Rezension zu "Die rechtschaffenen Mörder" Ingo Schulzes Liebeserklärung an Dresden

Spätestens seit seinem Buch "Simple Storys" gilt Ingo Schulze als Star der Gegenwartsliteratur. Mit seinem neuen Buch "Die rechtschaffenen Mörder" ist er nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse. Der politisch brisante Roman stellt die aufwühlende Frage: Wie wird ein aufrechter Mensch zum Reaktionär? Dazu beweist das Buch eindringlich, wie sehr Ingo Schulze seine Geburtsstadt Dresden am Herzen liegt.

Blick vom Elbufer auf die Altstadt von Dresden.
In melancholisch gefärbten Passagen schildert Ingo Schulze seine Geburtsstadt Dresden als einzigartigen Ort mit bürgerlichem Flair und Charme, aber auch mit seinen Schattenseiten. Bildrechte: imago images / photothek

Dynamisches und flüssiges Erzählen gilt als Ingo Schulzes Spezialität. In seinem neuen Roman kostet er dieses Talent weidlich aus. Man wird hineingesaugt in die Geschichte eines Dresdner Antiquars namens Norbert Paulini, der zu DDR-Zeiten seinen Laden in einer maroden Villa eröffnete. Den Mann der Bücher umwehte eine besondere Aura, die seine Kunden zu schätzen wussten.

Traurige Nachwendebiografie

Ingo Schulze: "Die rechtschaffenen Mörder"
Das Cover zu Ingo Schulzes "Die rechtschaffenen Mörder" Bildrechte: Fischer Verlag

Doch dann erwischte der Mauerfall Norbert Paulini eiskalt. Einst im Osten gedruckte Bücher verloren über Nacht ihren Wert und landeten auf Müllhalden. Der Geschäftsinhaber musste einen Salto Mortale vollziehen und landete dabei nicht weich. Die Sparkasse, die ihm einst per Kredit den Start ins Dasein eines Selbständigen versüßte, verweigerte nach der Währungsunion weitere finanzielle Unterstützung. Deshalb schlitterte der sensible Händler in die Insolvenz und sah sich aus seiner bis dahin weitgehend heilen Welt hinauskatapultiert.

Es fehlt nicht an tragischen Wendungen in dieser aktions- und dialogreichen Story. Norbert Paulinis Ehefrau entpuppt sich als Stasispitzel. Das Jahrhunderthochwasser von 2002 spült die mühsam geretteten Bestände seines Buchhauses zur Hälfte hinweg. Sein einziger Sohn Julian sympathisiert mit der Neonaziszene. Er selbst verbittert und übt sich nach der Flüchtlingswelle von 2015 in Ressentiments, die man dem einstigen Dissidenten so nicht zugetraut hätte.

Auszug aus dem Roman

"Kümmert Sie das nicht, dass ich hier oben hausen muss, während sich eine Million frisch zugereister junger Männer aussuchen darf, in welcher Stadt sie sich auf unser aller Sozialhilfepolster niederlassen darf, um fleißig weiter Kinder zu zeugen und zwischendurch ihre Stirn auf dem Moscheeteppich zu wetzen?"

Liebeserklärung an Dresden

Ingo Schulze, 2014
Ingo Schulze lebt zwar in Berlin, ist aber gebürtiger Dresdner. Bildrechte: Ilong Göll

Gelegentlich überreizt Ingo Schulze die Dramatik der Handlung. Etwa dann, wenn er Norbert Paulini als naive Symbolfigur für die Ostdeutschen in den Wendewirren porträtiert. Die meisten Ex-DDR-Bürger waren keine hilflosen Opfer, die sich in ihr Schicksal fügten. Geschweige denn verhielten sie sich so realitätsfern und unbedarft wie Norbert Paulini. Aber über dieses Manko lässt sich hinwegschauen, wenn man auf jene melancholischen Passagen stößt, in denen Ingo Schulze seiner Geburtsstadt Dresden eine Liebeserklärung macht.

Auszug aus dem Roman

"Er sah den Holunderbusch, die schweren Eisenringe für die Taue der Elbdampfer, den Schillergarten zur Linken, das Elbe-Hotel gegenüber und den Luisenhof hoch droben. Selbst im Winter und ohne Schnee verloren die Höhenzüge – 'sanft gehen wie Tiere die Berge neben dem Fluss' – nicht ihre Lieblichkeit. Gab es eine zweite Stadt, in der sich die Hänge und Ufer und Brücken dem Fluss anschmiegten, als wollten sie ein Paradies vorstellen, dem es zugleich nie an Weite und Größe und Atem gebrach und in der Ferne immer schon die Berge eine neue Sehnsucht weckten?"

Die Diktion von Ingo Schulze mutet gelegentlich eine Spur zu barock und zu überladen an, aber das tut der Spannung selten Abbruch. Wer auf einen Roman gewartet hat, der dem Kosmos von Uwe Tellkamps Bestseller "Der Turm" einen Mosaikstein ganz anderer Art hinzufügt, ist mit diesem packenden Buch bestens beraten.

Mehr Informationen zum Buch

Ingo Schulze: "Die rechtschaffenen Mörder"

Buch
erschienen im Fischer Verlag
ISBN: 978-3-10-390001-9
320 Seiten, gebunden
21 Euro

Hörbuch

in 15 Teilen ab 2. März in der Lesezeit auf MDR KULTUR – das Radio und in der ARD-Audiothek,
gesprochen von Sylvester Groth und Victoria Trauttmansdorff
Regie: Thomas Fritz
Produktion: MDR/Argon-Verlag 2020

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. März 2020 | 15:45 Uhr

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