Shortlist Preis der Leipziger Buchmesse 2021: Das sind die Nominierten

Trotz Pandemie soll die Leipziger Buchmesse 2021 in einer digitalen Ausgabe im Mai stattfinden. Nicht ohne die Kür der besten Neuerscheinungen in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung! Jetzt stehen die Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2021 fest. Auf der Shortlist sind u.a. die Grande Dame der österreichischen Avantgarde-Literatur Friederike Mayröcker, Judith Hermann, Helga Schubert, Iris Hanika oder Christian Kracht.

Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse: Eine Abbildung der Buchtitel 8 min
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Die Leipziger Buchmesse hat am Dienstag die Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2021 bekanntgegeben. In den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung stehen jeweils fünf Autorinnen und Autoren auf der Shortlist. Der Preis, der Orientierung liefern soll im Meer der deutschsprachigen Neuerscheinungen, ist mit insgesamt 60.000 Euro dotiert. Die Vergabe ist pandemie-bedingt für den 28. Mai und via Livestream geplant. Zur Auswahl erklärte Juryvorsitzender Jens Bisky:

Wer sind wir? Wer wollen wir sein? Diese Fragen ziehen sich durch zahlreiche Bücher des Pandemiejahrgangs. Es gibt offenkundig ein starkes Bedürfnis, sich darüber auszutauschen.

Jens Bisky Vorsitzender der Jury

Weibliche Perspektiven und gute alte Bekannte

Friederike Mayröcker, Schriftstellerin aus Österreich, gehört zu den Gästen des Literaturfestivals «O-Töne» im Museumsquartier. 4 min
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Zu den vier weiblichen Nominierten in der Kategorie Belletristik gehört die Grande Dame der österreichischen Avantgarde-Literatur und Büchner-Preisträgerin Friederike Mayröcker, mit ihrem Prosawerk "da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete". Der Titel deutet an, was die 96-jährige experimentelle Poetin tut: Immer noch jeden Morgen hellwach auf die Welt in ihrem "ungeheuerlichen Rasen" blicken, auch wenn die wachsende "Last der Vergreisung" sie drückt.

Vier Frauen und nur ein Mann – das sticht schon einmal hervor, wenn man auf die Liste der Nominierten in der Kategorie Belletristik schaut. Zu Friederike Mayröcker, Helga Schubert, Iris Hanika und Judith Hermann gesellt sich Christian Kracht. Alle fünf sind – unabhängig von Alter und Geschlecht – alte Bekannte des deutschen Literaturbetriebs; wenigstens drei von ihnen, Hermann, Schubert und Kracht, standen bzw. stehen mit ihren Büchern auf deutschen Bestseller-Listen.

Jörg Schieke MDR KULTUR

Mit ihrem bereits viel gelobten Roman "Echos Kammern" ist Iris Hanika, Jahrgang 1962, in der Königsdisziplin Belletristik nominiert. Darin erzählt die Wahlberlinerin vom Reisen und vom späten Liebeswahn einer Schriftstellerin, aber auch davon, wie das Geld der Reichen die Städte gentrifiziert oder vom Beginn der Dichtkunst. Hanika schreibt seit 30 Jahren Romane, experimentiert mit deren Form und Sprache, ist vielfach preisgekrönt.

Judith Hermann
Judith Hermanns neuer Roman "Daheim" erscheint am 28. April. Bildrechte: imago/Lars Reimann

Von einer Frau, die ihr altes Leben hinter sich lässt, um ein neues zu gewinnen, handelt Judith Hermanns Roman "Daheim", der erst am 28. April erscheint.

2020 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet und nun auch auf der Shortlist zum Preis der Leipziger Buchmesse ist Helga Schubert, Jahrgang 1940, mit ihrem Erzählband "Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten". Nach der Wende wurde die Ostberlinerin und studierte Psychologin vor allem durch ihr dokumentarisches Werk "Judasfrauen" bekannt, in dem sie sich mit Denunziantinnen in der NS-Zeit beschäftigte. Ihr jüngster, autobiografischer Erzählband nimmt seinen Anfang beim Aufwachsen mit einer vom Krieg traumatisierten Mutter und erzählt so auch von einer Generation, die um ihre Kindheit betrogen wurde.

Seine Familiengeschichte rückt Christian Kracht ins Zentrum von "Eurotrash", dieser ebenfalls für den Preis der Leipziger Buchmesse 2021 nominierte Roman lese sich - wie Rezensierende meinen - wie eine Fortsetzung zu "Faserland", Krachts Debüt und Durchbruch aus dem Jahr 1995.

Was in diesem Jahr fehlt, ist der überraschende Name, die Neu-Entdeckung, wie sie ja doch auf den Listen der vergangenen Jahre immer wieder zu finden waren. Statt dessen mit Friederike Mayröcker eine Autorin, die sich inzwischen den Status einer Klassikerin des 20. Jahrhunderts erschrieben hat, mit Helga Schubert eine verlässliche Zeugin ostdeutscher Lebensgeschichten und mit Judith Hermann eine Autorin, die gültig wie kaum eine andere von den beschädigten Biografien der deutschen Wohlstandsgesellschaft erzählt.

Jörg Schieke MDR KULTUR

Sachbuch: Neue Sichten auf Ethnologie, Zweiten Weltkrieg und ein Experiment

In der Kategorie Sachbuch blickt die Ethnologin Heike Behrend auf die Geschichte ihres Fachs und die Frage, wer eigentlich wen beobachtet: "Menschwerdung eines Affen" heißt das Buch. Der Titel bringt auf den Punkt, welche Entwicklung sie persönlich nahm, um von den Bewohnern eines kenianischen Bergdorfs akzeptiert zu werden.

Historiker Dan Diner, der auch an der Universität Leipzig lehrte, eröffnet eine neue Sicht auf den Zweiten Weltkrieg, indem er aus der Perspektive des Nahen Ostens bzw. der Juden in Palästina darauf schaut.

Von der Geschichte ihres Dorfes "im Weltzusammenhang" berichtet Uta Ruge in ihrem ebenfalls nominierten Sachbuch: "Bauern, Land". Mit der Krise der Demokratie beschäftigt sich Christoph Möller, der mit "Freiheitsgrade" in die Vorauswahl kam. Dass sich die Erde um die Sonne dreht, zeigte der französische Physiker Léon Foucault 1851 mit einem Pendel. Warum das Experiment berühmt wurde, obwohl das Ergebnis theoretisch schon seit Kopernikus bekannt war, untersucht Wissenschaftshistoriker Michael Hagner und überzeugte damit die Vor-Jury.

Neu- und Wiederentdeckungen in der Kategorie Übersetzung

Der Schriftsteller Karl Ove Knausgård hat "Die Vögel" von Tarjei Vesaas einmal als den besten norwegischen Roman aller Zeiten bezeichnet. 2020 erschien das Werk in einer deutschen Neuübersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel, sie ist eine der fünf nominierten Arbeiten. In der Kategorie Übersetzung steht außerdem auch Jon Dos Passos' "USA-Trilogie" auf der Shortlist, neu übertragen von Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren.

Preisvergabe am 28. Mai in der Kongresshalle am Zoo

Der Preis der Leipziger Buchmesse wird seit 2005 vergeben und gehört zu den wichtigsten Literatur-Auszeichnungen in Deutschland. Die siebenköpfige Jury unter Leitung von Jens Bisky wählte die Nominierten 2021 unter insgesamt 389 deutschsprachigen Neuerscheinungen aus 132 Verlagen aus. Zum Gremium gehört auch MDR KULTUR-Literaturredakteurin Katrin Schumacher.

Bereits im vergangenen Jahr erfolgte die Preis-Vergabe pandemie-bedingt ohne Publikum. Geehrt wurde u.a. Lutz Seiler für seinen Nachwende-Roman "Stern 111". Für den 28. Mai ist nun eine Veranstaltung in der Leipziger Kongresshalle am Zoo geplant, die auch im Livestream zu verfolgen sein wird. Vorab werden die Nominierten u.a. am 25. Mai in einem Spezial auf MDR KULTUR vorgestellt, nachzuhören auch in der ARD Audiothek.

Alle Nominierten zum Preis der Leipziger Buchmesse 2021

In der Kategorie Belletristik

In der Kategorie Sachbuch/Essayistik

  • Heike Behrend: Menschwerdung eines Affen. Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung
  • Dan Diner: Ein anderer Krieg. Das jüdische Palästina und der Zweite Weltkrieg 1935-1942
  • Michael Hagner: Foucaults Pendel. Anlässlich einer Installation von Gerhard Richter
  • Christoph Möllers: Freiheitsgrade. Elemente einer liberalen politischen Mechanik
  • Uta Ruge: Bauern, Land: Die Geschichte meines Dorfes im Weltzusammenhang

In der Kategorie Übersetzung

  • Ann Cotten für Rosemarie Waldrop: Pippins Tochters Taschentuch
  • Frank Heibert und Sonja Finck für Louis-Karl Picard-Siousi: Der große Absturz
  • Hinrich Schmidt-Henkel für Tarjej Vesaas: Die Vögel
  • Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren für Jon Dos Passos: USA-Trilogie / Der 42. Breitengrad / 1919 / Das große Geld
  • Timea Tankó für Miklos Szentkuthy: Apropos Orpheus

Zu den Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2021

Katrin Schumacher 21 min
Bildrechte: MDR/Hagen Wolf

Katrin Schumacher mit den 3 Literaturtipps der Woche: Iris Hanika: "Echos Kammern", Günter Krenn: "Serge und Jane" und Juli Zeh: "Über Menschen".

MDR KULTUR - Das Radio Fr 26.03.2021 08:44Uhr 21:05 min

https://www.mdr.de/kultur/podcast/unter-buechern/buchtipps-iris-hanika-guenter-krenn-juli-zeh-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. April 2021 | 12:10 Uhr

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