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Joshua Groß hat mit seinem Roman "Prana Extrem" Chancen auf den Preis der Leipziger Buchmesse 2023. Bildrechte: Charlotte Krusche

Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse"Prana Extrem": Joshua Groß erzählt von einer Zukunft ohne Hoffnung

05. April 2023, 16:00 Uhr

Krisen und Lethargie, Hitze und Drogen sowie ein Hauch von Street-Kultur prägen die Bücher von Joshua Groß. Dafür wurde ihm bereits der Anna-Seghers-Preis verliehen und er las bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt. Sein jüngster Roman "Prana Extrem" wurde für den Preis der Leipziger Buchmesse 2023 nominiert. Darin reist das lyrische Ich des Autors in ein Wintersportgebiet, in dem kein Schnee mehr liegt und wo sich seltsame Ereignisse häufen.

von Jörg Schieke, MDR KULTUR-Literaturkritiker

"Jugendlich zu sein innerhalb von verschiedensten Vernichtungszusammenhängen, die man nicht durchdringt und die man nicht mal ahnt, ist das Grausamste überhaupt." – Mit diesem Satz aus dem Roman "Prana Extrem" von Joshua Groß ließe sich zugleich das Programm dieses Buches umreißen.

Die Menschen, um die es hier geht, leben in "Vernichtungszusammenhängen", beispielsweise in einem elend heißen Sommer, der unablässig ein Flimmern aus synthetischen und natürlichen Quellen produziert. Im Zentrum stehen der Ich-Erzähler und seine Freundin Lisa – sie Schriftstellerin, er ebenfalls Texter. Die beiden freunden sich mit dem 16-jährigen Skisprung-Talent Michael und dessen Schwester und Trainerin an. Gemeinsam bewohnen die vier nun ein Haus im österreichischen Kurbruck, wo sich Michael auf die österreichischen Meisterschaften im Skispringen vorbereitet.

Wintersport im Zeitalter der Klimakrise

Gesprungen wird auf Matten in sengender Hitze: Ein apokalyptisches Bild, wie es im Wintersport mehr und mehr Alltag und Realität wird. Ein "Vernichtungszusammenhang" im Großen, ein Akt des schönen Irrsinns für die, die dabei sind. Das ist der äußere Rahmen, der die Details dieses Romans zusammenschließt. Zuckrige Lollies und Libellen, Skispringen, Mini-Golf und Backgammon, eine erfundene weitere Schriftstellerin, die sich mit Rohrreiniger-Extrakt umbringt, ein aus einem Museum gestohlener Meteorit und viele Dinge mehr entfalten einen Glanz und eine Magie, die den Lauf einer untergehenden Welt zumindest verlangsamen können.

Wintersport ohne Schnee ist bereits Realität. Bildrechte: IMAGO/GEPA pictures

Auszug aus dem Roman "Prana Extrem"

"Es gibt einen Ort für uns. Wir erschaffen ihn gemeinsam, durch unsere Offenheit und durch unseren Hustle, durch unseren Humor und durch die wahnwitzigen und wunderbaren Wiederholungen. Wir kontaminieren uns gegenseitig, immerzu; es ist eine Verunreinigung, die elektrisierend ist, weil sie aus unseren Gedanken, unseren Körperflüssigkeiten und unserem Lachen besteht. Wir befinden uns in einem subatomaren Zueinanderfinden; ein Zueinanderfinden, in dem wir beide luxurieren als zwei."

Buch über Dandys im digitalen Zeitalter

Luxurieren, leuchten, staunen, schmecken – die Menschen dieses Romans haben sich von der Rettung der Welt (als möglicher Option für eine Jugend von heute) schon verabschiedet. Wie Dandys des digitalen Zeitalters nehmen sie stattdessen die kleinsten Veränderungen in ihrer Umgebung wahr, wobei Künstliches und Natürliches mehr und mehr miteinander verschmelzen.

Auszug aus dem Roman "Prana Extrem"

Obwohl ich mir schon Bilder im Internet angeschaut hatte, war ich überrascht und eingenommen von der leuchtenden, bizarren Merkwürdigkeit der Thermalquellen. Wir streiften durch meterhohe Farne und rote Libellen flogen irisierend um uns herum. Überall stieg Dampf auf. Und es war viel zu warm und viel zu feucht.

Der Roman "Prana Extrem" ist in der Kategorie Belletristik für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Bildrechte: Matthes und Seitz Berlin

Schönheit, Verzeiflung, Müdigkeit

Manchmal allerdings schimmert unter diesem Filter der Überaufmerksamkeit doch so etwas wie eine Trauer, eine leise Verzweiflung oder auch eine große Müdigkeit durch, weshalb der Erzähler denn auch so fasziniert ist von dem Skispringer Michael. Der nämlich scheint aus einer längst vergangenen, in sich stimmigen Welt zu kommen: einer Welt, in der die Menschen noch Goldmedaillen gewinnen wollten und sich dafür stundenlang in Kraftkellern oder Skisprungschanzen quälten.

Auszug aus dem Roman "Prana Extrem"

Bei seinem ersten Sprung, der zählte, stellte Michael den Schanzenrekord von 138 Metern ein; er beamte sich vom Tisch weg und schwebte mit einer solchen außerirdischen Eleganz den Hang hinab, dass das Publikum fassungslos verstummte – bewegungslos lag er in der Luft, bestärkt durch minimalen, dickflüssigen Aufwind, ganz gelassen reizte er seinen Flug maximal aus, bis es fast gefährlich wurde, ließ sich schließlich aber in die Senke treiben und landete mit einer todsicheren Zartheit auf den tiefgrünen Matten. Kurz war subatomar eine sakrale Stille zu verspüren.

"Prana Extrem": ein Roman für Generation der Krisen

Die Zartheiten und Schönheiten, die eigenartige Stille während des Sprunges von der Schanze und unmittelbar danach interessieren den Erzähler mehr als der schnöde Fakt eines Rekords. Nicht das Resultat oder die moralische Essenz der Ereignisse und Handlungen sind wichtig; was zählt, ist die ästhetische Dimension, die Überwältigung durch Farben, Formen und Düfte.

Joshua Groß trifft die Ton- und Seelenlage einer Generation (oder zumindest eines Teils dieser Generation), die womöglich ebenso wenig zu gewinnen wie zu verlieren hat. Ein betörender Tonfall, mit dem Groß auch seine Distanz zu einer Literatur des unbedingten, plakativ vorgetragenen gesellschaftlichen Engagements anzeigt. Und dennoch: Dieser Roman – in seiner Sprache, seiner dichten Wahrnehmung – erzählt von der Jetztzeit, vom 21. Jahrhundert. Wo das Vertrauen in die Zukunft gering ist, zählt das Jetzt doppelt und muss in umso intensiveren, betäubenden Bildern erzählt werden.

Weitere InformationenJoshua Groß: "Prana Extrem"
Matthes & Seitz Berlin, 2023
301 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-7518-0086-0

Joshua Groß bei Leipzig liest

Wann?
27. April, 11 Uhr:
Die Nominierten werden vorgestellt

Wo?
Forum Halle 4
Messe-Allee 1
04356 Leipzig

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 30. September 2022 | 17:40 Uhr