Ausstellungskritik Kunst erobert den Chemnitzer Stadtraum

Andreas Höll
Bildrechte: MDR/Hendrik Kirchhof

Chemnitz hat Großes vor – im Jahr 2025 will man die Kulturhauptstadt Europas werden. Die Stadt arbeitet eifrig an ihrem Image und an ihrem kulturellen Profil. Eine wichtige Etappe auf diesem Weg ist ein großangelegtes Kunstprojekt im öffentlichen Raum. "Gegenwarten/Presences" versammelt die Arbeiten von 20 internationalen Künstlerinnen und Künstlern – zu sehen überall in Chemnitz.

Patricia Kaersenhout: Aorta, 2020
Aus der "Bazillenröhre" in Chemnitz wurde ein violetter Lichttunnel - Kunst von Patricia Kaersenhout Bildrechte: Roman Mensing

"Gegenwarten/Presences" zeigt die unterschiedlichsten Installationen, Skulpturen, Filme und Perfomances, wobei sich all diese Arbeiten mit Chemnitz auseinandersetzen, mit seiner Geschichte und natürlich auch der höchst konfliktreichen Gegenwart. Man denke nur an die gewalttätigen Ausschreitungen von 2018 und an die rechtsextremen Demonstrationen, die Chemnitz international in die Schlagzeilen brachten.

Zombi-Film über Rechtsextremismus

Mit dem Phänomen des Rechtsextremismus beschäftigt sich bei diesem Kunstprojekt zum Beispiel der Künstler Tobias Zielony, ein international bekannter Fotograf und Filmemacher. Zielony ist mit einem Film vertreten, den er "Die Untoten" genannt hat. Ein Zombie-Film, der sich auf höchst ironische Art und Weise mit den Taten des NSU auseinandersetzt. Kurator Florian Matzner erklärt: "Er will darauf aufmerksam machen, NSU, das sind Untote, NSU ist nicht vorbei, die Gefahr ist nicht vorbei." Dieser Film wird in einem leerstehenden Café in der Bahnhofstraße gezeigt, in dem eigens ein Kinosaal eingerichtet wurde.

Florian Matzner und Sarah Sigmund
Kurator und Kuratorin der Ausstellung "Gegenwarten/Presences": Florian Matzner und Sarah Sigmund Bildrechte: Roman Mensing

Auseinandersetzung mit dem "Nischel"

Es ist das erklärte Prinzip, dass man den gesamten Stadtraum einbeziehen möchte. Da spielt dann natürlich auch das berühmteste Wahrzeichen von Chemnitz eine wichtige Rolle, der monumentale Karl-Marx-Kopf im Zentrum. Da gibt es zum Beispiel die Konzept-Künstlerin Else Gabriel, in den 1980ern bekannt geworden als Mitglied der Dresdner Künstlergruppe "Autoperforationsartisten". Sie hat aus Karl Marx eine lebensgroße Wackelfigur gemacht, sie fällt in sich zusammen, wenn man einen Hebel betätigt – und dann richtet sie sich wieder auf.

Ganz anders geht dagegen Olaf Nicolai vor, der selbst im Karl-Marx-Stadt der 1960er- und 1970er-Jahre aufgewachsen ist. Er wird einen Film produzieren und die Monumentalskulptur von Karl Marx 24 Stunden lang abfilmen, wie sie sich verändert beim Wechsel der Lichtverhältnisse. Dieser Film soll im September vorgestellt werden in einer 24-stündigen Projektion.

Anetta Mona Chişa & Lucia Tkáčová: Der Darm, 2020
Karl Marx' Darm: Die Künstlerinnen Mona Chişa & Lucia Tkáčová arbeiten an ihrer Skulptur für einen Chemnitzer Park Bildrechte: Roman Mensing

Schließlich gibt es dann noch ein Künstlerinnen-Duo, das sich auf höchst spekulative Art und Weise mit dem Karl-Marx-Kopf auseinandersetzt: Anetta Mona Chisa und Lucia Tkacova. Sie haben sich gefragt, wie denn der gesamte Körper aussehen könnte von Karl Marx – wenn man ihn abbilden würde in diesem monumentalen Ausmaß des Chemnitzer Denkmals. Dann überlegten sie, wie groß der Darm von Marx im Maßstab 1:24 gewesen wäre und erschufen eine Kunststoff-Skulptur, die auf der Wiese im Schillerpark neben dem Hotel Chemnitzer Hof zu sehen ist. Der Darm von Karl-Marx als Monumentalskulptur in einem Park gehört wohl zu den Begegnungen der unerwarteten Art.

Mehr grün, mehr violett

atelier le balto: Neun neue Gärten, 2020
Stadtverschönerung durch Landschaftsarchitektur: "Neun neue Gärten" Bildrechte: Roman Mensing

Es werden noch weitere Orte im öffentlichen Raum bespielt: Das Künstler-Kollektiv atelier le balto, international bekannt geworden mit ihren Garten- und Parkprojekten, haben sich in Chemnitz für einen ziemlich tristen Platz entschieden, ein Platz, der bislang an der Alten Post buchstäblich vor sich hinvegetierte. Ein Unort, wie Kuratorin Sarah Sigmund meint: "Jetzt sieht man hier aus Hölzern gebaute Plattformen, wo man sich hinsetzen kann, und eben 'Neun neue Gärten'. Ursprünglich ziemlich hässliche Betonkübel, die jetzt neu bepflanzt sind und wirklich zu einem Stadtgarten geworden sind."

Ganz anders dagegen hat sich eine niederländische Künstlerin einem weiteren Unort genähert: ein 220 Meter langer Fußgängertunnel, der die Chemnitzer Innenstadt mit dem Viertel des Sonnenbergs verbindet. Im Volksmund heißt dieser verdreckte und stinkende Tunnel die "Bazillenröhre". Die Künstlerin Patricia Kaersenhout wollte das ändern, strich den Tunnel violett, installierte Licht und ließ so einen ganz eigenen Farbraum entstehen. Für Kaersenhout steht die Farbe violett auch für Begegnungen, meint Sigmund: "Vielleicht ist das auch eine Einladung, wenn man durch diesen Tunnel läuft, die Begegnungnen mit den anderen Menschen intensiver wahrzunehmen."

Werke der Ausstellung "Gegenwarten/Presences" in Chemnitz

Observatorium: WANDELGANG, 2020
"WANDELGANG" heißt dieses Werk des niederländischen Künstlerkollektivs Observatorium Bildrechte: Roman Mensing
Observatorium: WANDELGANG, 2020
"WANDELGANG" heißt dieses Werk des niederländischen Künstlerkollektivs Observatorium Bildrechte: Roman Mensing
Roman Signer: Versinken, 2020
Für sein Werk "Versinken" ließ der Schweizer Künstler Roman Signers ... Bildrechte: Roman Mensing
Roman Signer: Versinken, 2020
... im Schlossteich einen Pkw versenken Bildrechte: Roman Mensing
Henrike Naumann: Evolution Chemnitz, 2020
Henrike Naumanns Werk heißt "Evolution Chemnitz" Bildrechte: Roman Mensing
Olaf Nicolai: Campanelli, 2020
Chemnitzer Künstler Olaf Nicolai mit "Campanelli" Bildrechte: Roman Mensing
Philip Kojo Metz: Future Race, 2020
Philip Kojo Metz' "Future Race' an einer Litfasssäule in Chemnitz Bildrechte: Roman Mensing
Shilpa Gupta: WEARECLOSERTHANYOUEVERIMAGINED, 2020
Kunst am Bahnhof: "WEARECLOSERTHANYOUEVERIMAGINED" von Shilpa Gupta Bildrechte: Roman Mensing
OSCAR e. V. im Weltecho: STIMMEN, 2020
Der Chemnitzer Kunst- und Kulturverein OSCAR e. V. steuert "STIMMEN" bei Bildrechte: Roman Mensing
Lydia Ourahmane: This is the Normal Procedure when Flying in the Hours of Darkness, 2020
Lydia Ourahmanes Installation heißt "This is the Normal Procedure when Flying in the Hours of Darkness" Bildrechte: Roman Mensing
Anetta Mona Chişa & Lucia Tkáčová: Der Darm, 2020
Anetta Mona Chişa & Lucia Tkáčová arbeiten an einer Skulptur, dem Darm von Karl Marx Bildrechte: Roman Mensing
Patricia Kaersenhout: Aorta, 2020
Patricia Kaersenhouts Tunnelkunst heißt "Aorta" Bildrechte: Roman Mensing
atelier le balto: Neun neue Gärten, 2020
Hier kann sogar geerntet werden: atelier le balto hat in Chemnitz "Neun neue Gärten" gestaltet Bildrechte: Roman Mensing
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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. August 2020 | 07:40 Uhr

Angaben zur Ausstellung "GEGENWARTEN / PRESENCES Kunst Stadt Chemnitz"
15. August bis 25. Oktober 2020

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. August 2020 | 07:40 Uhr