Literatur-Höhepunkte Bücher des Jahres 2019 – Geheimtipps der Redaktion

Jedes Jahr bringt der deutsche Büchermarkt tausende Neuerscheinungen auf den Markt – ein Jahr reicht nicht einmal aus, um allein die hochgelobten zu lesen. Zum Beispiel "Herkunft" von Saša Stanišić, das mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, "GRM. Brainfuck" von Sibylle Berg und "Die Liebe im Ernstfall" von Daniela Krien, die alle 2019 erschienen sind. Und auch diese Bücher haben unsere MDR KULTUR-Redaktion persönlich bewegt ...

Blick in die Buchhandlung im Specks Hof mit Buchregalen und Büchertischen
Die Auswahl an den jährlich veröffentlichten Büchern ist in jedem Jahr hoch. Da kann das Stöbern in der Buchhandlung schon mal länger dauern. Bildrechte: Connewitzer Buchverlag

"Ein Junge wie Kees" – Klassiker aus den Niederlanden

Von Bettina Baltschev, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Buchcover „Ein Junge wie Kees“
Buch "Ein Junge wie Kees" Bildrechte: Wallstein Verlag

Theo Thijssen hat diesen Roman schon 1923 geschrieben. Aber erst jetzt, fast hundert Jahre später, wurde er zum ersten Mal vollständig auf Deutsch übersetzt. Das Buch handelt von Kees Bakels, der Ende des 19. Jahrhunderts im Amsterdamer Jordaan, einem Arbeiterviertel mitten in der Stadt lebt. Während er äußerlich ein Junge unter vielen zu sein scheint, ist sein Inneres bestimmt von einer überbordenden Fantasie. Kees stellt sich zum Beispiel vor, wie es wäre, wenn er fließend Französisch spräche oder wenn er Leute retten würde, denen ein Kirchturm auf den Kopf fällt. Unter seinen Schulkameraden macht er sich einen Namen mit der Erfindung eines speziellen Laufstils, dem sogenannten Schwimmbad-Schritt. Dabei muss man sich leicht vorn überfallen lassen und mit den Armen schwenken, weil man so schneller läuft, wenn man zum Beispiel ins Schwimmbad will.

Es gibt auch sehr tragische Momente in diesem Roman. Denn der kleine, muntere Junge muss auch miterleben, wie sein Vater langsam stirbt. Wie sich Kees gegen diesen Gedanken wehrt – das geht einem sehr nahe, gerade weil Theo Thijssen das sehr schlicht und ganz unpathetisch erzählt. "Ein Junge wie Kees" ist, auch wenn das so klingt, kein Jugendbuch, sondern es ist das psychologisch fein gezeichnete Porträt eines Amsterdamer Jungen, der einen mit seinem verrückten Schwimmbad-Schritt noch lange begleitet, auch wenn man das Buch schon längst ausgelesen hat.

Angaben zum Buch Theo Thijssen: "Ein Junge wie Kees"
Aus dem Niederländischen übersetzt von Rolf Erdorf
Wallstein Verlag, 432 Seiten
Preis: 24 Euro
ISBN: 978-3-8353-3558-5

"Frankissstein" – Künstliche Intelligenz trifft Frankenstein

Von Tino Dallmann, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Buchcover „Frankissstein“
Das Buch "Frankissstein" Bildrechte: Verlag Kein & Aber

Jeanette Wintersons Roman verknüpft die Entstehungsgeschichte von Mary Shelleys Klassiker "Frankenstein" mit den heutigen Fragen von Robotik und KI. Als Lisa folgt man einerseits Mary Shelley, Lord Byron und anderen, wie sie sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts am Genfer See Horrorgeschichten erzählen und sich gleichzeitig Gedanken über Unsterblichkeit machen. Dazu passt Frankensteins Monster, das mit Elektrizität zum Leben erweckt wird und genau diese philosophischen Gedanken aufgreift.

Zum anderen sind wir in Wintersons Roman in einer alternativen Gegenwart. Da begegnen wir einem jungen Arzt, der zu den Auswirkungen forscht, die Roboter auf unsere geistige und körperliche Gesundheit haben. Dieser Arzt heißt Ray Shelley und verliebt sich in einen anderen Wissenschaftler – ein Steve Jobs ähnliches Genie, das ebenfalls den Tod überlisten will. Dieser Wissenschaftler plant, das Bewusstsein eines Menschen in einer Maschine einzulesen, quasi als Datensatz und so den alten Traum von der Unsterblichkeit wahr werden zu lassen.

"Frankissstein" ist ein spannender, schauriger Science-Fiction-Roman. Da gibt es ein geheimes Labor und dunkle Geheimnisse zu entdecken und Wissenschaftler, denen man nicht wirklich begegnen will. Es ist aber auch ein sehr poetischer Roman und eine Verneigung vor dem Klassiker von Mary Shelley. Vielleicht ist Jeanette Wintersons Roman selbst bald ein Klassiker.

Angaben zum Buch Jeanette Winterson: "Frankisstein"
Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek, Michaela Grabinger
Hardcover, 400 Seiten
Preis: 24 Euro
ISBN: 978-3-0369-5810-1

"Über Kunst" – Mit John Updike ins Museum

Von Katrin Wenzel, Redaktion Feature, Hörspiel und Dokumentationen

Der amerikanische Schriftsteller John Updike gehört mit seinen Büchern um Harry Rabbit Angstrom zu den populärsten und angesehensten Autoren der USA und ist als Ironiker des Alltags und genauer Analytiker der amerikanischen Mittelschicht auch hierzulande ziemlich populär. In diesem Jahr ist zum ersten Mal eine Ergänzung zu Updikes umfangreichen Romanwerk in deutscher Sprache erschienen, das den Schriftsteller noch einmal von einer ganz anderen Seite zeigt – als passionierten Museumsgänger nämlich, der die Bilder liebt. Als Amateur im schönsten Sinne des Wortes also, der nebenbei zeigt, dass die Leidenschaft für die Kunst sich an Kenntnissen bereichern kann, ohne sich deswegen im Dschungel kunstwissenschaftlicher Exkurse verlieren zu müssen.


Schon als Kind begeisterte sich Updike für Comics, die zu Beginn der 40er-Jahre noch regelmäßig in Tageszeitungen erschienen. Updike schnitt die Bildserien aus, erstellte kleine Alben, und vor allem zeichnete er die Bilder nach. Cartoonisten waren damals Stars, und Updike plante früh, dass er Zeichner bei Walt Disney werden wolle. Bekanntlich kam es anders. Vielleicht haben dazu ja auch die Besuche im Museum of Modern Art in New York beigetragen, die Updike in frühester Jugend in Begleitung einer Tante absolvierte. Die haben jedenfalls, man kann es nachlesen, Updikes Liebe zu den kostenbaren Originalen der Kunstgeschichte geweckt. Häufig hat er dann in seinem späteren Leben, neben seiner Arbeit an seinen mehr als 30 Romanen über Kunst geschrieben. Für renommierte amerikanische Magazine wie den New Yorker oder die New Republic.

So kann man heute mit John Updikes Bilderzählungen durch die europäische und amerikanische Kunstgeschichte spazieren. Kann Bilder von Vermeer, Edward Hopper oder John Singer Sargent mit den Augen Updikes betrachten und sich von seiner Art zu sehen inspirieren lassen.

Angaben zum Buch John Updike: "Über Kunst. Schriften 1979-2008"
Piet Meyer Verlag
356 Seiten
Preis: 28,40 Euro
ISBN: 978-3-905799-46-0

"Ein anderer Takt" – erschreckend aktuell

Von Katrin Schumacher, MDR KULTUR-Literaturredakteurin

Buchcover "Ein anderer Takt"
Buch "Ein anderer Takt" Bildrechte: Verlag Hoffmann und Campe

William Melvin Kellys "Ein anderer Takt" erschien 1962 in den USA, und wurde jetzt wieder aufgelegt und von Dirk van Gunsteren großartig ins Deutsche übersetzt. Es spielt in einem fiktiven US-Bundesstaat namens Sutton an einem Sommernachmittag im Jahr 1957. Da beobachtet ein Haufen Weißer auf einer Veranda, wie sich der farbige Farmer Tucker Caliban Tonnen von Salz anliefern lässt. Er streut es auf seinen Acker, tötet sein Vieh, steckt sein Haus an und verlässt mit seiner Familie den Staat Richtung Norden. Die gesamte farbige Bevölkerung packt und geht weg. Ein Auszug aus Ägypten unter den ungläubigen Blicken der weißen Bevölkerung, die nicht versteht, was da passiert – im Sinne von "Was haben die denn, denen geht es doch gut hier?" Das dem nun ganz und gar nicht so war, das wird noch klar im Laufe des Romans. Und dass es nicht darum geht, dass sich vielleicht ein schwarzer Staat gründet, das ist auch klar. Die Menschen verstreuen sich in alle Winde wollen einfach nur weg.

Aus der Perspektive der Weißen beschreibt der Afroamerikaner Kelly ein ungeheuerliches Geschehen. Aus der Psychologie wissen wir: Unerklärtes Weggehen ist Gewalt. Eine wahnsinnig aggressive Aktion. Wie dieses Thema hier verhandelt wird, wie Rassismus entlarvt wird, ist sehr klug und raffiniert, unfassbar rasant geschrieben. Ein Meisterwerk von Roman. William Melvin Kelly hat dieses Buch 1962 mit 24 Jahren veröffentlicht, ist arm und vergessen in New York gestorben – Zeit ihn wiederzuentdecken.

Angaben zum Buch William Melvin Kelley: "Ein anderer Takt"
Hoffmann und Campe 2019
Hardcover, 304 Seiten
Preis: 22 Euro
ISBN: 978-3-455-00626-1

"Anne-Marie, die Schönheit" – im Kopf einer gealterten Schauspielerin

Von Ulf Heise, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Buch "Anne Marie die Schönheit"
Buch "Anne-Marie die Schönheit" Bildrechte: Hanser Verlag

Yasmin Reza bieter einem auf rund 80 Seiten so viel Genuss, wie es anderen Schriftstellern nicht auf 500 Seiten gelingt. Mit typisch französischem Charme präsentiert die Bestsellerautorin den Monolog einer betagten Frau namens Anne-Marie. Einst war diese Dame Schauspielerin, doch nach einer Operation am Knie ist sie gehandicapt, läuft am Stock und kann nicht mehr auftreten. Sie berichtet über eine gerade verstorbene ehemalige Kollegin, die im Gegensatz zu ihr große Karriere machte. Diese schaffte mit Anfang 20 den Absprung von einem kleinen Vorstadttheater zum Film und spielte dort bedeutende Rollen. Anne-Marie verkörperte das Gegenteil, den eher unscheinbaren Typ. In ihrer Jugend sammelte sie Bilder von Brigitte Bardot und klebte sie in ein Album, in dem sie ständig blätterte. Aber auch dadurch wurde aus ihr nicht Anne-Marie, die Schönheit, wie der Titel von Yasmina Rezas Buch suggeriert.

Anfangs lässt einen die Urheberin des Textes glauben, dass Annemarie ein Interview über Gigi gewährt, zu der sie im Alter nach langer Pause wieder intensive Kontakte pflegte. Während dieses Talks redet sie ihr anonym bleibendes Gegenüber anfangs mit Madame an, dann wendet sie sich plötzlich an einen Monsieur, dann unvermittelt wieder an Madame. Da gerät man heftig ins Grübeln. Sind das jetzt zwei Reporter, die Anne-Marie in ihrer Wohnung befragen? Das Rätsel wird nicht aufgeklärt, aber man reimt sich zusammen, das Anne-Marie vermutlich unter Schüben von Demenz leidet und deshalb Personen nicht mehr klar auseinanderhalten kann.

Aber das tragikkomische Element ist nicht die einzige Stärke, mit der Yasmina Reza punktet. Sehr geschickt baute sie ihr neues Buch als Zwitterwesen auf. Mühelos kann man es als Einpersonenstück in der Tradition von Anton Tschechow, August Strindberg oder Samuel Beckett für das Theater realisieren. Auf der anderen Seite vermag man dieses Werk aber auch als Erzählung oder besser noch als Novelle zu lesen. Yasmina Reza erweist sich hier einmal mehr als geniale Grenzgängerin zwischen Chaos, Epik und Dramatik.

Angaben zum Buch Yasmin Reza: "Anne-Marie die Schönheit"
Übersetzung von Frank Heibert, Hinrich Schmidt-Henkel
Carl Hanser Verlag, 2019
80 Seiten, Preis: 16 Euro
ISBN: 978-3446263789

"Tage ohne Ende" – eine besondere Liebesgeschichte

Von Thomas Bille, MDR KULTUR-Moderator

Sebastian Barrys Roman "Tage ohne Ende" lässt einen nicht mehr los. Es ist die wahnsinnige Geschichte von zwei jungen Männern, die zunächst einmal aus Irland fliehen, Mitte des 19. Jahrhunderts vor den katastrophalen Folgen der Kartoffelpest 1847 in den USA stranden, die sich finden und schützen und lieben lernen. Die Eintänzer sind in Salons, die dann zur Armee wechseln, die die Indianerkriege mit all ihren Grausamkeiten erleben, die den Bürgerkrieg erleben, mit all den Grausamkeiten.

Das Besondere an diesem Roman ist, dass in dieser ganzen Härte und Unerträglichkeit eine wahnsinnig schöne Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Männern erzählt wird. So rein und so unschuldig und so dezent in einer Zeit, in der das Wort Homosexualität noch nicht existierte, geschweige denn gedacht werden wollte. So schön, dass man nur berührt sein kann von diesem fantastischen Roman des irischen Autors Sebastian Barry, in der großartigen Übersetzung von Hans Christian Oeser. Der Roman ist bereits 2018 erschienen, aber zeitlos berührend.

Angaben zum Buch Sebastian Barry: "Tage ohne Ende"
Übersetzt durch Hans-Christian Oeser
Steidl-Verlag, 2018
256 Seiten
Preis: 22 Euro

"Sonne, Moon und Sterne" – einfühlsames Kinderbuch

Von Britta Selle, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Dieses Kinderbuch ist ein leises Buch. In "Sonne, Moon und Sterne" von Lara Schützsack geht es um das Mädchen "Gustav", deren Eltern befinden sich in einer Beziehungskrise und wollen den berühmten Abstand voneinander. Gustav hat noch zwei Teenager-Schwestern Sarah und Ramona, die sie nicht gerade feinfühlig über Mädchenkram und Pubertät aufklären. Da sich die Eltern nicht mehr richtig verstehen, fällt der Sommerurlaub in Dänemark aus, was für alle Mädels eine Katastrophe ist. Alles in diesem Kinderbuch ist im Werden und Vergehen. Die mögliche Trennung der Eltern, Gustavs Körper wird plötzlich weiblicher, die erste Liebe blitzt auf und sie muss sich für immer von jemandem verabschieden.

Buchcover „Sonne, Moon und Sterne“
Buch "Sonne, Moon und Sterne" Bildrechte: Verlag Sauerländer

Zwei Figuren spielen eine wichtige Nebenrolle, der Junge Moon, in den sich Gustav überraschend verliebt und ihre Hündin Sand, die sie schon ihr ganzes Leben lang begleitet hat. Während sich die Welt verändert, ist die uralte Sand ihr Fels in der Brandung. Als die Hündin stirbt, ist das herzzerreißend, jedoch nicht rührseelig.

Überhaupt schafft es Lara Schützsack, bei allen traurigen Momenten, dass sie den Leser nicht erdrücken. Man ist unmittelbar an Gustavs Erlebnissen, Gefühlen und Gedanken dran. Auch beschreibt die Autorin mit den richtigen Worten die klebrige, lähmende Hitze, die die Zeit stillstehen lässt, auch wenn eine Menge passiert.

Schützsack schreibt so feinfühlig, poetisch und komisch über Verlust und Liebe, pubertierende Geschwister, Pickel und verwirrte Eltern, dass "Sonne, Moon und Sterne" mich zu Tränen gerührt und zum Lachen gebracht hat. Für Mädchen und Jungen ab 10 Jahren.

Angaben zum Buch Lara Schützsack: "Sonne, Moon und Sterne"
Verlag Sauerländer, 2019
Gebundene Ausgabe, 240 Seiten
Ab 10 Jahren
Preis: 14 Euro
ISBN: 978-3-7373-5622-0

"Mitternacht in Tschernobyl" – Sachbuch über den GAU

Von Matthias Schmidt, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Adam Higginbotham: Mitternacht in Tschernobyl. Die geheime Geschichte der größten Atomkatastrophe aller Zeiten
Buch "Mitternacht in Tschernobyl" Bildrechte: S.Fischer Verlag

In "Mitternacht in Tschernobyl" erzählt der New Yorker Journalist Adam Higginbotham, wie es am 26. April 1986 zum Reaktorunglück von Tschernobyl kam und was die Folgen dieses Gaues, des größten anzunehmenden Unfalls waren. Faszinierend an diesem Sachbuch: Es erzählt eben nicht sachlich. Higginbotham hat seine jahrelangen Recherchen im Stil des "New Journalism" niedergeschrieben: Seine Geschichte des Unglücks von Tschernobyl stellt uns die Menschen vor Ort vor, die daran beteiligt waren, den abgehobenen Kraftwerksdirektor, den Feuerwehrmann, der in den Stunden nach der Explosion in tödlich verstrahlter Umgebung versucht, das Feuer zu löschen. Die Bürger von Pripjat, die ihre Wohnungen für immer verlassen und monatelang nicht wissen, was aus ihnen werden soll.

Die Menschen, aber auch die Orte, in denen sie leben, arbeiten und viele von ihnen sterben, werden sehr bildhaft, sehr literarisch beschrieben. Man lernt sie quasi kennen, wenn sie ihr Leben aufs Spiel setzen, um die Folgen des Unfalls, der die halbe Welt bedroht, einzudämmen, wenn sie an der sowjetischen Elite verzweifeln, die die Ursachen des Unglücks verschleiern will, wenn sie an der Strahlenkrankheit leiden und oft auf grausame Weise zugrunde gehen.

Das Buch ist ein Thriller, der auf Fakten basiert, die so ausführlich bisher noch niemand zusammengetragen hat. Am Ende werden zehntausende Menschen das Gelände mit teilweise abenteuerlich anmutenden Hilfsmitteln, manchmal aber auch schlicht per Hand beräumen und diesen riesigen Sarkophag über dem Reaktor bauen, den wir von den Bildern kennen. Auch von diesen Helfern, die man damals zynisch Bioroboter nannte, werden viele diesen Einsatz mit ihrem Leben bezahlen. "Mitternacht in Tschernobyl" ist ein Buch, das ich kaum wieder weglegen konnte. Sollten Sie es zu Weihnachten geschenkt bekommen: Fangen Sie bitte nicht gleich nach der Bescherung zu lesen an, sie könnten die Weihnachtsgans am ersten Feiertag verpassen!

Angaben zum Buch Adam Higginbotham: "Mitternacht in Tschernobyl. Die geheime Geschichte der größten Atomkatastrophe aller Zeiten"
S. Fischer Verlag, 640 Seiten
Preis: 25 Euro
ISBN: 978-3-10-002538-8

"Zeit der Wunder" – Meininger Theater in den 90ern

Von Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur

Das Buch "Zeit der Wunder. Die Jahre des Aufbruchs am Meininger Theater 1990 bis 2001" erzählt anschaulich und auf unterhaltsame Art und Weise viel über die Nachwendezeit, die sonst oft in Stereotypen erstarrt, gerade in diesem Jubiläumsjahr. Hier ist es anders und liegt wahrscheinlich an den Akteuren, die dieses Buch mit ihrem Leben füllen. Siggi Seuß, Journalist und Theaterkritiker hat für dieses Buch 21 Meininger Theaterleute befragt, besucht und mit ihnen über ihre Zeit in Meiningen gesprochen. Große Namen sind dabei. Jörg Hartmann hat hier gespielt, Christine Mielitz hat neben August Everding, Peter Konwitschny oder auch Loriot inszeniert. Es sind aber auch die Theaterleute hinter den Kulissen, die hier zu Wort kommen.

Besonders spannend: Es sind Theatermacher aus Ost und West. Die Nachwendezeit und ihre Themen tauchen so sehr konkret und auf die persönliche Ebene heruntergebrochen sehr facettenreich auf, zeichnen am Ende ein Panorama dieser Zeit. Zeichnen nach, wie Menschen Haltung gezeigt haben, warum sie gescheitert sind oder dann etwas anderes gemacht haben oder auch den Absprung in die Theaterwelt der Groß- und Hauptstädte gefunden haben. So gelesen, zeigt es auch exemplarisch, was im plötzlich gesamtdeutschen Theaternetzwerk so ging und was nicht.

Angaben zum Buch Siggi Seuß: "Zeit der Wunder. Die Jahre des Aufbruchs am Meininger Theater 1990 bis 2001."
Verlag Resch, Meiningen 2019
Hardcover, 136 Seiten
Preis: 17,80 Euro

"Musicology" – Musikgeschichte in Grafiken

Von Jan Kubon, MDR KULTUR-Musikredakteur

Musicology - die Welt der Musik in Infografiken von Daniel Tatarsky/Ian Preece/Illustrationen von Robin Richard (Buchcover)
Bildband "Musicology" Bildrechte: Prestel Verlag

Dieses Sachbuch ist eine grafische Einführung in die Welt der Musik. Daniel Tatarsky und Ian Preece haben sich wirklich durch die interessantesten und abseitigsten, schrillsten Statistiken in Sachen Musik gegraben. Zum Beispiel erfährt man, und das ist der große Verdienst des Buches, anhand von brillanten Grafiken, welches Clubmitglied des berühmten Club of Twentyseven durch welche Art des Ablebens die Welt verließ. Und dann gibt es auch so amüsante Grafiken, die da heißen "Der undankbare zweite Platz" – da erfährt man zum Beispiel, dass "Wonderwall" von Oasis im Oktober 1995 nur auf Platz Zwei landete, sie hatten das Nachsehen gegenüber Survivor und ihrem "Eye of the Tiger". Da kann man schon mal auch ein bisschen schmunzeln.

Auch sehr schön ist die Infografik zum Thema Zahlen in Songtiteln, welche Zahl am häufigsten vorkam, in wie vielen Songtiteln. Oder man kann die Wissenslücke in Bezug auf Nebenjobs von Musikern in der Infografik mit dem Titel "Nebenjobs der Musiker" schließen. Nur soviel sei verraten: Bon Scott, der legendäre Sänger von AC/DC arbeitete parallel zur Band noch als Postbote.

Kurzum, das ist ein wirklich sehr, sehr witziges Buch, für lange Winterabende am Kamin, Sommerabende auf dem Balkon oder als Vorbereitung zum Treffen mit Freunden absurden Wissens und Statistik-Nerds. "Musicology" mit den grandiosen Grafiken von Robert Richard ist zwar bereits 2018 erschienen, aber zeitlos.

Angaben zum Buch Daniel Tatarsky, Ian Preece:
"Musicology – Die Welt der Musik in Infografiken"
Randomhouse
Hardcover, 176 Seiten
ISBN: 978-3-7913-8410-8
Preis: 29,95 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Dezember 2019 | 07:20 Uhr

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