Schwimmer ziehen im Wasser ihre Bahnen
"Wer einmal infiziert ist vom Bahnen-Ziehen, von den Bewegungen, die das Wasser teilen und den Körper vorankommen lassen, der wird diese Bewegungen auch nicht mehr los." (Leanne Shapton) Bildrechte: imago/photoarena/Eisenhuth

Wasser-Literatur Fünf Buchtipps über die Faszination des Schwimmens

Sommer, Sonne, Wasser. Die Sehnsucht nach Wasser treibt uns auch zu gerne ins Wasser: MDR KULTUR-Literaturredakteurin Katrin Schumacher liest nicht nur unentwegt, sie geht auch bei jeder Gelegenheit Schwimmen. Und Bücher über das Schwimmen liest sie besonders gern. Hier stellt sie ein paar ihrer All-Time-Favourites der Beckenrandlektüre vor. Mit dabei: John von Düffel, Roger Deakin, Lynn Sherr, Jessica Lee und Leanne Shapton. Empfehlungen – nicht nur für den Urlaub!

Schwimmer ziehen im Wasser ihre Bahnen
"Wer einmal infiziert ist vom Bahnen-Ziehen, von den Bewegungen, die das Wasser teilen und den Körper vorankommen lassen, der wird diese Bewegungen auch nicht mehr los." (Leanne Shapton) Bildrechte: imago/photoarena/Eisenhuth
Schwimmer ziehen im Wasser ihre Bahnen 7 min
Bildrechte: imago/photoarena/Eisenhuth
Schwimmer ziehen im Wasser ihre Bahnen 7 min
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John von Düffel: "Gebrauchsanweisung fürs Wasser"

Cover des Buches: John von Düffel: "Gebrauchsanweisung fürs Schwimmen"
John von Düffel: "Gebrauchsanweisung fürs Schwimmen" Bildrechte: Piper Verlag

John von Düffel ist DER deutsche Wasserliterat. Er hat es selbst mal auf die Formel gebracht: Jedes zweite seiner Bücher handelt vom Schwimmen. Seine Bücher "Vom Wasser", "Schwimmen" und "Wasser und andere Welten" sind sicherlich die tiefsten Auslotungen des Aquatischen, die sich derzeit finden lassen. Und sie machen eins ganz deutlich: Wer über das Schwimmen schreibt, sollte sich im Wasser zurechtfinden können, denn wir sind nicht für dieses Element geboren sondern müssen es uns zu Eigen machen, das erfordert Kraft und Ausdauer. Und von Düffel ist Langstreckenschwimmer, Leistungsschwimmer. Mein persönlicher Favorit ist ein Buch von ihm, das da recht lapidar "Gebrauchsanweisung fürs Schwimmen" heißt. Noch bei der Lektüre habe ich das Kraulen gelernt. Das muss ein Buch erstmal leisten, die direkte Aktion auf den Körper desjenigen, der es liest.

Informationen zum Buch John von Düffel: "Gebrauchsanweisung fürs Wasser"
Erschienen im Piper Verlag
208 Seiten, 15 Euro Taschenbuch
ISBN 978-3-492-27674-0

Roger Deakin: "Logbuch eines Schwimmers"

Roger Deakin: „Logbuch eines Schwimmers“
Roger Deakin: "Logbuch eines Schwimmers" Bildrechte: Verlag Matthes und Seitz Naturkunden

Wer über das Wasser schreibt, muss es sich erst einmal erobern. Schwimmbücher stammen deshalb meist von extrem sportlichen Schwimmern oder zumindest von Menschen, die sich das Element erschlossen haben. Das tollste und spleenigste Buch in dieser Hinsicht stammt von dem Engländer Roger Deakin. Der hatte den Plan gefasst, alle Gewässer Großbritanniens zu durchschwimmen, quasi die Vermessung der Welt aus der Fischperspektive. Mit einem dünnen Neoprenanzug durchschwamm er eiskalte Gebirgsseen genauso wie verdreckte Bewässerungsgräben und wilde Flussläufe. Rausgekommen ist der wunderbare Band: "Logbuch eines Schwimmers". Ein Schwimmbuch, das die Lust schürt, sich sofort ins Wasser zu stürzen.

Informationen zum Buch Roger Deakin: "Logbuch eines Schwimmers"
Aus dem Englischen von Frank Sievers und Andreas Jandl
Erschienen bei Matthes und Seitz Naturkunden
387 Seiten, 38 Euro
ISBN: 978-3-95757-166-3

Leanne Shapton: "Bahnen ziehen"

Leanne Shapton: „Bahnen ziehen“
Leanne Shapton: "Bahnen ziehen" Bildrechte: Suhrkamp

Die kanadische Künstlerin, Verlegerin und Illustratorin Leanne Shapton, Jahrgang 1973, hat in ihrem Leben bereits eine kleine Karriere als Leistungsschwimmerin hinter sich: Sie brachte es bis zu Platz Acht auf der kanadischen Bestenliste, zog sich dann aber mit 18 Jahren aus dem Sport zurück. Das Wasser hat sie allerdings nicht losgelassen: "Die Bahnen, die ich meiner Freizeit ziehe, sind die Geister vergangener Wettkämpfe" und: "Wer einmal infiziert ist vom Bahnen-Ziehen, von den Bewegungen, die das Wasser teilen und den Körper vorankommen lassen, der wird diese Bewegungen auch nicht mehr los".

Shapton erzählt von ihren Erinnerungen aus ihrer aktiven Zeit: sechs Tage die Woche sechs Stunden Training, wie sie als Kind danach einen Sahnedonut spendiert bekommt, wie auch mal ihre nassen Haare an der Autofensterscheibe anfrieren. Solche Mikrobeobachtungen bereiten großes Lese-Vergnügen. Dann reflektiert sie über die Prägung, die das Schwimmen und das Training bei ihr ausgelöst haben, selbst bei der Partnerwahl: Lange Zeit blieb sie auf Trainerfiguren fixiert. Außerdem macht sie sich auf die Suche nach dem Leistungsschwimmen von heute: fährt zu Wettkämpfen oder lässt sich Hightech-Schwimmanzüge erklären.

Aber was das Buch zu einem Juwel macht, sind die Zeichnungen und Fotos. Es gibt eine Farbtafel etwa für Gerüche und unter Nummer Acht mit einer Farbe zwischen Lila und Pink notiert sie: "Feuchtes Mannschaftshandtuch, starke Chlor-Kopfnote, ein Hauch von Knoblauch, Ufersteg und Schwarzbrot." Es gibt auch Fotos von den Badeanzügen, die sie in der ganzen Welt gesammelt hat und Zeichnungen von Bädern aus der ganzen Welt. Ein Buch also zwischen Poesie, Autobiografie und Objektkunst von großer Weisheit auch jenseits des Schwimmbeckens.

Informationen zum Buch Leanne Shapton: "Bahnen ziehen"
Aus dem Amerikanischen von Sophie Zeitz
Erschienen im Suhrkamp Verlag
325 Seiten, 18 Euro
ISBN: 978-3-518-46402-1

Jessica Lee: "Mein Jahr im Wasser"

Buchcover - Jessica Lee: „Mein Jahr im Wasser“
Jessica Lee: "Mein Jahr im Wasser" Bildrechte: Piper Verlag

Jessica Lee aus Kanada ist eine Limnologin, also Seenkundlerin, die der Berliner Großstadt-Tristesse eine irre Idee entgegen gesetzt hat: Sie schwamm in 52 Seen, einen nach dem anderen, ein Jahr lang. Aus ihren Schwimmzügen sind wunderbare literarische Seestücke geworden. In "Mein Jahr im Wasser" geht es um die Schönheit von Sternenmoos am Ufer. Um die grüne Helligkeit von Süßwasseralgen im dunklen Kiefernwald. Um das knisternde Geräusch, wenn Eis unter einem kleinen Hammer splittert. Zwischen den Naturbeobachtungen fließen auch zwei traurige Liebesgeschichten

durch die Seiten dieses Buches. Und sie erzählt uns, dass Schwimmen immer an einer Grenze zwischen Natur und Kultur passiert und dass diese Grenze in der Stille eines Sees verwischt. Es ist berückend zu lesen - und wie alle anderen Bücher auch eine große Anstiftung zum Baden.

Informationen zum Buch Jessica Lee: "Mein Jahr im Wasser"
Übersetzt von Nina Frey und Hans-Christian Oeser
Erschienen im Piper Verlag
336 Seiten, 18 Euro
ISBN 978-3-8270-1334-7

Lynn Sherr: "Swim. Über unsere Liebe zum Wasser"

Lynn Sherr: „Swim. Über unsere Liebe zum Wasser“
Lynn Sherr: "Swim. Über unsere Liebe zum Wasser" Bildrechte: Verlag Haffmanns und Tolkemitt

Die Autorin Lynn Sherr ist 70 Jahre alt und ließ sich von der Literatur zum Schwimmen verleiten: Der englische Dichter Lord Byron schwamm 1810 durch die Meerenge Hellespont zwischen Europa und Asien. Diese Durchquerung wollte Lynn Sherr auch schaffen und erzählt in ihrem Buch von den acht Monaten Training für diese Strecke und dem Wettkampf. Aber das ist eigentlich nur der Anlass, sich Gedanken zu machen über unsere "Liebe zum Wasser", und so bekommt man unheimlich viele Informationen aus allen Richtungen serviert, zum Beispiel über das Schwimmen aus historischer Sicht: über verschiedene Schwimmstile von Delphin bis Schmetterling und es gibt herrliche Bademodenfotos von Frauen. Es geht um das Schwimmen in der Musik, im Film, in der Literatur, von Cole Porter bis Esther Williams. Und schließlich, nach all der Kultur- und Sportgeschichte, gibt es das Happy End: 1 Stunde, 24 Minuten, 16 Sekunden braucht Lynn Sherr für die Durchquerung des Hellespont

Informationen zum Buch Lynn Sherr: "Swim. Über unsere Liebe zum Wasser"
Deutsch von Andreas Simon dos Santos
Erschienen im Verlag Haffmanns und Tolkemitt
251 Seiten, 19,99 Euro
ISBN: 978-3-942989-52-7

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spezial | 02. August 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. August 2019, 04:00 Uhr

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