Ausstellung: Charta 77 Story. Kunst und Protestbewegung, im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig Karlsbrücke: Foto als Hochzeitsgeschenk an Anna Freimanová und Andrej Krob, darunter Mitglieder der Band “The Plastic People of the Universe”, Karlsbrücke in Prag, Anfang 1976
Ausstellung zur "Charta 77 Story": ein Foto als Hochzeitsgeschenk an Anna Freimanová und Andrej Krob, darunter Mitglieder der Band "The Plastic People of the Universe", Karlsbrücke in Prag, Anfang 1976 Bildrechte: Felicitas Förster

Ausstellung Charta 77 – Als mutige Bürgerrechtler ihre Identität preisgaben

Sie zahlten mit der Karriere, mit der Heimat, mit dem Leben: Die Charta 77 – zu der auch Václav Havel gehörte – war eine der mutigsten Bürgerrechtsbewegungen der Tschechoslowakei. Und sie ermutigte schließlich ostdeutsche Bürgerrechtler, sich aus der Anonymität herauszubewegen. Nun zeigt eine Ausstellung im Stadtgeschichtlichen Museum in Leipzig ihre Geschichte in eindrucksvollen Bildern.

von Felicitas Förster, MDR KULTUR

Ausstellung: Charta 77 Story. Kunst und Protestbewegung, im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig Karlsbrücke: Foto als Hochzeitsgeschenk an Anna Freimanová und Andrej Krob, darunter Mitglieder der Band “The Plastic People of the Universe”, Karlsbrücke in Prag, Anfang 1976
Ausstellung zur "Charta 77 Story": ein Foto als Hochzeitsgeschenk an Anna Freimanová und Andrej Krob, darunter Mitglieder der Band "The Plastic People of the Universe", Karlsbrücke in Prag, Anfang 1976 Bildrechte: Felicitas Förster

Es hätte eine normale Hochzeit werden können, ein Fest mit froher Zukunft. Doch als sich Věra Jirousová und Ivan Jirous im Februar 1976 das Ja-Wort gaben, hatte das bittere Folgen. Denn bei den Feierlichkeiten trat auch Jirous' Band auf: The Plastic People of the Universe. Mit ihrem psychedelischen Rock und unangepassten (sprich: langhaarigem) Auftreten war sie der Staatssicherheit schon lange ein Dorn im Auge. Jene nahm das Privatkonzert als Anlass, die Bandmitglieder etwa einen Monat danach festzunehmen und später auch zu inhaftieren.

Es waren diese Wochen, als ein Ruck durch den Untergrund ging: Künstler, Intellektuelle aber auch Arbeiter, Christen und Ex-Kommunisten schlossen sich zusammen und verfassten eine Petition, die sie 1977 veröffentlichten: die Charta 77. Sie verlangten die Einhaltung der Menschen- und Bürgerrechte in der ČSSR. Westeuropäische Medien verbreiten die Charta – für das kommunistische Regime ist das eine Blamage. Aus der anfänglichen Petition aber entstand die wohl einflussreichste Protestbewegung der Tschechoslowakei neben dem Prager Frühling.

Charta 77 schlägt Brücke zur Friedlichen Revolution

Ausstellung: Charta 77 Story. Kunst und Protestbewegung, im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig Zuzana Brikcius hat die Charta 77 selbst unterschrieben. Nun ist sie Kuratorin für die Ausstellung Charta 77 Story
Zuzana Brikcius hat die Charta 77 selbst unterschrieben. Nun ist sie Kuratorin für die Ausstellung "Charta 77 Story" Bildrechte: Kirsten Nijhof

"Ich wollte nicht in der Jugendorganisation sein, ich wollte nicht zu den Wahlen gehen, ich wollte in keine Gewerkschaft gehen, ich wollte nicht gezwungen werden, etwas zu machen, was mir zuwider war." Zuzana Brikcius war 18 Jahre alt, als sie die Charta 77 unterzeichnete. Ihr war damals bewusst: Nach diesem Schritt würde sie in der Tschechoslowakei keine Zukunft haben. Eine Weile ertrug sie noch die Schikane durch die Staatssicherheit. Dann wanderte sie nach Österreich aus.

Nun, gut 40 Jahre später, versucht sie, ihre Erinnerungen an diese Zeit festzuhalten, als eine von zwei Kuratorinnen der Ausstellung "Charta 77 Story". Diese war zuvor noch in der Prager Nationalgalerie zu sehen. Nun also in Leipzig, und das nicht nur, weil Tschechien 2019 hier besonders präsent ist, als Gastland der Leipziger Buchmesse. Sondern es geht natürlich auch um die Friedliche Revolution.

Es war uns eine sehr willkommene Pflicht, darauf hinzuweisen, dass eine Stadt wie Leipzig nie alleine stand, sondern dass es auch andere Bürgerrechtsbewegungen gab, die wichtige Vorbilder waren.

Anselm Hartinger, Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums
Ausstellung: Charta 77 Story. Kunst und Protestbewegung, im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig "Macbeth in Bohemia" - Gemälde des Charta-Unterstützers Ondřej Kohouts
"Macbeth in Bohemia" - Gemälde des Charta-Unterstützers Ondřej Kohouts Bildrechte: Ondřej Kohout

Die Ausstellung gliedert sich in drei Teile. Sie beginnt mit der Entstehung der Charta 77, zeigt dann die Kunst der "Chartisten" und zuletzt die Auswirkungen der Charta auf das Jahr 1989, in dem ja nicht nur die DDR sondern auch die Tschechoslowakei eine demokratische Wende erlebte. Die Informationstexte sind knapp, die Farbgebung sachlich grau. Das gibt den Objekten Raum, für sich selbst zu sprechen. Da wäre zum Beispiel ein Faltblatt der Charta 77 mit handschriftlichen Notizen von Rudi Dutschke. Vermutlich hatte er das Faltblatt in einer Gesprächsrunde dabei. Dann ist da ein Gemälde des Charta-Unterstützers Ondřej Kohouts. "Macbeth in Bohemia” zeigt eine häusliche Theateraufführung im Bauch eines Polizisten. Der kann diese private Zusammenkunft, die sich seiner Kontrolle entzieht, offensichtlich nur schlecht verdauen.

Beklemmende Fotografien verdeutlichen den Überwachungsstaat

Ausstellung: Charta 77 Story. Kunst und Protestbewegung, im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig Václav Havel Haftbild 1979
Václav Havel Haftbild 1979 Bildrechte: Tschechisches Nationalarchiv

Dominiert wird die Schau jedoch von Fotografien. Mal wirken sie intim, zum Beispiel, wenn sie das Beisammensein im Freundeskreis zeigen. Dann aber auch beklemmend, wie die Überwachungsfotos der Staatssicherheit. Eine hochschwangere Frau, heimlich fotografiert von einem Spitzel durch ein Ladenfenster. Oder die Beerdigung des Unterzeichners Jan Patočka. Der Philosoph und Sprecher der Charta 77 war 70 Jahre alt und krank, als er von der Staatssicherheit immer wieder verhört wurde. Kurz darauf starb er, vermutlich infolge der Verhöre.

Was die Charta 77 für uns heute bedeutet

Ausstellung: Charta 77 Story. Kunst und Protestbewegung, im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig
Ausstellung: "Charta 77 Story". Kunst und Protestbewegung, im Stadtgeschichtlichen Museum Bildrechte: Kirsten Nijhof

Spräche man heute in Tschechien mit einem x-beliebigen Passanten: Die Charta 77 wäre ihm bestimmt ein Begriff. Sie gilt als Vorbild für Zivilcourage und moralisches Handeln. Immerhin fand sie bis 1989 etwa 2.000 Unterstützer, darunter auch den späteren Präsidenten Tschechiens Václav Havel.

Auch in Deutschland hinterließ die Charta 77 ihre Spuren. Das Besondere an ihr war ja, dass sämtliche Unterstützer ihre Identität preisgaben, also mit vollem Namen und Adresse unterschrieben. Davor hatte man in sich in der DDR lange Zeit gefürchtet. Doch inspiriert von der Charta 77 wagten schließlich auch ostdeutsche Bürgerrechtler den Schritt aus der Anonymität.

Informationen zur Ausstellung "Charta 77 Story. Kunst und Protestbewegung"

Stadtgeschichtliches Museum Leipzig
Böttchergäßchen 3
04109 Leipzig

Eröffnung am 10. September 2019, 18 Uhr, Altes Rathaus
Dauer: 11. September 2019 – 17. November 2019

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag, Feiertage 10:00-18:00 Uhr

Weitere interessante Ausstellungstipps finden Sie auch in unserer MDR KULTUR-App. Wie wäre es beispielsweise mit einem Besuch der Schau "Signal zum Aufbruch!" in Dresden, mit der Weimarer Ausstellung "Abenteuer der Vernunft", die Goethe als Naturwissenschaftler zeigt, oder "Humboldt hoch 4" in Altenburg?

30 Jahre Mauerfall

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. September 2019 | 15:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. September 2019, 09:30 Uhr

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