Buena Vista Social Club
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Vor 20 Jahren Wie der Buena Vista Social Club im letzten Moment seine Musik rettete

Woran denken Sie, wenn es um Kuba geht? Um Fidel Castro vielleicht, oder an die Uferpromenade Malecón in Havanna, an klapprige amerikanische Autos, an die Geschichte mit der Schweinebucht, Zuckerrohr, Zigarren und Rum … Ostsozialisierten kommt vielleicht die berüchtigte Kuba-Orange in den Sinn. Und dann ist da natürlich der Buena Vista Social Club. Jenes Ensemble nicht mehr ganz junger Musiker, das im Sommer 1999, vor 20 Jahren, neun Wochen ganz oben in den deutschen Album-Charts stand.

von Sven Hecker, MDR KULTUR

Buena Vista Social Club
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Ich saß nachmittags im Haus und putzte Schuhe, da kam jemand. - Was machst du grade? - Ich putze Schuhe. - Wir wollen, dass du für uns singst! - Ich bin zu alt zum Singen. - Doch, doch, wir brauchen dich. - Morgen? - Nein, sofort. - Da hab ich mir schnell die Schuhcreme aus dem Gesicht gewischt und bin in die Egrem-Studios.

Ibrahim Ferrer vom Buena Vista Social Club

Der Sänger Ibrahim Ferrer erzählt, wie seine Weltkarriere in Gang kam - mit 70 Jahren. Dabei ist er noch nicht mal der älteste beim Buena Vista Social Club. Jenem Projekt, das 1996 nach einem längst geschlossenen Klub Havannas benannt wird. Rubén González ist fast 80, hat sein Klavier schon lange verkauft und seit Jahren keine Taste mehr angerührt.

Er erzählt: "Da sagte man mir eines Nachmittags: Du, im Egrem Studio werden irgendwelche Aufnahmen gemacht. Das ist nah bei meinem Haus in Havanna, und ich hatte nichts zu tun, also hab ich vorbeigeschaut. Ein schönes Klavier stand da, und ich fing an zu spielen. Hoffentlich störe ich niemanden, dachte ich, als der Produzent Nick Gold reinkam, doch der winkte nur: Spiel weiter, spiel weiter!"

Der "Son" ist die Seele der kubanischen Musik

Die Afro-Cuban All Stars aus Kuba
Buena Vista Social Club auf der Bühne Bildrechte: imago/VIADATA

Nick Gold, Chef des kleinen Plattenlabels "World Circuit", und der US-amerikanische Musiker und Weltmusik-Inspirator Ry Cooder sorgen dafür, dass Ibrahim Ferrer und Rubén González noch einmal zusammen spielen. Sie machen Aufnahmen in einem alten Studio in Havanna mit anderen famosen Veteranen des "Son". Mit seiner karibisch-afrikanischen Mischung ist der "Son" die "Seele der kubanischen Musik", so Ry Cooder. Mit dabei sind auch Omara Portuondo, die einzige Dame unter den alten Herrschaften, und Compay Segundo. Sie alle haben diese Musik in den 40er- und 50er-Jahren mitentwickelt und geprägt, sie "atmen" den Son.

Son hat sich entwickelt im 19. Jahrhundert aus der Musik von Franzosen und Creolen, die aus Haiti vertrieben wurden und sich im östlichen Teil der Insel niederließen. Das Ganze ist unterlegt mit den polyrhythmischen Strukturen der afrikanischen Musik, eine phantastische Synthese.

Ry Cooder

Wim Wenders dreht Dokfilm über die alten Herren des Son

"Diese Musik ist gerade nochmal an einem Zipfel festgehalten", erzählt Regisseur Wim Wenders: "Ry hat die Leute noch einmal dazu gebracht, zu spielen, die Leute, die mit der Musik schon abgeschlossen hatten, enttäuscht waren und weder singen noch spielen wollten. Das ist das Verdienst von Ry Cooder, dass es diese Musik noch mal so gibt."

Wenn diese Leute diese Musik nicht weiter machen, wird es diese Musik nicht mehr so geben. Da ist soviel Lebenserfahrung drin, da ist soviel Gelebtes drin.

Wim Wenders

Sein Freund Ry Cooder hatte Wim Wenders mit nach Kuba genommen. In nur drei Wochen dreht Wenders einen Dokumentarfilm über die Dame und die alten Herren des Son. Und das unter schwierigen Bedingungen: "Es war nicht leicht, in Kuba zu drehen, weil: Es fehlt am Nötigsten … Wir mussten uns Lampen leihen, die waren desolat und Elektrizität war das größte Problem. Auch das Team zu ernähren, einfach, weil es auf Kuba ein Problem ist, etwas zu essen zu kriegen", erinnert sich der Filmemacher.

Die Authentizität der alten Musiker spricht für sich

Der Musiker Compay Segundo
Compay Segundo Bildrechte: IMAGO

Altgewordene Musiker voller Lebensfreunde, dazu morbide Häuser und klapprige Ami-Schlitten: Wenders' Film macht den Buena Vista Social Club endgültig berühmt. Im Sommer 1999 tanzt vor allem Europa den Son. Dabei hält sich der Regisseur zurück, vertraut ganz auf die Authentizität seiner Protagonisten und ihrer Lebensumstände, lässt Töne und Bilder klingen und sprechen. Zuviel Kulisse, zu wenig kritisch - monieren manche. Doch darum ging es Wenders auch nicht:

"Was leicht gewesen wäre und kein großes Problem: einen kritischen Film über Kuba zu machen. Doch, ich hätte denen keinen großen Gefallen getan. Ich wollte auch keinen der Musiker in irgendwelche Bredouillen bringen, z. B. dass ich von Compay erzähle, dass er mal im Arbeitslager war. Da will er nicht drüber reden. Der gute Compay hat unter Castro drei Jahre lang Holz in China gefällt. Will er nicht drüber reden."

Viele der bekannten Musiker des Buena Vista Social Clubs sind inzwischen gestorben. Ihre Musik aber ist gerettet - und: Festgehalten fast im letzten Moment und ist noch immer ansteckend lebendig.

Neue Alben

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kalenderblatt | 29. August 2019 | 06:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. August 2019, 04:00 Uhr

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