Nachrichten & Themen
Mediathek & TV
Audio & Radio
MDR KULTUR im RadioMDR KULTUR im FernsehenÜber unsKontaktSuche

Literatur

Aus Liebe zur Natur: drei Bücher über die Wildnis

Stand: 26. Mai 2021, 07:12 Uhr

Welchen Bezug haben wir heute noch zur Natur? Wo gibt es noch echte Wildnis, und welchen Platz nimmt der Mensch in ihr ein? Wir stellen Autorinnen und Autoren vor, die ihre jeweils ganz eigene Beziehung zur Wildnis gefunden und in Büchern festgehalten haben. Dafür haben sie sich etwa auf die Spur der Wölfe in der Lausitz begeben, Urwälder mit wilden Tieren in Mitteleuropa fotografiert oder gleich ihr ganzes Leben für einige Monate in den Wald verlagert.

H.D. Walden: "Ein Stadtmensch im Wald"

Schriftsteller Linus Reichlin alias H.D. Walden zog ins "Wood Office" Bildrechte: MDR KULTUR/Buchmesse Spezial

Der Schriftsteller Linus Reichlin hat die isolierenden Lebensbedingungen während der Corona-Pandemie für ein Experiment genutzt: Der Stadtmensch, der in der wohl naturfernsten Metropole Deutschlands, in Berlin, lebt, ist aufs Land geflohen, um dort die Natur kennenzulernen. Was er dabei erfahren hat, kann man in seinem Buch "Ein Stadtmensch im Wald" nachlesen, das er unter seinem Alter Ego H.D. Walden veröffentlicht hat. Reichlin hat kaum Vorwissen über Flora und Fauna gehabt. Zunächst ängstigt ihn das Unbekannte sogar, die Geräusche, die Anwesenheit von unbekanntem Leben.

Und dann waren auch die Geräusche, wenn man ganz alleine hier ist, jedes Knacken viel lauter als – ja, es ist in einem drinnen viel lauter, als es in Wirklichkeit ist.

Linus Reichlin

Doch zunehmend wird ihm alles vertraut und Reichlin beginnt, großes Interesse an der ihn unmittelbar umgebenden Tier- und Pflanzenwelt zu gewinnen. In den Wäldern der Uckermark verliert er sich in der Natur. Seine einzigen Kontakte sind die Vögel und Wildtiere, deren Angelegenheiten ihn zunehmend in Atem halten. Nachrichten vom Rest der Welt nimmt er kaum zur Kenntnis.

Die Natur wird für Reichlin zu einer Wunderkammer, in der er fleißig Nachhilfestunden nimmt. Er schreibt: "Während andere Home Office machten, machte ich Wood Office." Ein Waschbär, der ihn nachts besucht, wird zur Ersatzfamilie.

Angaben zum BuchH.D. Walden: "Ein Stadtmensch im Wald"
Galiani, 2021 
Preis: 14 Euro
ISBN 978-3-86971-242-0

Karsten Nitsch: "Wo die wilden Tiere wohnen"

Naturführer Karsten Nitsch wirbt für ein Zusammenleben mit dem Wolf Bildrechte: MDR KULTUR/Buchmesse Spezial

Karsten Nitsch ist Naturführer und Fotograf. Er interessiert sich besonders für den Wolf, dar nach langer Abwesenheit seit einigen Jahrzehnten wieder eine Heimat in Deutschland gefunden hat.

Das Comeback des Raubtiers Wolf ist auch ein Indiz für das Comeback einer Form von Natur, mit der zurechtzukommen wir vergessen und verlernt haben: die Wildnis. Passt sie überhaupt noch in ein modernes, dichtbesiedeltes Deutschland in der Mitte Europas? Für Nitsch ist die Frage einfach zu beantworten, der Wolf hat genauso seinen Platz und sein Recht in der Natur wie jedes andere Lebewesen auch. Er wirbt für ein Zusammenfinden:

Er ist da. Punkt. Und er hat ein Recht da zu sein. So wie ich. Wie der Schäfer und so weiter. Und jetzt müssen wir sehen, wie kommen wir zusammen.

Karsten Nitsch, Naturführer und Wolfskenner

Nitsch erkundet den Wolf da, wo der Mensch tiefe Wunden in die Natur geschlagen hat. Die Bagger aus den Braunkohletagebauen der Lausitz haben offene Wunden hinterlassen – und diese danach sich selbst, also der Natur überlassen. Und plötzlich kam die Natur zurück, in Form des Wolfes. Nitsch erzählt in seinem Buch "Wo die wilden Tiere wohnen: Mein Leben als Naturführer in der Lausitz", wie er vom Tagebauarbeiter zum Naturführer wurde. Und wie die Landschaft nicht nur sich selbst veränderte, sondern auch seine Biografie.

Angaben zum BuchKarsten Nitsch: "Wo die wilden Tiere wohnen: Mein Leben als Naturführer in der Lausitz"
Goldmann, 2021  
Preis: 16 Euro
ISBN: 978-3-44231-609-0

Christine Sonvilla und Marc Graf: "Das wilde Herz Europas: Die Rückkehr von Luchs, Wolf und Bär"

Wieder heimisch: Der Wolf in der Lausitz Bildrechte: MDR KULTUR/Buchmesse Spezial

Das Fotografen- und Autorenpaar Christine Sonvilla und Marc Graf hat sich auf die Suche nach dem begeben, was sie "Wildnispotenzial" nennen: nach Urwäldern in Mitteleuropa. Es gibt sie noch in Österreich, Deutschland, in der Schweiz, in Norditalien, Slowenien, Polen und in der Slowakei. Wälder, die sich selbst überlassen werden, wo die Flüsse frei fließen und langsam die großen Raubtiere zurückkehren. Doch wie viel Wildnis verträgt unser Kulturraum, wie viel braucht er?

Für Graf gehören gerade die großen, für manche angsteinflößenden Tiere zur Natur, machen diese erst vollständig. Ihn fasziniert, dass die Natur von selbst wieder zurückkommt, seien es die Bären im Süden Sloweniens oder die Wölfe in der Lausitz. Nun gelte es, ein gemeinsames Auskommen zu finden:

Ein Wald ohne große Beutegreifer, ohne Wolf, Bär, Luchs fühlt sich irgendwie leer an. Das habe ich für mich selbst festgestellt. Oder das haben wir in den letzten Jahren gelernt, dass – so schön die Natur auch sein kann – sie unvollständig wirkt, wenn keine großen Beutegreifer da sind.

Marc Graf

Es gebe bereits Konzepte, wo man die Wirtschaft und den Naturschutz verbindet, betont Sonvilla, und das klappe auch schon. Ein klassisches Beispiel sei sanfter Tourismus oder Ökotourismus, der darauf bedacht ist, dass man den Menschen auch die Natur zugänglich macht. Sonvilla und Graf schwebt in ihrem Buch "Das wilde Herz Europas: Die Rückkehr von Luchs, Wolf und Bär" ein Europa der Schutzzonen vor, miteinander verbunden über Grünbrücken, die Wanderungen der großen Beutegreifer ermöglichen. Verwildernde Wälder und eine Forstwirtschaft, die sich weitgehend heraushält. Sonvilla und Graf glauben: Profitieren würden am Ende alle davon.

Angaben zum BuchChristine Sonvilla und Marc Graf: "Das wilde Herz Europas: Die Rückkehr von Luchs, Wolf und Bär"
Knesebeck 2021
Preis: 35 Euro
ISBN: 978-3-95728-369-6

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | 27. Mai 2021 | 22:10 Uhr