Ich bin eine Muslima, Theater, Dresden, Bürgerbühne, Staatsschauspiel
Szene aus dem Stück "Ich bin eine Muslima - Haben Sie Fragen?" der Bürgerbühne Dresden Bildrechte: Staatsschauspiel Dresden, Foto: Sebastian Hoppe

Premiere an Bürgerbühne Dresden Theaterstück "Ich bin eine Muslima – Haben Sie Fragen?" räumt mit Vorurteilen auf

In Dresden bietet die Bürgerbühne eine spannende und aufschlussreiche Erfahrung: Das Publikum kann 13 muslimischen Mädchen und Frauen direkt Fragen stellen. Denn wie ist das eigentlich mit dem Islam und der Emanzipation der Frau? Gibt es im islamischen Kulturraum Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau? Unser Kritiker hat die Premiere von "Ich bin eine Muslima – Haben Sie Fragen?" am 14. April besucht. Ihn hat das Stück von Martina von Boxen überzeugt. Er hat nur eine Anmerkung.

von Wolfgang Schilling, MDR KULTUR-Theaterkritiker

Ich bin eine Muslima, Theater, Dresden, Bürgerbühne, Staatsschauspiel
Szene aus dem Stück "Ich bin eine Muslima - Haben Sie Fragen?" der Bürgerbühne Dresden Bildrechte: Staatsschauspiel Dresden, Foto: Sebastian Hoppe

In Dresden zeigt die Bürgerbühne am Staatsschauspiel das Stück "Ich bin eine Muslima – Haben Sie Fragen?". Auf der Bühne sind 13 Mädchen und Frauen. Sie kommen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan und sind zwischen zehn und 67 Jahre alt. Und alle sind Muslima. Sie sind nach Deutschland geflohen, vor den Verhältnissen in ihren Ländern, dem Krieg, der Lebensbedrohung durch die Machthaber. In Dresden haben sie eine neue Heimat gefunden, oder auch erstmal nur die Sicherheit für Leib und Leben, die in ihrer eigentlichen Heimat für sie nicht besteht.

Der Stücktitel "Ich bin eine Muslima – Haben Sie Fragen?" beschreibt genau das, worum es in dem Stück geht: anderthalb Stunden lang beantworten die Mädchen und Frauen Fragen über das, was es heißt, eine Muslima zu sein. In ihrer eigentlichen Heimat und natürlich auch in ihrer neuen – in Deutschland, in Sachsen, in Dresden, wo sie mit ihren Familien leben.

Kurz gesagt, es geht in gewisser Weise um neue Heimatkunde. Im Sinne des besseren gegenseitigen Verstehens.

Wolfgang Schilling, MDR KULTUR-Theaterkritiker

Auf die Publikumsfragen kommen wirklich interessante Antworten. Zum Beispiel die der zehnjährigen Fatima, die auf das wiederholte Nachfragen einer älteren Zuschauerin, wieso man denn einerseits in sexy engen Jeans herumläuft, um seine schönen Haare dann doch unter einem Kopftuch zu verbergen, schon sehr energisch antwortet: Wir entscheiden halt selbst, wie wir unsere Klamotten tragen. Das sagt eine Zehnjährige voller Inbrunst, und man beginnt zu ahnen, das der wahre arabische Frühling noch bevorsteht.

Ich bin eine Muslima, Theater, Dresden, Bürgerbühne, Staatsschauspiel
Dürfen Muslimas musizieren? Ja, wie man sieht. Bildrechte: Staatsschauspiel Dreden, Foto: Sebastian Hoppe

Sprache als Schlüssel

Das Stück ist zweisprachig, und die Darstellerinnen können je nach Bedarf und Fähigkeit zwischen Deutsch und Arabisch umschalten. Dabei zeigt sich zum Beispiel, dass die älteren, gestandenen und in ihrer alten Heimat auch oft erfolgreichen Frauen, die dort Anwältin waren oder Ingenieurin, noch größere Schwierigkeiten haben, Deutsch zu sprechen. Die ganz jungen, die Schülerinnen und Studentinnen, sind auch sprachlich in ihrer neuen Heimat angekommen. Das macht es einer zehn- oder achtzehnjährigen viel leichter, sich auch ihrer deutschen Umwelt gegenüber viel selbstverständlicher zu öffnen, als den älteren Frauen. So wird in diesen anderthalb Theaterstunden ganz klar: die Sprache ist der Schlüssel für alles. Wird sie beherrscht, ist vieles einfacher, werden Barrieren kleiner und sind einfacher zu überwinden.

Ich bin eine Muslima, Theater, Dresden, Bürgerbühne, Staatsschauspiel 7 min
Bildrechte: Staatsschauspiel Dreden, Foto: Sebastian Hoppe

In Dresden bietet die Bürgerbühne eine spannende Erfahrung. Man kann 13 muslimische Mädchen und Frauen direkt Fragen stellen. Und wird mit authentischen Antworten belohnt. Unser Kritiker hat nur eine Anmerkung.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 15.04.2019 12:10Uhr 07:10 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich bin eine Muslima, Theater, Dresden, Bürgerbühne, Staatsschauspiel 7 min
Bildrechte: Staatsschauspiel Dreden, Foto: Sebastian Hoppe

In Dresden bietet die Bürgerbühne eine spannende Erfahrung. Man kann 13 muslimische Mädchen und Frauen direkt Fragen stellen. Und wird mit authentischen Antworten belohnt. Unser Kritiker hat nur eine Anmerkung.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 15.04.2019 12:10Uhr 07:10 min

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Ganz konkret wird im Stück Deutsch gesprochen, wenn es geht. Wenn nicht, dann Arabisch, das dann von Mitspielerinnen übersetzt oder über einen Bildschirm eingeblendet wird. Andersrum wird auf gleichen Wegen auch alles ins Arabische übersetzt. Somit ist für ein zu erwartendes deutsch-arabisches Publikum zumindest mal jede Sprachbarriere aus dem Weg geräumt.

Der Abend schafft es auf alle Fälle, Barrieren aus dem Weg zu räumen oder sie zumindest kleiner werden zu lassen.

Wolfgang Schilling, MDR KULTUR-Theaterkritiker

Die gestellten Szenen bremsen aus

Es gibt aber auch eine "Falle", in die das deutsche Regieteam und auch alle Frauen tappen. Bürgerbühnenakteure sind ja keine Schauspieler, sondern Experten des Alltags – die allerdings in der klassischen Bühnensituation agieren und in dieser auch das Publikum überzeugen müssen. Und das funktioniert einfach nur über Authentizität, auch an diesem Abend. Das passiert immer dann am besten, wenn die Frauen und Mädchen sich mit ihren Geschichten und Erfahrungen ganz direkt ans Publikum wenden.

Ich bin eine Muslima, Theater, Dresden, Bürgerbühne, Staatsschauspiel
13 Mädchen und Frauen mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen geben Auskunft Bildrechte: Staatsschauspiel Dreden, Foto: Sebastian Hoppe

Die jungen Mädchen machen das auf Deutsch. Einige der älteren Frauen auf Arabisch, das dann simultan übersetzt wird, wie schon beschrieben. Da agieren sie frei, auch in Mimik und Gestik, mit ihrem jeweiligen Temperament, das ist interessant. Da hört man zu, ist hochkonzentriert, so wie man sich selbst im Ausland in einem Gespräch mit einem Einheimischen fühlt. Ganz direkt, ohne Hintergedanken.

Die Hintergedanken kommen jedoch nun ein bisschen didaktisch-holzhämmrig mit ins gestellte Spiel. Wenn die Frauen in konstruierten Szenen über etwas aufklären sollen, was wir verstehen sollen. Zum Beispiel, wie das mit der Kinderehe wirklich funktioniert oder mit dem Eherecht in Syrien oder ganz einfachen Dingen, wie der Festkultur.

Und anstatt die Frauen und Mädchen jetzt einfach locker erzählen zu lassen, so wie sie das selbst offensichtlich am eigenen Leib erfahren haben, agieren sie in einer Form – und das Ganze wird steif, fremd und wirkt eben nicht mehr authentisch. Da stülpt sich der deutsche Dramaturgengeist über das Spiel und es wird bemüht, politisch korrekt – aber der Stimmungskurve tut das nicht gut. Selbst die des Deutschen absolut Mächtigen und souverän agierenden Mädchen kommen da sprachlich in Nöte, vergessen den offensichtlich gelernten Text. Das wäre alles überhaupt nicht nötig, wenn man ihnen einfach immer den freien Lauf gelassen hätte, den sie an anderer Stelle haben.

Informationen zum Stück "Ich bin eine Muslima - Haben Sie Fragen?"
von Martina von Boxen
in deutscher und arabischer Sprache

Uraufführung: 14.04.2019

Weitere Termine:
20.04.2019 | 20:00 Uhr
01.05.2019 | 20:00 Uhr
12.05.2019 | 20:00 Uhr
23.05.2019 | 18:00 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. April 2019 | 12:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. April 2019, 12:46 Uhr

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