Ausgezeichnet! Preis der Leipziger Buchmesse 2022 für israelischen Autor Tomer Gardi

Der israelische Schriftsteller Tomer Gardi, Sachbuch-Autorin Uljana Wolf und Übersetzerin Anne Weber bekamen am Donnerstag den Preis der Leipziger Buchmesse 2022. Verliehen wurden die mit insgesamt 60.000 Euro dotierten Auszeichnungen in der Glashalle der Leipziger Messe. Allerdings nur vor kleinem Publikum, wurde die Buchmesse doch pandemiebedingt zum dritten Mal in Folge abgesagt. Dennoch gibt es bis Sonntag ein Alternativprogramm mit Lesungen. "Leipzig liest weiter", versicherte Buchmesse-Direktor Oliver Zille in seiner Rede und bekundete angesichts des russischen Angriffskrieges Solidarität mit den Menschen in der Ukraine.

Der israelische Autor Tomer Gardi gewinnt den Preis der Leipziger Buchmesse und bedankt sich am Rednerpult.
Der israelische Autor Tomer Gardi bei der Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse 2022 in der Glashalle. Bildrechte: dpa

Mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2022 ist am Donnerstag der israelische Schriftsteller Tomer Gardi geehrt worden. Die mit 15.000 Euro dotierte Auszeichnung in der Kategorie Belletristik bekam er für seinen Roman "Eine runde Sache". Laut Jury ein "tollkühnes" Werk, in dem der Autor erkunde, wie es einem Menschen überhaupt gelinge, seine Sprache, also auch Heimat und Identität zu finden. Gardi spiele ebenso "kunstvoll wie dreist mit den Lesegewohnheiten und Erwartungen an einen Roman", begründete die Jury weiter.

Zuerst schickt sich Tomer Gardi selbst, auf Deutsch verfasst, als literarische Figur mit einem Deutschen Schäferhund und dem Elfen- oder gar Erlkönig an seiner Seite auf eine surreal-abenteuerliche Odyssee. Im zweiten Teil, einem aus dem Hebräischen übersetzten historischen Roman, folgen wir dem im 19. Jahrhundert lebenden indonesischen Maler Raden Saleh von Java durch Europa und zurück nach Asien.

Aus der Begründung der Jury

Jury belohnt Tomer Gardis "tollkühnen" Roman: "Eine runde Sache"

Als spektakulär galt schon die Nominierung, ist Gardis Roman doch zur Hälfte aus dem Hebräischen übersetzt, zur anderen Hälfte in einem Deutsch komponiert, das bewusst die Regeln für Rechtschreibung und Grammatik bricht, aber Worte so mit neuem, komisch-schrägem Sinn auflädt. Die Jury, die eigentlich über deutschsprachige Neuerscheinungen in der Kategorie Belletristik befindet, belohnte so Wagemut und Experimentierfreude des Autors, der 1974 in einem Kibbuz in Galiläa geboren wurde, mit 12 Jahren mit seiner Familie nach Wien zog, wo er Deutsch nach eigenem Bekunden "sehr mündlich" über das Hören und Sprechen lernte. Heute lebt Tomer Gardi in Berlin. Erschienen ist sein Roman im österreichischen Droschl-Literaturverlag mit Sitz in Graz.

Der israelische Autor Tomer Gardi gewinnt den Preis der Leipziger Buchmesse und bedankt sich am Rednerpult. 6 min
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Der israelische Schriftsteller Tomer Gardi, Sachbuch-Autorin Uljana Wolf und Übersetzerin Anne Weber bekamen am Donnerstag den Preis der Leipziger Buchmesse 2022. Ein Gespräch mit Jörg Schieke.

MDR KULTUR - Das Radio Do 17.03.2022 15:30Uhr 06:07 min

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Sachbuch-Preis für Uljana Wolf für "Etymologischer Gossip"

Die Lyrikerin und Übersetzerin Uljana Wolf wurde in der Kategorie Sachbuch/Essayistik für den Band "Etymologischer Gossip" geehrt. In den darin versammelten Essays und Reden verhandelt sie der Jury zufolge mit großem Esprit die gesellschaftspolitische Rolle von Sprache und Übersetzung. Davon bleibe auch die Form, in der die 1979 in Ostberlin geborene Autorin schreibe, "nicht unberührt", als "Guessay, Translabor, Versuchsanordnung" lade sie zum "Weitersprechen, Fabulieren und 'gossippen'" ein. Erschienen ist der Essayband im Berliner Independent-Verlag kookbooks.

Ihr Buch hätte in allen drei Kategorien nominiert werden können, lobte Juror Andreas Platthaus: als ein Sachbuch über die Arbeit des Übersetzens von Lyrik, das zugleich eine "intellektuelle Autobiografie" der Autorin und ihrer Lebensthemen sei. Dabei sei das Übersetzen auch als ein sich um Verständnis und Verständigung-Bemühen zu verstehen. Und was könnte wichtiger sein in einer "migrantisch geprägten Welt".

Schriftstellerin Uljana Wolf 8 min
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Für ihr Band "Etymologischer Gossip" und den darin versammelten Essays und Reden verhandelt Uljana Wolf mit großem Esprit die gesellschaftspolitische Rolle von Sprache und Übersetzung. Ein Gespräch mit Jörg Schieke.

MDR KULTUR - Das Radio Do 17.03.2022 15:30Uhr 08:20 min

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Autorin Anne Weber als Übersetzerin von "Nevermore" geehrt

Mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2022 in der Kategorie Übersetzung wurde Anne Weber geehrt. Die Autorin und Übersetzerin bekam die Auszeichnung für ihre Übertragung von Cécile Wajsbrots Roman "Nevermore" (Wallstein) aus dem Fränzösischen. In Wajsbrots Roman wird das Übersetzen als Ringen um treffende Worte selbst zum Thema, ist die Protagonistin des Buches doch eine Übersetzerin, die nach dem Tod einer Freundin von Paris nach Dresden zieht. Im Gepäck hat sie Virginia Woolfs Roman "To the Lighthouse", den sie ins Französische übertragen soll. Webers "Metaübersetzung" "trianguliere" zwischen drei Sprachen. Ihre "Sprachkunst" sei so besonders gefordert gewesen, urteilte die Jury.

Weber, 1964 in Offenbach geboren, lebt in Paris. Sie stand mit ihrem Roman "Kirio" 2017 auf der Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse. Für "Annette, ein Heldinnenepos", wurde sie 2020 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Darin schildert sie das Leben einer französischen Widerstandskämpferin in Form einer Versdichtung.

Die Autorin Anne Weber nimmt an der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2020 im Frankfurter Römer teil 8 min
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Für ihre Übertragung von Cécile Wajsbrots Roman "Nevermore" (Wallstein) aus dem Fränzösischen und ihre "Sprachkunst" erhielt Anne Weber einen Preis der Leipziger Buchmesse. Ein Gespräch mit Jörg Schieke.

MDR KULTUR - Das Radio Do 17.03.2022 15:30Uhr 07:52 min

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Buchmesse-Direktor betont Solidarität mit der Ukraine

Oliver Zille, Direktor der Leipziger Buchmesse, moderiert die Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse 2022.
Buchmesse-Direktor Oliver Zille moderiert die Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse 2022. Bildrechte: dpa

Die Preisverleihung in der Glashalle auf der Neuen Messe war nur im Videostream zu erleben. Pandemiebedingt bzw. aufgrund der Absage großer Verlage war die Leipziger Buchmesse zum dritten Mal in Folge abgesagt worden. Allerdings finden bis Sonntag trotzdem alternativ organisierte Lesungen statt. In seiner Ansprache versicherte Buchmesse-Direktor Oliver Zille: "Leipzig liest weiter!" So werde in Zeiten des Krieges gegen die Ukraine literarisch Öffentlichkeit hergestellt.

Wir sind mit Herz und Kopf bei den Menschen in der Ukraine.

Oliver Zille Direktor der Leipziger Buchmesse

Er verwies darauf, dass in den Hallen der Messe inzwischen Flüchtende aus der Ukraine untergebracht seien.

15 Kandidatinnen in drei Kategorien im Rennen

Preis der Leipziger Buchmesse, Kategorie Belletristik Katerina Poladjan: Zukunftsmusik  Emine Sevgi Özdamar: Ein von Schatten begrenzter Raum Tomer Gardi: Eine runde Sache  Dietmar Dath: Gentzen oder: Betrunken aufräumen. Kalkülroman  Heike Geißler: Die Woche (Suhrkamp)
Bildrechte: S. Fischer Verlag - Suhrkamp - Literaturverlag Drosch - Matthes & Seitz Berlin - Suhrkamp

Der mit insgesamt 60.000 Euro dotierte Preis der Leipziger Buchmesse wird seit 2005 für herausragende Neuerscheinungen in den drei Kategorien Übersetzung, Sachbuch/Essayistik und Belletristik vergeben. Die Gewinnerinnen und Gewinner bekommen jeweils 15.000 Euro Preisgeld. Für jede Nominierung gibt es zudem 1.000 Euro.

441 Werke aus 169 Verlagen eingereicht

Insgesamt waren für den Preis 441 Werke aus 169 Verlagen eingereicht worden. Laut der Juryvorsitzenden Insa Wilke zeichneten sich die nominierten literarischen Werke durch "ihre außergewöhnliche Sprachkunst aus, die überhaupt erst eine Auseinandersetzung mit ihren Themen ermöglicht." Zur Jury gehören sieben Literaturexpertinnen, Kritiker bzw. Übersetzer. Im vergangenen Jahr ging der Preis an drei Autorinnen: Iris Hanika (Belletristik), Heike Behrend (Sachbuch/Essayistik) und Timea Tankó (Übersetzung). Sie folgen auf namhafte Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Ingo Schulze, Lutz Seiler, Clemens Meyer, Saša Stanišić, Natascha Wodin und Anke Stelling, die in den Vorjahren mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurden.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. März 2022 | 16:30 Uhr

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