Eine Frau sitzt in einem Bett und schaut über ein Buch.
Weihnachtszeit - Lesezeit ... Bildrechte: imago/Westend61

Literatur-Höhepunkte Die besten Bücher des Jahres 2018

2018 war wieder ein opulentes Bücherjahr. Trotz leicht zurückgegangener Umsatzzahlen bringt der deutsche Büchermarkt immer noch so viel Lesestoff heraus, dass ein Jahr nicht einmal ausreicht, um bloß die hochgelobten zu lesen. Sind Sie noch auf der Suche nach einem literarischen Weihnachtsgeschenk? Von "Tier werden" über "Die Ladenhüterin" bis "Wie kommt der Krieg ins Kind" – unsere Literaturkritiker stellen ihre persönlichen Lieblingsbücher des Jahres 2018 vor.

von Katrin Schumacher, Bettina Baltschev und Jörg Schieke aus der MDR KULTUR-Literaturredaktion

Eine Frau sitzt in einem Bett und schaut über ein Buch.
Weihnachtszeit - Lesezeit ... Bildrechte: imago/Westend61

"Tier werden": Vom Tanzbären zu Toni Erdmann

Wer viel liest, braucht manchmal auch ein Buch, das einem erzählt, was man da eigentlich macht. "Während des Lesens verwandeln wir uns", erzählt dieser Essay, der von der österreichischen Künstlerin und Schriftstellerin Teresa Präauer stammt. In ihrer Literatur wimmelt es schon immer von Formen des Übergangs zwischen Tier- und Menschenwelt – in ihrem letzten Roman hat sie einen jungen Mann ganz buchstäblich zum Affen gemacht.

Und hier hat sie einen herrlich unordentlichen Essay geschrieben – der das Tier-Werden umkreist. Werde ich zum Tier, wenn ich lese? Nein – aber wer liest, ist stets in Gefahr, vom Untier des Textes gefressen zu werden. "Tier werden" erzählt von einer Verwandlung, die immer sein kann, wenn wir lesen, dieser diffuse Zustand, in dem ich nicht mehr Herrin eines Textes bin, in dem ein Buch mich verändert.

Teresa Präauer hat hier auf knapp 100 Seiten einen literaturphilosophischen Gedankenstrom entfesselt, der von Ovid zu Kafka zu Derrida und wieder zurück und von rumänischen Tanzbären zu Toni Erdmann lenkt. Sie führt in einen wuchernden Wald, in dem die Tiere und Texte hausen. Eine Anleitung fürs wilde Lesen. (ks)

 Angaben zum Buch Teresa Präauer: Tier werden
Wallstein Verlag, 100 Seiten, 18 Euro

"Bellini": Ein Bildband für ganze Nächte

Johannes Grave: Giovanni Bellini
"Bellini lehrt uns sehen" Bildrechte: Prestel Verlag

Senk Deinen Blick. Wirf ihn in ein Bild. Fang auf, was zurück erscheint: Der zärtliche Blick Maria Magdalenas auf die Hand des toten Christus. Der kleine durchscheinende Centaur in der Felsnische. Der Lauf des Wassers aus einer Bergquelle. "Bellini lehrt uns sehen" hieß es schon bei den deutschen Romantikern – und dieser neue Bildband über das Werk dieses Meisters der italienischen Frührenaissance zeigt einmal mehr, dass Betrachten eine Kunst ist.

In Bellinis Zeit, zu seinen Kollegen und in seine Lebensumstände führt der Autor und Kunsthistoriker Johannes Greve und hat zwischen großformatige Komplettabbildungen und stimmige Detailaufnahmen seine so kundigen wie schön lesbaren Texte gesetzt. Dabei geht er immer vom Bild aus und was es beim Betrachten auslöst, er verknüpft Verweise auf vergleichbare Motive und Kunstwerke, ordnet ein und scheut sich auch nicht zu sagen: das ein oder andere Geheimnis in der Malerei Bellinis wird immer bleiben.

Mehrere Kilo wiegt dieser ausgesprochene Prachtbildband, mit ihm lassen sich Stunden, Tage, Nächte verbringen. Die perfekte Vorbereitung übrigens für ein persönliches Treffen: Im Berliner Kulturforum startet ab dem 1. März 2019 die Ausstellung "Mantegna und Bellini. Meister der Renaissance". (ks)

 Angaben zum Buch Johannes Grave: Bellini. Venedig und die Kunst des Betrachtens
Prestel Verlag, 288 Seiten, 99 Euro

"Süßer Ernst": Fake News und Fake Love

Jon ist ein Fabulierer. Im Job als Regierungsbeamter arbeitet er verharmlosende Pressemitteilungen aus. Und im Privaten schreibt er Liebe aus dem Nichts herbei, denn er schreibt als Auftragsdichter Liebesbriefe an Frauen. Fake News und Fake Love machen Jons Leben aus – bis er mit Meg auf eine Frau trifft, die ausgerechnet in ihm für sich eine Wahrheit sucht, Gewissheit, Halt.

A.L. Kennedy: Süßer ernts
Wer die Engländer verstehen will, lese diese wunderbare Schottin ... Bildrechte: Hanser Literaturverlage

Einen Sonnenumlauf in London erzählt dieser Roman, der um 6:42 Uhr morgens beginnt und genau 24 Stunden später endet. Währenddessen straucheln Jon und Meg aufeinander zu und aus einem literarischen Puzzle entsteht ein Porträt einer Großstadtgesellschaft. Erzähler und Gedankenstrom wechseln einander ab – ja, dieses Buch hat seinen Eintrittspreis, doch wer ihn bezahlt wird in einen sehr komischen, zärtlichen und schließlich auch politischen Roman verwickelt. Nach der Lektüre ist einem der Unfall des Brexit um einiges klarer. (ks)

 Angaben zum Buch A.L. Kennedy: Süßer Ernst
Hanser Verlag, 400 Seiten, 28 Euro

"Die Ladenhüterin": Sozialer Zwang als Freiheit

Mit 18 Jahren nimmt die Studentin Keiko in einem Lebensmittel-Laden, einem Konbini, einen Aushilfsjob an. Ein paar Wochen lang wird sie eingearbeitert, dann bekommt sie eine Uniform und sitzt an der Kasse, räumt mal die Regale auf, postiert die Sonderangebote am Eingang. Kein Job, in dem der Mensch kreativ wird – aber Keiko scheint in diese Hülle zu passen, als wäre sie ihr eigentliches Zuhause, ihre zweite Haut.

Sayaka Murata: Die Ladenhüterin
Alles eine Frage der Einstellung? Bildrechte: Aufbau Verlag

Einerseits erfüllt Keiko damit in vorbildlicher Weise die Vorgaben ihrer Arbeitgeber und auch die der japanischen Gesellschaft, aber zugleich schert sie in verstörender Weise aus dieser Gesellschaft aus. Darin liegt die umwerfende Logik und Dramaturgie dieses Romans: Was die anderen als Auftrag, als eingeübten sozialen Zwang akzeptieren und täglich pflichtgemäß abspulen, erklärt die Heldin dieses Romans zu ihrem höchsten Glück und zu ihrer einzigen Freiheit. (js)

Angaben zum Buch Sayaka Murata: Die Ladenhüterin
Aufbau Verlag, 160 Seiten, 18 Euro

"Es könnte auch schön werden": Vom Prinzip Verantwortung

Wenn die Kunst, der Text oder das Bild, die Fotografie oder der Pop-Song, vom Leben beglaubigt werden, dann sind sie für uns authentisch. Scheint einfach, ist aber schwierig zu machen. Leben ist ja immer und überall, aber warum wird bei dem einen, der es beschreibt, Kunst daraus, bei dem andern bloß Pose und Protokoll?

Es gehört zu den erstaunlichen Wirkungen des neuen Buches von Martina Hefter, dass genau dieser Grat, hier das gestaltete Sprechen, dort das wahre Leben, nicht mehr auszumachen ist. Die Autorin erzählt von ihrer Schwiegermutter, deren Altersheim-Alltag zwischen Fernseher und Todesahnung, zwischen Kreuzworträtsel und Abendessen sie beschreibt – und zu einem Text gerinnen lässt, der immer wieder über das Poetische hinausdrängt.

Mit den Mitteln der Literatur über die Literatur hinaus - und zurück ins Leben: So erzählt Martina Hefter in einer unverbrauchten Sprache vom Miteinander der Generationen, vom Altsein, von dem sperrigen Prinzip Verantwortung – und wie man dieses Prinzip zurück in das eigene Leben übersetzen könnte. (js)

Angaben zum Buch Martina Hefter: Es könnte auch schön werden
Verlag kookbooks, 112 Seiten, 19,90 Euro

"Mein Leben als Tennisroman": Keine handelsüblichen Dialoge

Einen Roman zu schreiben bedeutet, sich über alle Verbote oder auch Gebote des Romanschreibemarktes hinwegzusetzen, sonst wird es langweilig. Autor Merkel mag keine handelsüblichen Dialoge ("sagte sie", "sagte er"), ihn interessiert nicht das psychologische Einmaleins der Romanfigurenlehre und erst recht nicht die Kohärenz von Zeit und Raum, von Story und Plot, von Ich und Du und Gestern und Heute.

Andreas Merkel: Mein Leben als Tennisroman
Romankunstwerk und Materialschlacht Bildrechte: Aufbau Verlag

Man mag dieses erzählerische Konzept eilig der postmodernen Linie zuschlagen, aber Vorsicht: Postmodern ist ein verbotenes Wort, und besser nennt man Merkels Romankunstwerk eine verspielte und doch an jedem Punkt belastbare Materialschlacht zwischen Autor und Hauptfigur, Vater und Sohn, Mann und Frau, Trainer und Schüler. Doch wovon handelt dieses Buch nun genau? Vom Tennis und davon, wie man einen Tennisroman schreibt! (js)

Angaben zum Buch Andreas Merkel: Mein Leben als Tennisroman
Verlag Blumenbar, 368 Seiten, 20 Euro

"Was nie geschehen ist": Berührendes Buch über vier Frauen

Nadja Spiegelman hat sich viel vorgenommen, denn es sind gleich vier Frauen, deren Leben sie in ihrem eindrucksvollen Debüt verfolgt. Ihr eigenes, das ihrer Mutter Francoise, das ihrer Großmutter Josée und sogar das ihrer Urgroßmutter Mina. Dass Nadja Spiegelman diese vier durchaus komplizierten Leben zwischen Paris und New York mit so sicherer Hand zeichnet wie ihr Vater Art Spiegelman seine berühmten Comics, ist bemerkenswert und erfrischend zugleich.

Dabei ist es vor allem die bewusste Annäherung durch das Schreiben, die das Buch zu einer berührenden Lektüre macht. Immer wieder lässt uns Nadja Spiegelman an ihren Zweifeln und ihrem Zögern teilhaben, sehr Privates öffentlich aufzublättern. Doch zugleich zeigt "Was nie geschehen ist" die Notwendigkeit, sich den Biografien unserer Mütter und Großmütter zu stellen. Um sie zu verstehen und, mehr noch, um sich mit ihnen zu versöhnen. (bb)

Angaben zum Buch Nadja Spiegelman: Was nie geschehen ist 
Aufbau Verlag, 394 Seiten, 17 Euro

"Wie kommt der Krieg ins Kind": die Verletzungen unserer Eltern und Großeltern

Es ist ein unscheinbarer Fingerabdruck, der Susanne Fritz den Weg in die Vergangenheit öffnet. Ein Fingerabdruck in der rechten oberen Ecke eines Personalbogens, der 1945 über ihre Mutter angelegt wurde, in einem Arbeitslager, in das sie mit 14 Jahre geriet, weil sie als Deutsche in Polen lebte. Es ist die große Kraft dieses Buches, dass Susanne Fritz es nicht dabei belässt, die Biografie ihrer Mutter und deren Vorfahren nachzuzeichnen, sondern immer zu sich selbst zurückzukehren.

Susanne Fritz, Wie kommt der Krieg ins Kind
Susanne Fritz: Wie kommt der Krieg ins Kind Bildrechte: Wallstein Verlag

Denn der Titel "Wie kommt der Krieg ins Kind" verweist nicht nur auf die Mutter und das Grauen, das ihr als Kind im Krieg und danach im Arbeitslager widerfahren ist. Der Titel verweist auch auf die Autorin selbst, die die traumatischen Folgen mitträgt, die erlebt, wie ihre Mutter sich in ihr spiegelt.

Susanne Fritz zeigt mit ihrem berührenden und klugen Buch, wie tief sich Verletzungen unserer Eltern und Großeltern in unsere Gene und Seelen einschreiben und wie naiv der Reflex ist, einen Schlussstrich ziehen zu wollen, unter die Kapitel deutscher Geschichte, die uns nicht genehm sind. Auch deshalb ist  "Wie kommt der Krieg ins Kind" ein wichtiges Buch. (bb)

Angaben zum Buch Susanne Fritz: Wie kommt der Krieg ins Kind
Wallstein Verlag, 264 Seiten, 20 Euro

"Vermächtnis einer Jugend": Kriegsprotokoll und Friedensappell

1933 schreibt Vera Brittain ein Buch darüber, wie sie als Krankenschwester den 1. Weltkrieg erlebt hat. Ein Buch, das Furore macht: Testament of Youth, Vermächtnis einer Jugend. Als Autobiografie angelegt, ist es doch viel mehr. Schonungsloses Kriegsprotokoll, Friedensappell und Zeugnis einer verlorenen Generation, das nun erstmals auf Deutsch vorliegt.

Buchcover - Vera Brittain: Vermächtnis einer Jugend
Vera Brittain: Vermächtnis einer Jugend Bildrechte: Verlag Matthes & Seitz Berlin

Was an diesem Buch besticht, sind nicht die präzisen Beschreibungen des Grauens, der Angriffe und des Drecks, dem man im Krieg ausgesetzt ist, sondern die bis heute gültigen Schlussfolgerungen, die Vera Brittain für sich selbst und ihre Generation zieht. Komplett desillusioniert stellt sie ihr Leben ganz in den Dienst des Humanismus und Pazifismus und entwickelt einen für die damalige Zeit radikalen Blick auf die Geschlechterrollen.

"Man sagt mir, dass mein Buch die Menschen zum Weinen bringt. Es wäre mir lieber, es brächte sie zum Nachdenken", hat Vera Brittain den Erfolg ihres Buches einmal kommentiert. Sie konnte wahrscheinlich nicht ahnen, dass ihre Sätze bis weit nach ihren Tod im Jahr 1970 nachhallen würden. "Vermächtnis einer Jugend" ist ein bedrückendes, ein ergreifendes Buch. (bb)

Angaben zum Buch Vera Brittain: Vermächtnis einer Jugend
Matthes & Seitz Berlin, 525 Seiten, 26 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. Dezember 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Dezember 2018, 10:56 Uhr

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