Rezension zu "Die rechtschaffenen Mörder" Ingo Schulzes Liebeserklärung an Dresden

Spätestens seit seinem Buch "Simple Storys" gilt Ingo Schulze als Star der Gegenwartsliteratur. Mit seinem neuen Buch "Die rechtschaffenen Mörder" ist er nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse. Der politisch brisante Roman stellt die aufwühlende Frage: Wie wird ein aufrechter Mensch zum Reaktionär? Dazu beweist das Buch eindringlich, wie sehr Ingo Schulze seine Geburtsstadt Dresden am Herzen liegt.

von Ulf Heise, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Blick vom Elbufer auf die Altstadt von Dresden. 4 min
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Mit seinem neuen Buch "Die rechtschaffenen Mörder" ist Ingo Schulze nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse. Der politische Roman beweist eindringlich, wie sehr ihm seine Geburtsstadt Dresden am Herzen liegt.

MDR KULTUR - Das Radio So 01.03.2020 14:15Uhr 04:09 min

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Dynamisches und flüssiges Erzählen gilt als Ingo Schulzes Spezialität. In seinem neuen Roman kostet er dieses Talent weidlich aus. Man wird hineingesaugt in die Geschichte eines Dresdner Antiquars namens Norbert Paulini, der zu DDR-Zeiten seinen Laden in einer maroden Villa eröffnete. Den Mann der Bücher umwehte eine besondere Aura, die seine Kunden zu schätzen wussten.

Traurige Nachwendebiografie

Ingo Schulze: "Die rechtschaffenen Mörder"
Das Cover zu Ingo Schulzes "Die rechtschaffenen Mörder" Bildrechte: Fischer Verlag

Doch dann erwischte der Mauerfall Norbert Paulini eiskalt. Einst im Osten gedruckte Bücher verloren über Nacht ihren Wert und landeten auf Müllhalden. Der Geschäftsinhaber musste einen Salto Mortale vollziehen und landete dabei nicht weich. Die Sparkasse, die ihm einst per Kredit den Start ins Dasein eines Selbständigen versüßte, verweigerte nach der Währungsunion weitere finanzielle Unterstützung. Deshalb schlitterte der sensible Händler in die Insolvenz und sah sich aus seiner bis dahin weitgehend heilen Welt hinauskatapultiert.

Es fehlt nicht an tragischen Wendungen in dieser aktions- und dialogreichen Story. Norbert Paulinis Ehefrau entpuppt sich als Stasispitzel. Das Jahrhunderthochwasser von 2002 spült die mühsam geretteten Bestände seines Buchhauses zur Hälfte hinweg. Sein einziger Sohn Julian sympathisiert mit der Neonaziszene. Er selbst verbittert und übt sich nach der Flüchtlingswelle von 2015 in Ressentiments, die man dem einstigen Dissidenten so nicht zugetraut hätte.

Auszug aus dem Roman

"Kümmert Sie das nicht, dass ich hier oben hausen muss, während sich eine Million frisch zugereister junger Männer aussuchen darf, in welcher Stadt sie sich auf unser aller Sozialhilfepolster niederlassen darf, um fleißig weiter Kinder zu zeugen und zwischendurch ihre Stirn auf dem Moscheeteppich zu wetzen?"

Liebeserklärung an Dresden

Ingo Schulze, 2014
Ingo Schulze lebt zwar in Berlin, ist aber gebürtiger Dresdner. Bildrechte: Ilong Göll

Gelegentlich überreizt Ingo Schulze die Dramatik der Handlung. Etwa dann, wenn er Norbert Paulini als naive Symbolfigur für die Ostdeutschen in den Wendewirren porträtiert. Die meisten Ex-DDR-Bürger waren keine hilflosen Opfer, die sich in ihr Schicksal fügten. Geschweige denn verhielten sie sich so realitätsfern und unbedarft wie Norbert Paulini. Aber über dieses Manko lässt sich hinwegschauen, wenn man auf jene melancholischen Passagen stößt, in denen Ingo Schulze seiner Geburtsstadt Dresden eine Liebeserklärung macht.

Auszug aus dem Roman

"Er sah den Holunderbusch, die schweren Eisenringe für die Taue der Elbdampfer, den Schillergarten zur Linken, das Elbe-Hotel gegenüber und den Luisenhof hoch droben. Selbst im Winter und ohne Schnee verloren die Höhenzüge – 'sanft gehen wie Tiere die Berge neben dem Fluss' – nicht ihre Lieblichkeit. Gab es eine zweite Stadt, in der sich die Hänge und Ufer und Brücken dem Fluss anschmiegten, als wollten sie ein Paradies vorstellen, dem es zugleich nie an Weite und Größe und Atem gebrach und in der Ferne immer schon die Berge eine neue Sehnsucht weckten?"

Die Diktion von Ingo Schulze mutet gelegentlich eine Spur zu barock und zu überladen an, aber das tut der Spannung selten Abbruch. Wer auf einen Roman gewartet hat, der dem Kosmos von Uwe Tellkamps Bestseller "Der Turm" einen Mosaikstein ganz anderer Art hinzufügt, ist mit diesem packenden Buch bestens beraten.

Ingo Schulzes "Die rechtschaffenen Mörder" als Hörbuch

Ingo Schulze: „Die rechtschaffenen Mörder“ 27 min
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Das Antiquariat von Norbert Paulini in Dresden-Blasewitz hatte in der DDR den Ruf eines Hortes geistiger Unabhängigkeit. Kein Wunder, war doch der eigenbrötlerische Antiquar bereits als Kind auf Büchern gebettet.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 02.03.2020 09:05Uhr 26:32 min

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Ingo Schulze: „Die rechtschaffenen Mörder“ 30 min
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Norbert Paulini, 1953 in Dresden geboren, wächst nach dem Tod der Mutter bei seinem Vater auf. Und da Klaus Paulini als Dreher im Schichtbetrieb arbeitet, kümmert sich ihre Vermieterin Frau Kate um den Jungen.

MDR KULTUR - Das Radio Di 03.03.2020 09:05Uhr 29:34 min

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Ingo Schulze: „Die rechtschaffenen Mörder“ 28 min
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Am Ende seines Grundwehrdienstes in der NVA erhält er die Zulassung für eine Ausbildung zum Buchhändler in der Volksbuchhandlung in der Dresdner Hüblerstraße. Doch dabei soll es nicht bleiben.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 04.03.2020 09:05Uhr 27:45 min

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Ingo Schulze: „Die rechtschaffenen Mörder“ 29 min
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Mit den von der Mutter geerbten Büchern hat Norbert Paulini in der "Villa Kate" sein eigenes Antiquariat eröffnet. Schnell spricht sich herum, welche Schätze es hier gibt. Und Paulini erhält einen ganz besonderen Brief.

MDR KULTUR - Das Radio Do 05.03.2020 09:05Uhr 29:25 min

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Ingo Schulze: „Die rechtschaffenen Mörder“ 28 min
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Nobert Paulini hat Viola Hentschel geheiratet, eine Friseurin und Zeitungsleserin. Erträumt hatte er sich allerdings eine feinsinnige, gebildete Frau an seiner Seite, und die soll er wenig später auch kennenlernen.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 06.03.2020 09:05Uhr 28:26 min

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Ingo Schulze: „Die rechtschaffenen Mörder“ 27 min
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Norbert Paulini hielt auch 1989 sein Antiquariat gegenüber allem Politischen verschlossen. Der Mann aus dem Westen, der ihn mit seiner Liste gewünschter Erstausgaben und dem 100 DM-Schein verärgert hatte, kam zurück.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 09.03.2020 09:05Uhr 26:56 min

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Ingo Schulze: „Die rechtschaffenen Mörder“ 29 min
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Nach der Währungsunion hatte Norbert Paulini sein Antiquariat wieder eröffnet. Statt bei ihm zu kaufen, drängten ihm die Kunden Bücher, die man ihm in der DDR aus den Händen gerissen hätte, zum Ankauf geradezu auf.

MDR KULTUR - Das Radio Di 10.03.2020 09:05Uhr 28:54 min

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Ingo Schulze: „Die rechtschaffenen Mörder“ 28 min
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Paulinis Frau hatte ihm nach der Wende gestanden, gegenüber "Dritten" über Antiquariatskunden berichtet zu haben. Nun tauchte ein früherer Stammkunde auf, der Paulini wegen der Berichte von "Blondzopf" zur Rede stellte.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 11.03.2020 09:05Uhr 28:01 min

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Ingo Schulze: „Die rechtschaffenen Mörder“ 27 min
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Norbert Paulini hatte sich scheiden lassen. Sein Antiquariat musste er schließen und Insolvenz anmelden. Er arbeitete als Nachtportier in einer Pension, wo er sich in Hanna verliebte, die eines Tages spurlos verschwand.

MDR KULTUR - Das Radio Do 12.03.2020 09:05Uhr 27:27 min

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Ingo Schulze: „Die rechtschaffenen Mörder“ 29 min
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Norbert Paulini hatte einen Großteil seiner Bücher, die in einer Scheune an der Elbe lagerten, durch die Flut verloren. Mit den geretteten Büchern zog er sich in ein einfaches Bauernhaus in die Sächsische Schweiz zurück.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 13.03.2020 09:05Uhr 29:16 min

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Ingo Schulze: „Die rechtschaffenen Mörder“ 29 min
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Als Oberschüler war der Erzähler, inzwischen ein arrivierter Schriftsteller, in den Kreis um Norbert Paulini aufgenommen worden, den er verehrte. Hier lernte er auch Lisa und den Schriftsteller Ilja Gräbendorf kennen.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 16.03.2020 09:05Uhr 28:52 min

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Ingo Schulze: „Die rechtschaffenen Mörder“ 29 min
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Zum vierzigjährigen Jubiläum des Antiquariats reiste der Erzähler aus Berlin an und hielt eine Rede auf Paulini. Die Nacht verbrachte er mit Lisa, die schon wenige Stunden nach seiner Rückkehr vor seiner Tür stand.

MDR KULTUR - Das Radio Di 17.03.2020 09:05Uhr 29:21 min

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Ingo Schulze: „Die rechtschaffenen Mörder“ 29 min
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Lisa kam immer seltener nach Berlin, wo sie sich nicht wohl fühlte. Hingegen war sie offensichtlich häufiger bei den Paulinis, die sie brauchten, wie sie dem eifersüchtigen Erzähler erklärte.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 18.03.2020 09:05Uhr 29:16 min

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Ingo Schulze: „Die rechtschaffenen Mörder“ 29 min
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Zu Lisas Geburtstag war der Erzähler unangemeldet nach Dresden gefahren und dann weiter zu Paulini. Beim Kuchenessen hatte Paulini ihn gewarnt: Er solle es nicht wagen, über ihn zu schreiben.

MDR KULTUR - Das Radio Do 19.03.2020 09:05Uhr 29:02 min

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Ingo Schulze: „Die rechtschaffenen Mörder“ 28 min
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Schultzes Lektorin war in die Sächsische Schweiz gefahren, um sich anzuschauen, wo Lisa und Paulini in den Tod gestürzt waren. Auf der Rückfahrt hielt sie an Paulinis Antiquariat, doch niemand öffnete.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 20.03.2020 09:05Uhr 28:17 min

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Mehr Informationen zum Buch

Ingo Schulze: "Die rechtschaffenen Mörder"

Buch
erschienen im Fischer Verlag
ISBN: 978-3-10-390001-9
320 Seiten, gebunden
21 Euro

Hörbuch

in 15 Teilen ab 2. März in der Lesezeit auf MDR KULTUR – das Radio und in der ARD-Audiothek,
gesprochen von Sylvester Groth und Victoria Trauttmansdorff
Regie: Thomas Fritz
Produktion: MDR/Argon-Verlag 2020

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. März 2020 | 15:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. März 2020, 14:08 Uhr

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