Neonazis demonstrieren vor Karl-Marx-Denkmal
"Pro Chemnitz"-Anhänger demonstrieren vor Karl-Marx-Denkmal. Bildrechte: xcitePRESS

Nach "Pro Chemnitz"-Demo Ausschreitungen in Chemnitz: So reagiert die Kulturszene

Chemnitz will mit Kultur punkten, sogar Kulturhauptstadt Europas werden. Durch die jüngsten Vorfälle wurde das Image der Stadt beschädigt. Was denken Kulturschaffende darüber? MDR KULTUR mit den Reaktionen von Theaterintendant Christoph Dittrich, den Kunstsammlungen Chemnitz, der TU Chemnitz und dem Organisator des Street-Art-Festivals "ibug" sowie die Chemnitzer Wirtschaftsförderung (CWE).

Neonazis demonstrieren vor Karl-Marx-Denkmal
"Pro Chemnitz"-Anhänger demonstrieren vor Karl-Marx-Denkmal. Bildrechte: xcitePRESS

Mehrere Verletzte, eine überforderte Polizei, die Innenstadt von Chemnitz im Ausnahmezustand - was am Sonntag begann, steigerte sich am Montag noch: In der Stadt standen sich Rechte und Gegendemonstranten gegenüber. Wie reagiert die Kulturszene auf die Situation, zumal die Stadt in sieben Jahren Europas Kulturhauptstadt sein will?

Christoph Dittrich, Generalintendant der Theater Chemnitz ist vor Ort, da sich das Theaterhaus in Chemnitz im unmittelbaren Zentrum befindet. Er sagte MDR KULTUR: "Natürlich bin ich auch schauen gegangen. Es war eine sehr beängstigende Situation und was mich auch sehr verblüfft hat: Die große Anzahl an Menschen, die Abertausenden, die dem Aufruf von 'Pro Chemnitz' gefolgt sind und eine sehr bedrückende Stimmung erzeugten." Aus seiner Sicht war es wichtig, dass die 'Pro Chemnitz'-Demonstranten nicht alleine auf die Straßen gegangen sind, sondern auch Gegendemonstranten. Dittrich sagte weiter, dass es natürlich furchtbar sei, dass ein Mensch zu Tode gekommen ist, aber dass "Gewalt niemals ein Mittel sei" und dass dieser Tod nicht genutzt werden solle, um "irgendwelche Hetzjagden" zu führen.

Ich glaube, dass es existentiell wichtig war, dass [...] auch Stimmen dagewesen sind, die deutlich gemacht haben, dass irgendwelche Machtfantasien und dass das Dumpfe und der Hass nicht die Stadt beherrschen.

Christoph Dittrich, Chemnitzer Theater-Intendant

Aus Sicht des Theater-Intendanten hat die Kultur eine wichtige Aufgabe: "Denn nach meiner persönlichen Einschätzung sind es eben häufig Leerstellen, die durch solche Gewaltfantasien u.ä. dann gefüllt werden." Um diese Leerstellen anders zu füllen, müssen aus seiner Sicht Angebote durch die Familie, den Bildungssektor, den Kulturbereich geschaffen werden, um "dadurch auch Diskursfähigkeit herzustellen". "Wir starten ja nicht bei Null", so Dittrich, "es gibt sehr viele, die sich um die Demokratie und den Diskurs kümmern. Ich darf an den Chemnitzer Friedenstag erinnern, das ist ein Tag, der auch an die Zerstörung der Stadt am 5. März jedes Jahr erinnert. Ein Bündnis breiter Kräfte der Kultur, der Demokratie, der sich darum kümmert, dass diese radikalen Ansichten zur Seite gedrängt werden. Mit großem Erfolg ist das gelungen. Und jetzt gibt es einen solchen Rückschlag. Also wir können eigentlich auf ein hervorragendes Netzwerk, auf ganz hervorragende Bemühungen aufbauen."

Demonstration Chemnitz 27.08.2018 Hitlergruß
Bei der Demonstration am Montag, 27. August 2018, wurde unter den Augen der unterbesetzten sächsischen Polizei vor Ort auch der Hitlergruß gezeigt. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Kunstsammlungen und TU Chemnitz distanzieren sich von "Pro Chemnitz"-Demo

Auch in den sozialen Netzwerken meldeten sich Chemnitzer Kulturschaffende zu den Vorfällen zu Wort: Die Band Kraftklub und der Chemnitzer Klub Atomino etwa riefen zur Gegendemonstration auf. Die Kunstsammlungen Chemnitz schrieben am Montag: "Wir sind schockiert über die Vorfälle am Wochenende! Es gibt auch ein anderes Chemnitz, nämlich eine Stadt, die tolerant, hilfsbereit und weltoffen ist. Wer den Hass gewinnen lässt, hat schon verloren." Und die Technische Universität distanzierte sich ebenfalls von dem rechten Aufmarsch: "Als weltoffene Hochschule distanziert sich die TU Chemnitz mit äußerstem Nachdruck von den fremdenfeindlichen Übergriffen des vergangenen Tages und verurteilt diese auf das Schärfste."

Es gibt auch ein anderes Chemnitz, nämlich eine Stadt, die tolerant, hilfsbereit und weltoffen ist. Wer den Hass gewinnen lässt, hat schon verloren.

Kunstsammlungen Chemnitz via Facebook

Chemnitz Tourismus schrieb auf Facebook eine ausführliche Stellungnahme: "Als Chemnitzer Wirtschaftsförderung tragen auch wir Verantwortung dafür, dass Chemnitz eine attraktive Stadt zum Leben und Besuchen ist. Wir machen unsere Arbeit aus tiefster Überzeugung und mit Leidenschaft. [...] Die Geschehnisse vom 26. und 27. August 2018 setzen gefühlt alles auf Null! Wir sind schockiert, konsterniert. Wir hängen in den Seilen! Die Bilder eines wütenden Mobs, der willkürlich auf Menschen losgeht, machen uns fassungslos aber nicht sprachlos. Wir können nicht zur Tagesordnung übergehen. Der Schaden für Chemnitz, die Kultur, die Wirtschaft und die Demokratie ist riesig. [...]". Betroffen äußerte sich auch die Oberbürgermeisterin der Stadt sowie Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer via Twitter: "Es ist widerlich, wie Rechtsextreme im Netz Stimmung machen und zur Gewalt aufrufen. Wir lassen nicht zu, dass das Bild unseres Landes durch Chaoten beschädigt wird."

Auch die Organisatoren des derzeit stattfindenden Street-Art-Festivals "ibug" blicken besorgt auf die Ereignisse: Wie Hauptorganisator Thomas Dietze MDR KULTUR sagte, sei man sich unsicher, ob es erneut zu Ausschreitungen kommen wird. "Wir wollen damit nichts zu tun haben, wir wollen dass die Gäste, die aus dem ganzen Land kommen, in Ruhe mit dem Zug hier anreisen können und ohne Probleme zum Festival kommen können und sind uns nicht sicher, ob das auch Leute abhält.Wir würden uns wünschen, dass gerade jetzt auch Gäste zur ibug kommen, um zu zeigen, es ist Internationales, Tolles möglich in dieser Stadt."

Kulturszene Chemnitz

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. August 2018 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. August 2018, 14:52 Uhr

Kulturszene Chemnitz