenen Figuren, deren Berichte sich zu einem Gesamtbild fügen. Aus dieser Perspektive ist der Erste Weltkrieg überhaupt noch nie beschrieben worden. Auch die Schilderung der preußischen Militärbürokratie, die mit dieser Art von Geheimplänen naturgemäß überfordert ist, das ist alles sehr komisch, ohne dass blöd herumgewitzelt wird.

Man spürt bei diesem historischen Thema, wie sehr es von heute handelt: die Fluchtgeschichten, die Glaubensfragen, der Antisemitismus - alles das wirkt unglaublich gegenwärtig.

Rayk Wieland, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Es gibt einen Anhang, in dem die weitere Geschichte der Personen und Orte vermerkt sind. Die Kaserne in Berlin, in der Leutnant Stern seinen Dienst tat und in der er die Pläne für den Export des Dschihad in den Orient ausarbeitete, nutzt das Bundeskriminalamt seit 2004 wieder als Gemeinsames Terrorabwehrzentrum von BKA und Verfassungsschutz. Das sind reale Kontinuitäten, die nicht verschwörungstechnisch aufgeladen werden müssen, von denen wir bisher nichts wussten – bis zu diesem wunderbaren Roman.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. März 2018 | 17:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. März 2018, 08:31 Uhr

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