George Orwells Roman "1984" ins Rumänische übersetzt in einer Buchhandlung in Bukarest
Orwells "1984" - düstere Zukunftsvision eines völligen Überwachungsstaates. Bildrechte: MDR/Annett Müller

Buchmarkt Was liest man in Rumänien?

In einer Eurostat-Umfrage von 2011 gaben 75 Prozent der Rumänen an, im Jahr mindestens ein Buch zu lesen. Das osteuropäische Land hat im EU-Vergleich den geringsten Bücherkonsum. Doch was wird gelesen, wenn gelesen wird? Vor allem ausländische Literatur, die unter anderem die Bukarester Literaturagentin Simona Kessler vermittelt.

von Annett Müller

George Orwells Roman "1984" ins Rumänische übersetzt in einer Buchhandlung in Bukarest
Orwells "1984" - düstere Zukunftsvision eines völligen Überwachungsstaates. Bildrechte: MDR/Annett Müller

Als Donald Trump im Januar 2017 zum US-Präsidenten vereidigt wurde, kletterte George Orwells Roman "1984" - zwischenzeitlich auf der Bestsellerliste des Online-Händlers Amazon auf Platz eins.

Doch nicht nur in den USA ist Orwells düstere Zukunftsvision eines Überwachungsstaates ein Verkaufsschlager, sondern auch im osteuropäischen Rumänien. Die Bukarester Literaturagentin Simona Kessler verwundert das nicht: "Orwells Dystopie ist ein Klassiker, Klassiker sind meist Longseller. Die post-kommunistischen Jahre haben das Trauma des 40-jährigen Totalitarismus bei uns nicht getilgt, insofern spricht der 1949 erschienene Roman immer noch eine weite Leserschaft an."

Durch Tonnen von Büchern lesen

Die Bukarester Literaturagentin Simona Kessler
Literaturagentin Simona Kessler Bildrechte: MDR/Annett Müller

Simona Kessler ist als Literaturagentin so etwas wie eine Geburtshelferin, damit ausländische Bücher auf dem rumänischen Markt erscheinen, wie beispielsweise die Werke von George Orwell. Für über 160 Verlage, ob aus Europa oder Übersee, akquiriert sie seit nunmehr 20 Jahren Lizenzverträge, liest sich jährlich durch Tonnen von Büchern, um rumänischen Verlagen inhaltliche Empfehlungen zu geben. In der einheimischen Verlegerbranche wird sie deshalb auch gern humorvoll die "Königin des Copyrights in Rumänien" genannt.   

Auflagenzahlen auf neuen Tiefstand

Dass ausländische Autoren im rumänischen Buchhandel deutlich mehr verlegt werden als einheimische, liegt an einer guten PR und daran, dass die rumänischen Verlage mit den Jahren höchst vorsichtig geworden sind, was die Verkaufszahlen angeht. Nach 1989 herrschten paradiesische Zeiten, war der Heißhunger nach unzensierter Literatur riesig. Auflagen von 300.000 Exemplaren pro Titel waren die Regel – heute sind sie die Ausnahme. Nach mehreren Krisen sind die Verlage auf einen neuen Tiefststand angelangt. Die Durchschnittsauflage für einheimische zeitgenössische Literatur liegt bei 1.000 bis 1.500 Exemplaren pro Buchtitel.

Die Bestseller-Autoren in Rumänien

Paulo Coelho
Coelhos Unterhaltungsliteratur ist in 80 Sprachen übersetzt, darunter Rumänisch. Bildrechte: IMAGO

Ausreißer nach oben erreichen lediglich international erfolgreiche Schriftsteller oder preisgekrönte Buchtitel. Einer der beliebtesten Autoren auf dem rumänischen Markt: der brasilianische Schriftsteller Paulo Coelho mit 1,3 Millionen verkauften Exemplaren. Doch auch die britische Liebesroman-Autorin Jojo Moyes knackte im vorigen Jahr fast die Marke von 100.000 Exemplaren, knapp dahinter kam der britische Science-Fiction-Schriftsteller Neil Gaiman. Sogar Timur Vermes Debütroman "Er ist wieder da" war mit 4.000 Exemplaren ein Verkaufserfolg - und zwar ein völlig unerwarteter. Agentin Kessler ist noch heute begeistert: "Vermes hat mit dem Kunstgriff des Zeitclash, Hitler in die Gegenwart zu versetzen, eine krasse Politsatire abgeliefert, die sprachlich brillant ist".

Hype um Hygge

Auch dem Hype, die altbewährte dänische Glücksphilosophie Hygge als neue Gemütlichkeit zu entdecken, hat sich Rumänien nicht verschlossen. Der Minimalismus sei als solches nicht neu, meint Kessler: "Selbst Sokrates stellte fest: 'Wie viele Dinge es doch gibt, die ich nicht brauche.' Aber wer könnte heute Sokrates als Lifestyle-Trendsetter an Hipster verkaufen?" Dafür eigne sich Meik Wiking, der Geschäftsführer des Kopenhagener Instituts für Glücksforschung, viel besser. Im vorigen November flog er nach Bukarest, um auf der landesweiten Buchmesse Gaudeamus sein Buch vorzustellen – 8.000 Mal wurde es verkauft.

Feministische Literatur fehlt völlig

Welcher Buchtitel welchen Erfolg einfahren wird, kann auch Simona Kessler nicht vorhersagen. Wie auch, denn auf dem auf dem Markt gebe es schließlich keine Routine. Doch sicher ist, was sich in Rumänien auf keinen Fall verkauft: So haben sich weder "true crime"- noch Western-Romane durchgesetzt, weil die rumänischen Verleger die Genres nicht entwickelt haben, bis auf wenige einzelne Titel. Feministische Literatur? Fehlanzeige: "In einem Macholand wie Rumänien ist das kein Thema."

Prominentester rumänischer Gegenwartsautor

Mircea Cartarescu
Rumänischer Erfolgsautor Mircea Cartarescu Bildrechte: MDR/Annett Müller

Zu den beliebtesten einheimischen Autoren zählt Mircea Cartarescu. Er legte in den vergangenen Jahren hundertseitige Romane vor, dazwischen entspannt er beim Schreiben von Kurzgeschichten. Seine mehrfach ausgezeichneten Romane wären wohl nie entstanden, hätte sich Cartarescu nicht jahrelang mit ausländischen Autorenstipendien über Wasser gehalten. Er schrieb an Orten in ganz Europa. Über seine lesenden Landsleute sagt er: "Es gibt lediglich einen harten Kern von 20.000 bis 30.000 Lesern, die fast alle Bücher kaufen." Bis heute kann der prominente Autor vom Schreiben allein nicht leben. Lukrativer sei es, sagt Cartarescu, an der Universität Bukarest zu unterrichten - natürlich Literatur.

Über die Autorin: Die Leipziger Journalistin Annett Müller verbringt seit Mitte der 90er-Jahre die Hälfte ihrer Arbeitszeit bei Recherchen in Rumänien. Dort hat sie über die Jahre nicht nur gelernt, dass die rumänische Politik voller Fallstricke ist, sondern auch, wie spannend und avantgardistisch rumänische Kunst und Kultur sein kann.

Über die Leipziger Buchmesse berichtet MDR KULTUR auch im Radio und Fernsehen: MDR KULTUR - Das Radio:
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Im MDR Fernsehen:
15.3. | 22:05 Uhr "artour"
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Zuletzt aktualisiert: 16. März 2018, 14:30 Uhr