Buchmesse-Gastland Tschechien Kaffeehaus statt Kneipe – Die junge tschechische Literaturszene

Über Jahrzehnte hinweg haben Kneipen eine wichtige Rolle für die tschechische Literatur gespielt. Autoren wie Jaroslav Hašek oder Bohumil Hrabal waren regelmäßige Kneipengänger, die bei einem Bier Geschichten aufschnappten oder selbst welche erfanden. Für jüngere Autoren sind inzwischen Cafés wichtiger als Kneipen. Hier können sie in ruhiger Atmosphäre ein Buchkapitel zu Ende schreiben und abends auf einer Lesung ihr neustes Buch vorstellen. Tino Dallmann hat einige tschechische Autoren getroffen – im Café versteht sich.

von Tino Dallmann, MDR KULTUR-Literaturexperte

Das Café Rybka in Prag trennen nur wenige Gehminuten vom Nationaltheater und der Karlsbrücke, und doch glaubt man sich weit entfernt vom Touristentrubel der Stadt. Nur jeder zweite Tisch ist an diesem Tag besetzt. Zum Beispiel durch den Lyriker und Literaturvermittler Ondřej Buddeus. Er ist Anfang dreißig und kommt oft ins Café Rybka. Orte wie diesen gibt es eine Menge in Prag, sagt er, Orte zwischen einem Café, einem Club und einer Kneipe, mit einer kleinen Bühne. Dort kann man auf ein ganz unterschiedliches Programm von Lesungen treffen, abends kommen und durch Zufall auf ein Literaturprogramm stoßen.

Der Ort hat eine Atmosphäre, als wäre die Zeit hier langsamer verlaufen. Aber das ist natürlich nicht der Fall.

Ondřej Buddeus über das Café Rybka in Prag

Ähnliches galt früher auch für die tschechische Kneipe, sie war ein Ort, an dem sich die Zeit dehnt, Stunde in Stunde übergeht, und so Raum für Literatur entsteht. Das sei heute anders, meint Ondřej Buddeus. Jüngere Autoren finden ihre Geschichten nahezu überall. Und um sie aufzuschreiben, gehen viele von ihnen in ein Café.

Es gab eine starke Tradition der Kneipenliteratur, das war in den 70er- und 80er-Jahren. Aber das dynamische Leben, das zu Geschichten verführt, das findet man nicht dort. [...] Ich vermute, dass in den Cafés eher die Geschichten geschrieben werden.

Ondřej Buddeus

Problemsuche in Tschechien

Die Themen, mit denen sich junge tschechische Autoren beschäftigen, reichen weit über den begrenzten Kosmos einer Kneipe hinaus. Ein Beispiel dafür ist der Debütroman von Tereza Semotamová. Er erzählt von einer Frau, die – bedrängt vom angepassten Leben ihrer Familie und Freunde – in einen Schrank zieht, der in einem Prager Hinterhof steht. Der Roman spielt sowohl in Tschechien als auch in Deutschland.

Die Autorin Semotamová meint dazu: "Es geht nicht um Politik. Vielleicht ein bisschen. Es gibt ein paar Momente, wo sie politisch denkt. […] Tschechien steht da schon für sich. Wir haben noch immer viele Probleme mit uns selbst. Und du kannst erst offen für die Welt sein, wenn du selbstbewusst nach vorne schaust. Das haben wir noch nicht geschafft." Tereza Semotamovás Roman beschreibt eine persönliche Sinnkrise, die sich auch als Sinnkrise eines Landes lesen lässt. Wie verortet man sich in Europa und der Welt, wenn man sich mit der eigenen Vergangenheit kaum auseinandergesetzt hat?

Erweiterter literarischer Blick

Bohumil Hrabal trinkt ein Bier.
Der Schriftsteller Bohumil Hrabal schöpfte seine Inspiration noch aus Kneipenbesuchen Bildrechte: imago/CTK Photo

Junge Autoren wie Semotamová knüpfen an bekannte Traditionen an. Ihre Geschichten spielen aber längst nicht nur in Tschechien oder behandeln ausschließlich tschechische Themen. Das gilt auch für Marek Šindelkas und seinen Roman "Materialermüdung", findet Literaturvermittler Ondřej Buddeus, zu dem Buch merkt er an: "Er beschreibt die dystopische Reise eines Flüchtlings durch Europa. Gleichzeitig – und das ist das Wichtigere – geht es um die Suche nach seinem Bruder, der auf der Flucht verloren gegangen ist. Es ist nicht nur eine Erzählung, die das Migrationsthema aufnimmt, sondern es ist die große Geschichte von jemandem, der gesucht wird und nicht da ist."

Die Sprache der Kneipen und Cafés

Zu den Traditionen, die jüngere Autoren und Klassiker wie Hrabal gemeinsam haben, gehören ein Sinn für Melancholie und eine gewisse Lebensnähe. Das hat auch mit den Orten zu tun, an denen die Geschichten entstehen, denkt Ondřej Buddeus, egal ob das nun Kneipen oder Cafés sind.

Denken wir zum Beispiel an Jaroslav Rudiš. Der verwendet in seinen tschechischen Romanen eine Umgangssprache. Und die Umgangssprache als kulturelle Kraft entwickelt sich an diesen Stellen - in Kneipen und Cafés.

Ondřej Buddeus

Vor allem Bohumil Hrabal gilt als derjenige, der das lange, ausufernde Kneipengespräch in Literatur verwandelt hat. Er selbst schrieb dazu, er setze der Wirklichkeit die Hefepilze der Fantasie zu. Bei jüngeren Autoren wie Tereza Semotamová oder Marek Šindelka ist diese Tradition noch erkennbar, nur wird ihre Fantasie auch von frisch aufgebrühtem Kaffee angetrieben.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. Februar 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. März 2019, 17:08 Uhr

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