Zuschauerraum im Theater
Gutes Theater werfe vor allem Fragen auf, anstatt Wahrheiten zu liefern, sagt der Geschäftsführer des Deutschen Bühnenvereins, Marc Grandmontagne. Bildrechte: Colourbox

Interview Kritik von Rechts und Fachkräftemangel – so steht es um die deutsche Theaterszene

Theater sind Orte, um gesellschaftliche Veränderungen und Probleme zu diskutieren. MDR KULTUR hat Intendantinnen und Intendanten in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen nach der aktuellen Situation und den Perspektiven an ihren Häusern gefragt – und auch mit dem Geschäftsführer des Deutschen Bühnenvereins, Marc Grandmontagne, darüber gesprochen, wie es bundesweit um die deutsche Theaterszene steht: Wie geht man beispielsweise mit der Kritik von Rechts um, wie mit dem Fachkräftemangel und welche Unterschiede gibt es noch zwischen Ost und West?

Zuschauerraum im Theater
Gutes Theater werfe vor allem Fragen auf, anstatt Wahrheiten zu liefern, sagt der Geschäftsführer des Deutschen Bühnenvereins, Marc Grandmontagne. Bildrechte: Colourbox

MDR KULTUR: Bei einem Thema herrscht große Einigkeit, wenn man sich die Antworten der Intendanten ansieht: Freier Eintritt sei keine gute Idee, denn nur das habe einen Wert, was auch etwas koste. Was sagen Sie dazu, Herr Grandmontagne?

Marc Grandmontagne: Da hilft ein Blick auf die Schwesterkünste, nämlich die Museen, die schon sehr lange mit dem Thema freier Eintritt experimentiert haben. Und wenn ich das richtig verfolgt habe, sind die Erfahrungen folgende: Trotz freiem Eintritt gab es keine signifikante Steigerung der Besucherzahlen. Das legt den Schluss nahe,  dass das Eintrittsgeld gar nicht der Grund ist, warum die Menschen nicht kommen. Offenbar gibt es andere Hürden: Vielleicht soziale Hemmnisse. Es fehlt vielleicht an kultureller Bildung oder anderen Dingen. Und ich glaube, man kann diese Erkenntnisse auch auf die Theater anwenden. Die Menschen müssen also anders ins Theater geholt werden und müssen auch früher abgeholt werden.

Zwei Drittel der Intendanten wollen, dass Theaterbesuche wieder in die Lehrpläne der Schulen aufgenommen werden. Was ist die Position des Bühnenvereins?

Das ist erstmal eine gute Idee. Die frühe Beschäftigung mit den darstellenden Künsten und mit dem Theater ist notwendig, um auch Brücken zu bauen für das spätere Leben. Kritisch möchte ich aber anmerken, dass in den Schulen immer wieder Kunst- und auch Musikunterricht ausfällt. Das Theater kann das nicht kompensieren. Diese Defizite im Bildungssystem müssten dringend geheilt werden.

Zuschauerraum im Theater 6 min
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Welche Unterschiede gibt es an Theatern in Ost und West? Und wie gehen Theater mit der Kritik von Rechts um? Im Interview beschreibt Marc Grandmontagne vom Deutschen Bühnenverein, wie es der Theaterszene geht.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 21.08.2019 18:05Uhr 05:49 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Welche Unterschiede gibt es an Theatern in Ost und West? Und wie gehen Theater mit der Kritik von Rechts um? Im Interview beschreibt Marc Grandmontagne vom Deutschen Bühnenverein, wie es der Theaterszene geht.

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Mitte Juni fand die Jahreshauptversammlung des Bühnenvereins in Nürnberg statt. Was waren die Hauptthemen? Womit beschäftigt sich das deutsche Theater aktuell?

Das sind Themen, die uns schon in den letzten Jahren sehr stark beschäftigt haben. Allen voran das Thema Geschlechtergerechtigkeit und Frauen in Führungspositionen. Dann auch weiter der Umgang mit sexueller Belästigung und Machtmissbrauch. 2018 hatten wir deswegen einen Kodex erlassen und die Vertrauensstelle "Themis" gegründet, die mittlerweile auch schon arbeitet. Und dann gibt es auch die Auseinandersetzung mit rechtspopulistischen Strömungen; und wir haben uns auch noch mit dem Fachkräftemangel beschäftigt.

Gerade bei dem Thema Frauen in Führungspositionen war unsere Befragung ziemlich eindeutig: 4 von 32 Theatern werden von Frauen geleitet. Was kann man tun?

Es wird Zeit, dass das geändert wird.

Die Auswahlkommission für die neue Intendanz der Leipziger Oper hat gerade Tobias Wolff nominiert, der die Händel-Festspiele in Göttingen leitet. Das klingt nicht nach Veränderung. Wäre es gut, wenn ein Stadtrat oder eine Stadtvertretung als Entscheider-Gremium künftig eine größere Rolle künftig spielen könnte?!

Ja, auf jeden Fall. Die Rechtsträger achten sehr darauf. Ich weiß auch, dass im Leipziger Fall sehr, sehr stark darauf geachtet wird. Trotzdem braucht man ein bisschen Geduld. Die Dinge werden nicht mit einem Fingerschnipp gehen. Aber ich glaube, Anreize zu setzen, auch deutlich zu machen, dass Frauen gewollt sind, dass wir auch so etwas wie eine paritätische Besetzung wollen, das ist jetzt ganz wichtig, auch als Signal nach außen zu geben; und auch den Strukturen auch Zeit zu geben, den Nachwuchs dementsprechend auch zu entwickeln. Es gibt viele Autorinnen. Es gibt auch Komponistinnen. Es gibt viele Regisseurinnen. Es gibt viele Frauen, die ohne Probleme Intendantin werden können, und die Strukturen sind natürlich an manchen Stellen sehr schwerfällig. Wir versuchen das mit aller Kraft auch zu ändern, und wir sind auch schon weitergekommen.

Ulrich Khuon und Marc Grandmontagne beim Deutschen Theaterpreis
Marc Grandmontagne (rechts) und Ulrich Khuon bei der Verleihung des Deutschen Theaterpreises. Bildrechte: imago/Future Image

Ein Hauptthema, sagen Sie, sind die rechtspopulistischen Strömungen in der Gesellschaft. Wie können die Theater darauf reagieren?

Das ist eine komplexe Frage. Es gibt, wenn man das Vorgehen der Rechtspopulisten gegen Theater und Orchester analysiert, im Großen und Ganzen vier Ebenen, auf denen agiert wird. Es gibt einmal das juristische Vorgehen, also Klagen, einstweilige Verfügungen gegen Stücke, Inszenierungen, usw. Es gibt zweitens die direkte Einwirkung auf Institutionen und Personen, also Störaktionen oder auch Einschüchterungsversuche auf die Theaterleitung, auf Beschäftigte, aufs Publikum. Dann gibt es den großen Bereich des Einsatzes parlamentarischer Mittel, also Anfragen. Denken Sie nur an diese kleine Anfrage, die in Baden-Württemberg darauf abzielt, die Nationalität der Theaterschaffenden zu analysieren. Und es gibt viertens als ganz großes Oberthema den Bereich der politischen Kommunikation und des politischen Framings: die medienwirksame Infragestellung der öffentlichen Finanzierung von Theatern. Die Arbeit wird mit Begriffen wie "link versifft" diffamiert. Es wird von Gesinnungstheater gesprochen. Der Kulturbetrieb wird als Eliten-Kultur abgestempelt.

Das ist ein sehr komplexes Phänomen und die AfD ist für uns so etwas wie die Spitze des Eisbergs im parlamentarischen Betrieb. Aber darunter gibt es auch noch viel härtere Vereinigungen. Denken Sie an die Identitäre Bewegung, die ein anderes Weltbild mit einer anderen Staatsform als Ziel hat. Jedes Theater, das damit konfrontiert ist, muss genau überlegen, wie es damit umgeht. Beim Einsatz parlamentarischer Mittel ist es so, dass ein Anspruch auf Beantwortung besteht. Das akzeptieren wir natürlich, aber wir machen die Dinge soweit wie möglich auch publik. Also Aufklärung, Bewusstseinsschärfung und auch das Thema Weiterbildung, das sind ganz zentrale Schlüsselbegriffe, wie wir in diesem Prozess jetzt vorgehen müssen.

Der Bühnenverein hat jüngst eine Werkstatistik für die Spielzeit 2017/18 herausgegeben: Shakespeare ist der meistinszenierte Autor. Dann folgen Brecht, Schiller, Lutz Hübner, Goethe, Sarah Nemitz, Elfriede Jelinek, Kleist. Bis auf Shakespeare alles deutschsprachige Autoren. Trotzdem malt die AfD den Teufel an die Wand und fordert mehr Identität mit der eigenen Kultur. Wie erklären Sie sich das?

Das müssen Sie natürlich die AfD fragen, was die genau damit meinen. Aber das entlarvt ja in gewisser Weise, dass etwas anderes dahintersteckt. Es geht natürlich nicht um deutsche Autoren, sondern um ein bestimmtes Bild, das sie mit Deutschland oder mit dem Deutschen verbinden. Und das kommt ihrer Meinung nach nicht auf der Bühne vor. Vielleicht ist das Theater zu offen, zu kritisch, zu hinterfragend.

Wenn man sich die Spielpläne in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen anschaut, hat man den Eindruck, dass sich viele Theater mit den Themen Heimat und Identität beschäftigen?!

Der Zweifel darüber, was Heimat eigentlich ist, was Identität ist – meine eigene Identität, die der Region, die der Stadt, die des Landes, die des Kontinents vielleicht – das sind zentrale Themen für die Menschen von heute. Theater ist ein gutes Mittel, um die Komplexität dieser Frage mit ästhetischen Mitteln anzugehen. Ich möchte es aber nicht verstanden wissen im Sinne einer programmatischen Ausrichtung. Kunstfreiheit heißt Kunstfreiheit. Es wird niemand gezwungen, sich damit auseinanderzusetzen.

Der Intendant des deutsch-sorbischen Volkstheaters in Bautzen, Lutz Hillmann, hat in der Befragung geantwortet, das Themen wie Heimat, Identifikation und Identität momentan von politischen Kräften so belegt seien, dass man sich sogar verdächtig mache, wenn man sie verwenden würde. Hier müssten sich die Theater die Deutungshoheit zurückholen.

Klar, die Themen Heimat, Identifikation und Identität spielen ständig eine Rolle. Ich glaube, die Kritik von Rechts zielt eher darauf ab, dass dabei nicht das herauskommt, was sie sich darunter vorstellen. Ich glaube, dass sie mit dem Begriff Heimat oder Identität etwas verbinden, was sich bestimmten streng homogenen Vorstellungen widmet, wo irgendwie alle gleich aussehen und alle gleich denken. Ich weiß es nicht. Es ist irgendwie eine sehr dubiose und auch sehr unscharfe Kritik von Rechts, die natürlich ihre Wirkung nicht verfehlt, weil sie sofort eine Defensive erzeugt, aus der wir dann wieder heraus müssen.

Das Theater ist jedenfalls kein Ort, an dem irgendwie Wahrheiten produziert werden. Es produziert sowieso nie Antworten, immer nur Fragen, wenn es gut ist. Und da appelliert das Theater natürlich auch an die Mündigkeit des Publikums und der Bürger. Theater ist ja nicht ein Mittel, um die Freiheit abzuschaffen oder unter Kontrolle zu halten, sondern es ist ein Medium der ästhetischen Reflektion.

Wie gravierend ist der Fachkräftemangel an den Theatern? In Leipzig kann man erleben, dass kaum noch einen Klempner kommt, der die Toilette repariert. Geht demnächst beim Theater der Vorhang nicht mehr auf?

Die Lage ist in der Tat ernst, wenn auch nicht in allen Sparten. Wir haben keinen Fachkräftemangel im künstlerischen Bereich, so viel lässt sich schon sagen, das ist auch sehr gut. Aber im technischen und administrativen Bereich gibt es einen Fachkräftemangel. Das betrifft vor allen Dingen die Meistersituation auf den Bühnen, also die Tonmeister, Beleuchtungsmeister und Meister für Veranstaltungstechnik. Da ist der Bedarf wirklich riesig und es ist ganz schwer, vom freien Markt noch Personal zu bekommen, weil in der freien Wirtschaft die Vergütung deutlich besser ist. Auch die Arbeitszeiten beim Theater spielen da hinein. Im Theater muss man abends arbeiten.

Welche Strategien gibt es, um diesen Fachkräftemangel zu beheben?

Wir wollen gezielt die eigenen Ausbildungskapazitäten unter die Lupe nehmen und auch stärker in den Bereich der Weiterbildung investieren. Wir wollen auch stärker in die Öffentlichkeit und das Theater als Ausbildungs- und als Arbeitsplatz vorstellen. Oft wissen Menschen ja auch gar nicht, dass sie eine Ausbildung am Theater bekommen können. Auch für handwerkliche Berufe, auch für alte Berufe, die es so gar nicht mehr gibt, wie Modisten oder Hutmacher beispielsweise.

Im Herbst gibt es das Jubiläum "30 Jahre Mauerfall". Ist die Theaterwelt in Ost und West so zusammengewachsen, wie sie zusammengehört?

Grundsätzlich würde ich zumindest laute Zweifel daran äußern. Ich bin kein Experte für den Bereich Ost-West. Aber Sie merken ja: Das ist in der Gesellschaft einfach noch ein Riesenthema. Es gibt nach wie vor viele Spannungen, viele Missverständnisse, auch Vorurteile. Daran müssen wir arbeiten. Ich gehe jetzt mal davon aus, dass das im Theater nicht erfolgreicher bewältigt ist als woanders.

Ein wichtiger Punkt ist auch, wie wir umgegangen sind mit dem Erbe der DDR. Wie sind wir mit den Menschen umgegangen? Der Westen hat sich damals in einem Impuls aufgeschwungen zu sagen: Wir haben gewonnen und der Kommunismus hat irgendwie verloren. Es gibt also schon so etwas wie eine Siegergeste. Das wird nicht ohne Folgen geblieben sein. Und ich glaube, daran muss man arbeiten. Und die Theatersituation im Osten ist auch eine andere als im Westen. Die DDR hatte viele Theater. Vor dem Hintergrund der aktuellen Bevölkerungsentwicklung stellt uns das vor große Herausforderungen. Es gibt viele fusionierte Theater, die unter sehr herausfordernden finanziellen Bedingungen operieren, in Städten, die tendenziell immer kleiner werden.

Was sagen Sie zu dem Klischee, das die Theater im Osten von West-Intendanten übernommen wurden und die Ost-Intendanten keine Rolle mehr spielen?

Es gibt in der Tat einen Überhang von sogenannten "West-Intendanten" im Osten, aber am Ende muss man anerkennen, dass der Rechtsträger vor Ort entscheidet, wer Intendant werden soll. Da haben sich Menschen beworben, die alle ihren Job auch ausfüllen wollen. Insofern halte ich das für ein zu pauschalisiertes Vorurteil.

Das Interview führte MDR KULTUR-Theaterredakteur Stefan Petraschewsky mit dem Geschäftsführer des Deutschen Bühnenvereins, Marc Grandmontagne.

Ein Mann und eine Frau stehen vor einer Video-Projektion, darauf ist ein Planet im Weltall mit drei Menschen zu sehen. 4 min
Bildrechte: Rolf Arnold
Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur 6 min
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. August 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. August 2019, 04:00 Uhr

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