Charlotte Wood: "Ein Wochenende" Ein Roman über die Faszination von Freundschaften

Drei Frauen räumen gemeinsam das Strandhaus ihrer verstorbenen Freundin aus. Dabei zeigt sich mehr und mehr vom Innenleben der Freundinnen. Dieser Roman stimmt leicht melancholisch und tröstet zugleich. Ein Blick auf jahrelang gewachsene Freundschaften und auch auf das Alter. Ein warmes, nachdenkliches Buch, meint unsere Kritikerin.

Eine junge Frait auf dem Boden einer Wohnung voller Umzugskartons
In dem Roman räumen drei Frauen das Strandhaus ihrer verstorbenen Freundin leer. Bildrechte: imago images/Westend61

Jude, Wendy und Adele sind seit Jahrzehnten befreundet, viele Male haben sie gemeinsam Weihnachten gefeiert – aber diesmal ist alles anders. Nachdem ihre charismatische Freundin Sylvie gestorben ist, wollen die drei deren altes Strandhaus ausräumen, damit es verkauft werden kann. Also reisen sie zu einem sonnig-heißen, australischen Weihnachtswochenende an, um diese emotional nicht gerade einfache Aufgabe in Angriff zu nehmen. Denn das vertraute Haus und die Gegenstände, aber auch die Art, wie jeder der drei Frauen ihre Aufgabe anpackt, wühlt vieles wieder auf. Während Jude, die elegante, ehemalige Restaurant-Chefin sofort beginnt, die Küche zu entrümpeln, wurstelt sich die Gender-Theoretikerin Wendy durch eine staubige Kammer und die Schauspielerin Adele prokrastiniert vor Sylvies Kleiderschrank vor sich hin.

Berührende Frauenfiguren

Überhaupt entwirft Charlotte Wood in "Ein Wochenende" nicht zuletzt sehr berührende und in ihren Eigenarten komische Frauenfiguren: Adele, die in ihren besten Zeiten sehr erfolgreich und gefragt war, ist auch mit über 70 noch sehr auf ihr gutes Aussehen und ihre Wirkung bedacht.

Charlotte Wood
Charlotte Wood Bildrechte: Chris Chen Photography

Dass sie schwere Geld- und Existenzsorgen hat, will sie sich vor den Freundinnen nicht anmerken lassen. Dabei weiß sie nicht einmal, wo sie nach den Feiertagen hingehen soll, denn ihre Lebensgefährtin hat sie noch am Abreisetag vor die Tür gesetzt.

Jude wiederum hat schon so lange die Freundschaft der Frauen dauert eine Affäre mit dem verheirateten Daniel, den sie nach Weihnachten erwartet. Und dann ist da noch Wendy, die feministische Intellektuelle, die viel beachtete Bücher zur Gendertheorie geschrieben hat und zum Entsetzen der anderen, ihren uralten, dementen Hund Finn mit anschleppt, der erzählerisch zu einem vielschichtigen und sehr lustigen Spiegelbild des Alterns und der Auseinandersetzung mit dem Tod wird.

Gewachsene Freundschaften

Erbarmungslos scheinen die Freundinnen auf ihre jeweiligen Rollen festgelegt zu sein, die sie mit einer Mischung aus gemeiner Häme und liebevoller Resignation kommentieren. So wie es eben ist, in jahrelang gewachsenen Freundschaften.

Charlotte Wood, Ein Wochenende, buch, cover
Cover des Buches "Ein Wochenende" von Charlotte Wood Bildrechte: Kein & Aber

Deren abgründige Strukturen und Mechanismen seziert Charlotte Wood in ihrem kammerspielartigen Roman auf ebenso amüsante wie tiefsinnige Weise. Und je leerer das Haus wird, umso sichtbarer wird das komplizierte Innenleben der Figuren und es kommt Einiges ans Tageslicht, was lange unter den Teppich gekehrt worden war:

"Ein Wochenende" ist ein Roman über die Rätselhaftigkeit jeder Freundschaft und Liebe, jenen tiefen Verbindungen, die immer etwas Unerklärliches behalten. Es ist aber auch ein Roman über das Älterwerden und die schwer zu akzeptierende Diskrepanz zwischen einem ächzenden Körpern und dem fidelen Geist, der in ihm wohnt.

Feministischer Zeitgeist

Noch dazu fängt Wood in ihren so unterschiedlichen Frauenfiguren verschiedene Facetten des feministischen Zeitgeists ein: Die scheinbar unabhängige, kühle Jude, die doch erst "zu sich" kommt, wenn ihr Geliebter bei ihr ist. Die theoretische Vordenkerin Wendy, die zugleich die einfachsten Dinge über ihre Mutterrolle bzw. das Verhältnis zu ihren Kindern nicht begreift und Adele, die durchaus selbstbewusst dafür lebt, von anderen gesehen, bewundert zu werden.

"Ein Wochenende" ist ein warmes, nachdenkliches Buch, das einen leicht melancholisch stimmt und doch damit tröstet, dass es nie zu spät ist, wofür auch immer …

Angaben zum Buch Charlotte Woods: "Ein Wochenende"
Roman, 288 Seiten, Hardcover
Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek
ISBN: 978-3-0369-5825-5
Kein & Aber

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Juni 2020 | 07:40 Uhr