Nachrichten & Themen
Mediathek & TV
Audio & Radio
MDR KULTUR im RadioMDR KULTUR im FernsehenÜber unsKontaktSuche
Die wichtigsten feministischen Neuerscheinungen in diesem Frühjahr gibt es bei der Leipziger Buchmesse Bildrechte: dpa

ProgrammhighlightsFeministische Literatur: Die acht wichtigsten Lesungen bei der Leipziger Buchmesse 2023

27. April 2023, 10:56 Uhr

Egal ob es um feministische Außenpolitik geht oder die Revolution im Iran – weltweit sind feministische Themen zur Zeit topaktuell. Aber auch im Alltagsleben hierzulande spielen sie ständig eine Rolle. Zum Beispiel, wenn man wie Nadia Shehadeh den Kapitalismus von der Couch bekämpfen will oder wie Sarah Diehl "Die Freiheit, allein zu sein" einfordert. Wie vielfältig der Feminismus ist, zeigt das Programm der Leipziger Buchmesse, das von Veranstaltungen zu Femiziden über Kinderkriegen bis zur Schwarzen Bewegung in Deutschland reicht. Nicht nur interessant für Frauen.

von Juliane Streich, MDR KULTUR

Nadia Shehadeh: "Anti-Girlboss"

"Work hard, party hard!", "Leistung zahlt sich aus!" – Solche hohlen Phrasen kann Nadia Shehadeh nicht mehr hören und will den Kapitalismus vom Sofa aus bekämpfen. Vor allem Frauen wird eingetrichtert, dass sie sich mit individuellem Ehrgeiz aus gesellschaftlichen Ungerechtigkeitsstrukturen befreien könnten. Das sei kollektiver Selbstbetrug, der uns auf perfide Art Chancengleichheit vortäuscht und zu immer mehr bezahlter und unbezahlter Arbeit antreibt, findet Nadia Shehadeh. Statt ein stressiges Leben auf der Überholspur befürwortet sie das Leben als "Anti-Girlboss": Ambition spielt darin keine Hauptrolle mehr und das Durchschnittliche wird nicht verachtet, sondern begrüßt. Sie plädiert dafür, sich eine Komfortzone zu bewahren, die davor schützt, für Anforderungen von außen auszubrennen.

27. April 2023, 21 Uhr Café Puschkin, Karl-Liebknecht-Str. 74

Infos zum Buch

Nadia Shehadeh: "Anti-Girlboss"
Ullstein, 2023
Gebunden, 224 Seiten
Preis: 18 Euro
ISBN: 978-3-5502-0220-9

Den Kapitalismus vom Sofa aus bekämpfen: "Anti-Girlboss" von Nadia Shehadeh Bildrechte: Ullstein Buchverlage

Leipziger Buchmesse 2023

Tiffany N. Florvil: "Black Germany. Schwarz, deutsch, feministisch"

"Black Germany. Schwarz, deutsch, feministisch ‒ die Geschichte einer Bewegung" ist das erste Buch zur Geschichte der Schwarzen Bewegung in Deutschland und ihrer Protagonistinnen. Toni Morrison, Audre Lorde und Angela Davis sind Ikonen des Schwarzen US-amerikanischen Feminismus. Die Namen ihrer Schwarzen deutschen Schwestern sind kaum bekannt: May Ayim, Katharina Oguntoye, Jasmin Eding, Judy Gummich, Eva von Pirch. Dabei wäre ohne sie die Black-Lives-Matter-Bewegung in Deutschland nicht denkbar. Sie haben das Fundament gelegt.

Tiffany N. Florvil verschafft diesen Protagonistinnen des Schwarzen deutschen Feminismus Sichtbarkeit und legt deren zentrale Bedeutung für die Geschichte der modernen Schwarzen deutschen Bewegung offen. Mit ihrer Monografie räumt sie ihnen den Platz ein, den sie längst verdient haben. Umfassend, detailliert, tiefgreifend und gestützt auf eine Vielzahl von Quellen, zeichnet die afrokaribisch-amerikanische Historikerin Tiffany N. Florvil die Entstehung und Entwicklung der modernen Schwarzen Bewegung in Deutschland von den 1980er- bis in die 2000er-Jahre nach.

29. April 2023, 19 Uhr Gespräch, Haus der Demokratie, Bernhard-Göring-Str. 152

30. April 2023, 11:30 Uhr Podcast-Gespräch, detektor.fm

Infos zum Buch

Tiffany N. Florvil: "Black Germany. Schwarz, deutsch, feministisch"
Ch. Links Verlag, 2023
Taschenbuch, 416 Seiten
Preis: 26 Euro
ISBN: 978-3-96289-176-3

Das erste Buch zur Geschichte der Schwarzen Bewegung in Deutschland. Bildrechte: Ch. Links Verlag

Gilda Sahebi: "Unser Schwert ist Liebe. Die feministische Revolte im Iran"

"Das ist ein Schlachtfeld. Unser Schwert ist Liebe." Das rappt Toomaj Salehi und gibt mit dem Song den Sound der Revolution im Iran wieder. Seit dem Tod von Jina Mahsa Amini, die von der Sittenpolizei verhaftet wurde, wachsen die Proteste. Und die Solidarität ist groß – sie zieht sich durch alle Altersgruppen, Schichten und Geschlechter. Zusammen kämpfen die Menschen für Frauen, Leben, Freiheit. Die Journalistin und Autorin Gilda Sahebi, die mit vielen Menschen im Iran in engem Kontakt steht, beleuchtet die unterschiedlichen Aspekte der Revolte: die Rolle der Musik, die feministische Perspektive, die lange Geschichte der gewaltvollen Unterdrückung. Sie zeigt, wie die Iraner*innen der furchtbaren Brutalität des Regimes die größte Kraft entgegensetzen: Liebe.

27. April 2023, 17 Uhr Leipziger Buchmesse, Medienforum

Infos zum Buch

Gilda Sahebi: "Unser Schwert ist Liebe. Die feministische Revolte im Iran"
Fischer, 2023
Hardcover, 256 Seiten
Preis: 24 Euro
ISBN: 978-3-10-397551-2

Gilda Sahebi schreibt über die feministische Bewegung im Iran in "Unser Schwert ist Liebe" Bildrechte: Fischer Verlage

Kristina Lunz: "Die Zukunft der Außenpolitik ist feministisch"

Frauen und Minderheiten sind von Kriegen und Krisen besonders betroffen, denn ihre Bedürfnisse werden nicht nur in Friedenszeiten systematisch und permanent ignoriert. Dabei ist der entstehende Frieden stabiler und nachhaltiger, wenn Frauen und Minderheiten an Friedensprozessen beteiligt werden. Kristina Lunz schlüsselt in ihrem Buch "Die Zukunft der Außenpolitik ist feministisch" auf, was feministische Außenpolitik ist, welche Ziele sie verfolgt und welche patriarchalen Strukturen die internationale Außenpolitik derzeit gestalten. In der neu erschienenen Taschenbuchauflage ergänzt sie in einem weiteren Kapitel die Dimension feministischer Außenpolitik in Kriegszeiten am Beispiel des Krieges in der Ukraine und der Protestbewegung im Iran.

Kristina Lunz hinterfragt in ihrem Buch aber nicht nur den Status quo, sondern weist auch mögliche Wege zu einer inklusiven, feministischen und nachhaltigen Außen- und Sicherheitspolitik auf. Anhand historischer Errungenschaften von Feministinnen zeigt sich, dass ein langer Atem und das hartnäckige Festhalten an der Vision einer feministischen Außenpolitik auch Erfolg haben. Diesen langen Atem beweist Kristina Lunz auch selbst als Mitbegründerin des Center for Feminist Foreign Policy, das sich als NGP dem Durchsetzen feministischer Außenpolitik verschrieben hat und unter anderem auch die Bundesregierung berät.

27. April 2023, 19 Uhr Pöge-Haus, Hedwigstraße 20 (Für die Veranstaltung ist eine Anmeldung nötig.)

Infos zum Buch

Kristina Lunz: "Die Zukunft der Außenpolitik ist feministisch"
Ullstein, 2023
Hardcover, 448 Seiten
Preis: 23 Euro
ISBN: 978-3-4302-1053-9

"Die Zukunft der Außenpolitik ist feministisch": Kristina Lunz liest im Pöge-Haus Bildrechte: Ullstein Buchverlage

Verena Keßler: "Eva"

"Die Meere sind überfischt, leer im Prinzip, da braucht es nicht noch mehr Fischstäbchenesser. Es kann kein unendliches Wachstum auf einem endlichen Planeten geben, das ist eine einfache Rechnung. Ich sage: Keine Kinder zu bekommen, erspart Leid." Eva hat eine klare Haltung zum Kinderkriegen. Die Klimaaktivistin ist eine der Protagonistinnen im neuen Roman "Eva" von Verena Keßler. Kann tatsächlich nur ein Geburtenstopp den Planeten noch retten? Sina hingegen möchte zu gern schwanger werden. Warum klappt es nicht? Mona, ihre Schwester, ist mehrfache Mutter, doch auch sie hadert mit ihrem Lebensentwurf. Was spricht heute für, was gegen eigene Kinder? Verena Keßler erzählt in ihrem Roman von Frauen, die ihre eigenen Antworten darauf finden.

28. April 2023, 15:15 Uhr Leipziger Buchmesse, taz-Studio, Halle 5 C500

28. April 2023, 19 Uhr Deutsches Literaturinstitut Leipzig im Rahmen von "Institutsprosa" (Ehemalige Studierende lesen aus ihren aktuellen Romanen, darunter auch Verena Keßler)

Infos zum Buch

Verena Keßler: "Eva"
Hanser, 2023
Gebunden, 208 Seiten
Preis: 24 Euro
ISBN: 978-3-446-27588-1

Kinderkriegen in Zeiten des Klimawandels?: "Eva" von Verena Keßler Bildrechte: Hanser Verlag

Sarah Diehl: "Die Freiheit, allein zu sein"

Je mehr Freundschaften und Projekte, je fester der Job und die Partnerschaft, desto größer das Lebensglück? In ihrem aufrüttelnden Debattenbuch "Die Freiheit, allein zu sein" zeigt Sarah Diehl, wie trügerisch diese Vorstellung ist und warum vor allem Frauen immer noch zu wenig Räume zum Alleinsein haben. Dabei ist es nicht nur der Grundstein eines verantwortungsvollen Miteinanders – es ist die Triebfeder für Reflexion und Veränderung sowie ein elementarer Teil der Selbstfürsorge. Frauen hatten im Laufe der Geschichte kaum ein "Zimmer für sich allein". Auch heute gilt die Kleinfamilie als Garant für ein glückliches Leben. Diehl fordert den Erhalt der Einsamkeit und ermutigt alle, das Alleinsein immer wieder bewusst zu suchen. Denn so entziehen wir uns der Bewertung durch andere und erkennen unsere wahren Bedürfnisse. Alleinsein ist eine elementare Freiheitserfahrung, die allen ganz selbstverständlich zugänglich sein muss.

27. April 2023, 15 Uhr Leipziger Buchmesse, Messestand Buchkultur

28. April 2023, 18 Uhr Feministische Bibliothek MONAliesA, Bernhard-Göring-Straße 152

Infos zum Buch

Sarah Diehl: "Die Freiheit, allein zu sein"
Arche Literaturverlag, 2022
Gebunden, 368 Seiten
Preis: 24 Euro
ISBN: 978-3-7160-2800-1

Das Buch "Die Freiheit, allein zu sein" von Sarah Diehl Bildrechte: Arche Literaturverlag

Biwi Kefempom: "Femi(ni)zide bekämpfen"

Das Autor*innen-Kollektiv BIWI KEFEMPOM (bis wir keinen einzigen Femi(ni)zid mehr politisieren müssen) sind Judith Goetz, Carina Maier, Kyra Schmied und Marcela Torres Heredia aus Wien. Sie analysieren Femi(ni)zide als Ausdruck eines breites Kontinuums patriarchaler Gewalt, um Möglichkeiten eines kollektiven und solidarischen Kampfes auszuloten. Dabei dient Femi(ni)zid als politischer Begriff der Benennung und Bekämpfung eines breiten Kontinuums patriarchaler Gewalt gegen Frauen, Lesben, inter, nichtbinäre, trans und agender Personen (FLINTA).

Das Buch thematisiert die strukturellen und intersektionalen Gewaltverhältnisse, die den Morden zugrunde liegen. Die Autor*innen nehmen Bezug auf historische und transnationale Protest- und Erinnerungsformen sowie in diesem Kontext angestoßene Debatten und diskutierte Begriffe wie Femi(ni)zid-Suizid oder Transizid. Somit werden Möglichkeiten eines kollektiven, solidarischen Kampfes gegen patriarchale Gewalt – nicht trotz, sondern aufbauend auf unterschiedlichen Erfahrungen – ausgelotet.

29. April 2023, 19:30 Uhr Conne Island, Koburger Str. 3

30. April 2023, 12 Uhr
Leipiger Buchmesse, Messestand IG Autorinnen Autoren

Infos zum Buch

Biwi Kefempom: "Femi(ni)zide bekämpfen"
Verbrecherverlag, 2023
Taschenbuch, 300 Seiten
Preis: 19 Euro
ISBN: 978-3-9573-2552-5

Das Buch "Femi(ni)zide bekämpfen" vom Kollektiv Biwi Kefempom Bildrechte: Verbrecherverlag

Susanne Kaiser: "Backlash ‒ Die neue Gewalt gegen Frauen"

Der US Supreme Court verbietet das Recht auf Abtreibung, die Polizei verzeichnet einen starken Anstieg häuslicher Gewalt, auf Tiktok werden Tötungsfantasien an Frauen zum Trend. Die These: Dieser Backlash ist eine Reaktion auf die zunehmende Gleichberechtigung. Wie kann dieser Teufelskreis durchbrochen werden? Die Wissenschaftlerin und Journalistin Susanne Kaiser erzählt die ganze Geschichte, zeigt, wie die Gleichberechtigung neue Gewalt gegen Frauen erzeugt und entwirft mögliche Lösungen.

27. April 2023, 17 Uhr Podcast-Gespräch, detektor.fm

27. April 2023, 19 Uhr Gespräch, linXXnet, Brandstr. 15

Infos zum Buch

Susanne Kaiser: "Backlash ‒ Die neue Gewalt gegen Frauen"
Klett Cotta, 2023
Gebunden, 224 Seiten
Preis: 22 Euro
ISBN: 978-3-608-50172-8

Das Buch "Backlash ‒ Die neue Gewalt gegen Frauen" von Susanne Kaiser Bildrechte: Klett Cotta

Mehr feministische Literatur

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 23. Februar 2023 | 08:40 Uhr