Fortsetzung des Erfolgsromans "Kruso" Lutz Seiler erzählt in "Stern 111" von Hausbesetzern und Nachwendechaos

In seinem neuen Roman "Stern 111" führt Lutz Seiler die Geschichte seines Bestsellers "Kruso" fort. Wurde "Kruso" bereits mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, ist "Stern 111" für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik nominiert. Darin schreibt Seiler so trefflich wie bislang kein anderer über die Welten, die mit Ost und West aufeinandertreffen, findet unser Kritiker.

Lutz Seiler 7 min
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In seinem neuen Roman "Stern 111" führt Lutz Seiler die Geschichte seines Bestsellers "Kruso" im archaische Chaos der Nachwendezeit fort. Seilers neues Werk ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 02.03.2020 08:10Uhr 06:47 min

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Die Älteren werden sich vielleicht erinnern, dass es bei ihren Eltern ein Kofferradio namens "Stern 111" gab. Ein legendäres Produkt der DDR-Unterhaltungselektronik, das Lutz Seilers neuem Roman seinen Titel gibt.

In gewisser Hinsicht ist dieser neue Roman eine Fortsetzung des Erfolgsromans "Kruso" aus dem Jahr 2014, denn es gibt es tatsächlich eine kurze Wiederbegegnung mit dessen Helden Kruso, auch Krusewitsch genannt. Er taucht im Buch als "Comandante" einer Truppe von Hausbesetzern im Berlin der Umbruchszeit 1989/90 auf, jener Zeit, die viele als die verrückteste, vielleicht sogar die beste ihres Lebens bezeichnen: die Zeit dazwischen – zwischen Umbruch in der DDR und Wiedervereinigung. Die Hauptfigur von "Stern 111" ist ein Mann namens Carl Bischoff, wie Seiler aus Gera stammend und sich nun in Berlin als Hausbesetzer und angehender Schriftsteller durchschlagend. Mit Carl macht Seiler diese "wilde Zeit" plastisch miterlebbar.

Wie poetisch und behutsam Seiler das erzählt, ist spektakulär.

Matthias Schmidt über Lutz Seilers "Stern 111"

Autobiografisches Panorama der Nachwendezeit

Wie viel an diesem Roman autobiografisch ist – auch Lutz Seiler begann als junger Lyriker, und er dankt am Ende ausdrücklich seinen Eltern – ist im Grunde nicht entscheidend. Aber man merkt diesem Buch an, dass der Autor genau weiß, wovon er spricht. "Stern 111" ist ein umfang- und detailreiches Tableau des aufbrechenden Ost-Berlins mit seinen Künstlern und Lebenskünstlern, seinen Dichtern (mit ihren wirklichen Namen), seinen förmlich aus dem Boden sprießenden Clubs.

Carl Bischoff landet in einem dieser Clubs, der "Assel". Carl fährt Schwarz-Taxi, auch so ein Phänomen, dass es so nur damals gab. Man wohnt halblegal in halb verfallenen Häusern, in denen nur noch ein paar Rentner leben. Es ist eine Zeit, in der scheinbar alles geht, bis sie eben, sehr schnell, auch wieder endet. Irgendwann melden sich die ehemaligen Haus-Besitzer, irgendwann wird aus dem anfangs irgendwie ganz normal wirkenden, illegalen Straßenstrich vor der "Assel" etwas Durchkommerzialisiertes. Das alles und viel mehr erzählt Seiler, aber er überhöht es auch. Er gibt eine magische Ebene hinzu, wie er es ja auch in "Kruso" schon getan hat. Hier zum Beispiel gibt es eine Ziege namens Dodo, die ein Maskottchen der Hausbesetzer ist und zugleich ein höheres Wesen mit übernatürlichen Kräften.

Ost und West treffen aufeinander

Lutz Seiler: Stern 111
In seinem neuen Buch "Stern 111" macht Seiler die Zeit zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung miterlebbar. Bildrechte: Suhrkamp

In einem zweiten Handlungsstrang erzählt Seiler die Geschichte von Carls Eltern, Inge und Walter, die direkt nach dem Mauerfall beinahe fluchtartig das heimatliche Haus in Gera verlassen und Carl zurücklassen. Sie übergeben ihm ihr gesamtes Hab und Gut, mit der Bitte, sich um alles zu kümmern, das Haus, den 1200er Shiguli und eine ganze Sammlung von Werkzeugen – einst der ganze Stolz des Vaters. Sie selbst gehen in den Westen, nehmen nur das Nötigste mit und weigern sich, Carl die Gründe und Ziele dieses Aufbruchs zu verraten. Den Weg der Eltern über Auffanglager und verschiedene Stationen im Westen erzählt Seiler also parallel zu Carls Leben in Berlin, und was anfangs ein bisschen konstruiert wirkt – zum Beispiel die Tatsache, dass die Eltern sich zeitweise sogar trennen, sich einzeln durchschlagen – wird im Verlauf des Romans zur eigentlich spannenden Ebene des Buches.

Die Erlebnisse von Inge und Walter im Westen beschreiben so analytisch, so trefflich und teilweise auch so komisch wie bislang kein anderer Roman über jene Zeit, was für verschiedene Welten da aufeinandertreffen: die Ost- und die Westdeutschen. Carl nennt seine Eltern "Schwellentiere", weil sie die alte und die neue Zeit in sich tragen. Sein Vater zum Beispiel beherrscht einerseits bereits modernste Computer-Programmiersprachen, was ihm bei der Jobsuche sehr zu Gute kommt, aber er repariert eben auch noch selbst den Dienst-Mercedes, legt sich drunter und schraubt daran herum. Das ist für seinen West-Chef außerhalb des Vorstellbaren, er findet es regelrecht verdächtig. Der Vater sammelt auch alles Mögliche auf, was man immer mal gebrauchen kann –Bretter, Schrauben, Nägel – und legt sich das in den Kofferraum. Der Chef befürchtet, Walter Bischoff könnte ein Terrorist sein und eine Splitterbombe bauen wollen. Die ganz normalen deutsch-deutschen Missverständnisse …

Die Erlebnisse von Inge und Walter im Westen beschreiben so analytisch, so trefflich und teilweise auch so komisch wie bislang kein anderer Roman, was für verschiedene Welten da aufeinandertreffen: die Ost- und die Westdeutschen.

Matthias Schmidt über Lutz Seilers "Stern 111"

Seiler schildert die Eltern ebenso wie Carl als "Mischwesen", eine seltene Art des Übergangs zwischen Vergangenheit und Zukunft, die jetzt eine andere "Zeitzone" betreten. Abgesehen davon wirken Inge und Walter in ihrer Rastlosigkeit auch ein bisschen wie Bonny und Clyde, obwohl sie keine Verbrecher auf der Flucht sind. Ein echter Lesegenuss!

Poetisch und spektakulär erzählt

Mit "Stern 111" legt Seiler einen Roman vor, der noch einmal das nach den Büchern von Ingo Schulze, Thomas Brussig, Uwe Tellkamp, Clemens Meyer und auch seinem "Kruso" bereits abgeschlossen gewähnte Genre des Wenderomans bereichert. Dabei bespielt er nicht nur diese Zeit großartig, so nah am Gewesenen oder dem, wie es hätte sein können, sondern deckt in Rückblicken eine viel, viel größere Zeitspanne ab. Als Carl Bischoff irgendwann erfährt, warum seine Eltern ihre Heimat so überstürzt verlassen, als sie ihm beichten, wie groß ihre Sehnsucht nach der Freiheit war, landen wir in der DDR der Mauerbau-Zeit. Wir erfahren von einem gescheiterten Fluchtversuch, von geplatzten Träumen und Karrieren, von lebenslangem Warten auf den Moment, der 1989 endlich kam. Wie poetisch und behutsam Seiler das erzählt, ist spektakulär, da gibt es unglaubliche Sätze. Einer davon klärt dann auch, warum das legendäre Kofferradio "Stern 111" auf dem Cover des Buches zu sehen ist: "Das Radio war unser einziges Licht, Stern 111. Und du warst dabei, im Kinderwagen." Was für ein Bild! Was für ein Buch!

Schriftsteller Lutz Seiler
Lutz Seiler schreibt so trefflich wie bislang kein anderer über die Welten, die mit Ost und West aufeinandertreffen. Bildrechte: imago/VIADATA

Informationen zum Buch Lutz Seiler: "Stern 111"
ISBN: 978-3-518-42925-9
Gebunden, 528 Seiten
24 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. März 2020 | 08:10 Uhr