Tipps zum Länderschwerpunkt: Worte, Bilder, Töne Rumänien in Leipzig erleben

Mit knapp 60 Veranstaltungen präsentiert sich das Gastland Rumänien in diesem Jahr auf der Leipziger Buchmesse. Sie alle hier vorzustellen, wäre unmöglich. An dieser Stelle ein paar Tipps zur Orientierung.

Donnerstag, 15. März 2018

12 Uhr | Rumänischer Stand | Halle 4, E501 | Ausstellungseröffnung

Fritz Balint aus dem rumänischen Sighisoara (Schäßburg) in seiner Wohnung, aufgenommen im Jahr 2013. Der heute 91-Jährige ist einer von rund 70.000 Rumäniendeutschen, die Ende 1944 bis Anfang 1945 zur Zwangsarbeit in die damalige Sowjetunion deportiert wurden. Der Luxemburger Fotograf Marc Schroeder besuchte knapp 70 Jahre später 40 Überlebende in Rumänien, um mit ihnen über die Zeit im Arbeitslager zu sprechen. Alle erinnerten sich an drei Dinge: Hunger, Kälte, Läuse. Viele der Zeitzeugen waren auch 2013 noch überzeugt, dass die damalige rumänische Regierung für ihre Deportationen verantwortlich gewesen ist. Es war jedoch der sowjetische Diktator Stalin, der die Zwangsarbeit angeordnet hatte, als Reparation für die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg.

Ein älterer Herr sitzt auf seiner Couch im Wohnzimmer und lächelt in die Kamera.
Die Ausstellung ist während der gesamten Messezeit zu sehen. Bildrechte: Marc Schroeder

14 Uhr | Forum OstSüdOst | Halle 4, Stand 401

Die Autoren der im Verlag Klaus Wagenbach erschienenen Anthologie "Wohnblockblues mit Hirtenflöte – Rumänien neu erzählen“ versprechen, sich dem Land abseits von Osteuroparomantik und Klischees zu nähern. Schon der Buchtitel macht neugierig.

20 Uhr | Schaubühne Lindenfels | Karl-Heine-Straße 50

Herta Müller
Herta Müller über Sprache: "Sie kann alles, ich misstraue ihr auch." Bildrechte: dpa

Die im rumänischen Banat geborene Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller und die aus der siebenbürgischen Stadt Targu Mures stammende Liedermacherin Ada Milea kennen sich seit Jahren. Bei einer Veranstaltung in Berlin, kurz nachdem Müller Ende 2009 den Literaturnobelpreis erhalten hatte, war Milea der musikalische Überraschungsgast. Die beiden Frauen verbindet die Liebe zur Lyrik des wichtigsten surrealistischen rumänischen Poeten Gellu Naum, der unter dem kommunistischen Regime lange Zeit verboten war.

Ada Milea, Folklore-Sängerin
Liedermacherin Ada Milea Bildrechte: Nicu Cherciu

Doch weniger um Naum und die Vertonung seiner Gedichte wird es beim Auftritt in der Leipziger Schaubühne Lindenfels gehen. Ada Milea will ihre lakonisch-ironischen Lieder aufführen. Der Song "Die Grenze in der Tasche" ist zugleich Leitmotiv des Abends. Milea sagt, sie freue sich riesig auf das Konzert. Nobelpreisträgerin Müller wird ihre politische Sprachakrobatik übersetzen.

Freitag, 16. März 2018

17 Uhr | Rumänischer Stand | Halle 4, E501

Der heute 66-jährige Dichter Mircea Dinescu war und ist einer der schillerndsten Figuren der rumänischen Literaturszene. Im März 1989 rechnete er in einem Interview mit der französischen Zeitung "Libération" radikal mit dem rumänischen Diktatr Ceausescu ab. Am Ende des Interviews wurde er gefragt: "Was würden Sie machen, wenn Ceausescu eines Tages verschwunden sein wird?" Dinescu daraufhin: "So etwas ist nicht möglich. Seine Herrlichkeit ist unsterblich." Am 22. Dezember 1989 konnte Dinescu des Sturz des Diktators im Staatsfernsehen verkünden. Heute ist einstige "Rebell vom Dienst" Kolumnenschreiber, TV-Entertainer, Koch und hin und wieder Poet.

20 Uhr | Ariowitsch-Haus | Zentrum Jüdischer Kultur | Hinrichsenstraße 14

1981 beklagte der jüdisch-rumänische Schriftsteller Norman Manea in einem Interview den schwelenden Nationalismus und Antisemitismus unter Ceausescu, was ihn prompt zum Staatsfeind machte. Wenig später - 50-jährig - verließ er mit einem DAAD-Stipendium das Land und zog schließlich weiter in die USA. Das Exil und die Fremde sind zwei seiner Hauptthemen. Zur Buchmesse reist der heute 81-Jährige aus New York an.

Samstag, 17. März 2018

16 Uhr | Rumänischer Stand | Halle 4, E501

Wer die gewichtigen rumänischen Gegenwartsliteraten in einer Diskussionsrunde erleben will, der sollte sich Samstagnachmittag vormerken. Mircea Cartarescu, Lavinia Braniste, Filip Florian, Gabriela Adamesteanu und Bogdan-Alexandru Stanescu diskutieren dann über Bukarest als Ort der Inspiration. Da nur eine Stunde für das Gespräch anberaumt ist, könnten die einzelnen Autoren ziemlich kurz kommen, doch sie sind auch noch an vielen anderen Orten auf der Messe zu erleben.

17 Uhr | Rumänischer Stand | Halle 4, E501

Im Jahr 1945 schrieb Paul Celan die "Todesfuge", die zum Inbegriff der Dichtung nach Auschwitz wurde. Darin heißt es:

" ... der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau."

Lyriker Paul Celan
Lyriker und Avantgardist Paul Celan Bildrechte: dpa

Celan wurde 1920 in der damaligen rumänischen Multikultistadt Cernowitz geboren. Die Hälfte der Einwohner waren deutschsprachige Juden, darunter auch Celans Familie. Seine Eltern wurden von den Nazis ermordet, er selbst überlebte. Celan stellte in seinen Gedichten ein Leben lang existenzielle Fragen, suchte nach Sinn und Gerechtigkeit. In seiner Muttersprache, die für ihn auch die Sprache der Mörder war, hinterließ er ein einzigartiges Gesamtwerk. Es soll nun vollständig ins Rumänische übersetzt werden. Der erste Band wird auf der Messe vorgestellt.

18 Uhr | Ariowitsch-Haus | Zentrum Jüdischer Kultur | Hinrichsenstraße 14

Catalin Mihuleac, Rumänischer Schriftsteller
Autor Catalin Mihuleac lebt in Iasi. Bildrechte: Paul Zsolnay Verlag

Catalin Mihuleacs leichtfüßiger Roman "Oxenberg & Bernstein" über ein absolut ernsthaftes Thema - den Pogrom an den Juden in der rumänischen Stadt Iasi am 29. Juni 1941 - wird schon jetzt als eines der besten Bücher des Jahres gehandelt. Nur so viel sei gesagt: Mehrere Verlage in Rumänien weigerten sich, die Geschichte herauszugeben. Weil Mihuleac offen das Holocaust-Verbrechen aufarbeitet, halten ihn viele für einen Nestbeschmutzer. 

19 Uhr | Schauspielhaus Leipzig | Bosestr. 1

Dana Grigorcea
Rumänisch-schweizerische Autorin Dana Grigorcea Bildrechte: Ayşe Yavas

Dana Grigorcea lebt in Zürich, schreibt auf Deutsch, ist aber in Bukarest geboren. All das spielt in dem mit 3sat-Preis ausgezeichneten Roman "Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit" von 2015 eine Rolle. Eine Bankerin aus Zürich, die unerwartet Urlaub bekommt, streift durch die Straßen von Bukarest, begegnet Kindheitserinnerungen und alten Bekannten. Wer könnte das besser beschreiben als Grigorcea, die beide Welten kennt? Zur Buchmesse kommt die Autorin mit zwei neuen Titeln, einem Kinderbuch und einem in Zürich spielenden Liebesroman ("Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen"). Zum literarischen Abend ist die Bukarester Band Balkan Taksim angekündigt, die einen wilden Mix aus Balkan-Folklore, Rock und E-Musik aus Serbien, Mazedonien und dem ländlichen Anatolien im Gepäck hat.

Sonntag, 18. März 2018

11:30 Uhr | Rumänischer Stand | Halle 4 E501

Die Dichterin Ana Blandiana hatte vor 1989 zeitweise Publikationsverbot. Ihre Erzählungen "Kopie eines Alptraumes" und "Applausmaschine" wurden ins Deutsche übersetzt. Nach der Wende verzichtete sie jahrelang auf das poetische Schreiben und engagierte sich zivilgesellschaftlich. Was ist aus der heute 75-jährigen Autorin geworden?

14 Uhr | ARTE Stand | Glashalle | Empore, Stand 11

Rumänische Schriftstellerin Gabriela Adamesteanu
Schriftstellerin Gabriela Adamesteanu Bildrechte: Annett Müller/MDR

Die 75-jährige Autorin Gabriela Adamesteanu gehört zu den prominentesten zeitgenössischen Autoren Rumäniens. Jahrzehntelang arbeitete sie als Redakteurin und Lektorin in Verlagen und debütierte 33-jährig mit dem Roman "Der gleiche Weg am gleichen Tag" - einer Emanzipationsgeschichte im aschgrauen Rumänien. 2013 erschien sie auf Deutsch beim Schöffling & Co. Verlag.

Sie habe im kommunistischen Rumänien schreiben wollen, "was der Durchschnittsbürger" erlebe. Das sei auch lange Zeit möglich gewesen, sagt Adamesteanu. Mitte der 80er-Jahre stellte sie das literarische Schreiben ein, angewidert von den politischen Verhältnissen. Nach 1989 las sie knapp zehn Jahre lang keine Belletristik mehr, zu spannend ihre journalistische Arbeit beim Wochenblatt "22" und die ersten Jahre im wilden post-kommunistischen Rumänien. Inzwischen ist Adamesteanu wieder zum Schreiben zurückgekehrt, ein spätes Comeback. 

Über die Leipziger Buchmesse berichtet MDR KULTUR auch im Radio und Fernsehen: MDR KULTUR - Das Radio:
15.2. | 14:30 Uhr
15.3. | 12-14 Uhr und 17-19 Uhr
16.3. | 12-14 Uhr und 17-19 Uhr
18.3. | 12-13 Uhr

Im MDR Fernsehen:
15.3. | 22:05 Uhr "artour"
17.3. | 23:15 Uhr "Unter Büchern"

Zuletzt aktualisiert: 17. März 2018, 10:59 Uhr

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