Filmszene aus der Serie Chernobyl.
Der zerstörte Reaktor in der Verfilmung Bildrechte: Sky UK Ltd/HBO

Serie über den Super-GAU Wie "Chernobyl" zur besten Serie der Welt wurde

Auf der Filmdatenbank IMDb hat sie "Game Of Thrones" überholt und ist die am besten bewertete Serie jemals: "Chernobyl" zeigt die Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl in fünf Folgen. In der Ukraine sorgt sie für Tschernobyl-Touristen und in Russland für heftige Diskussionen, denn die Serie kommt genau zur richtigen Zeit, in der Leugnen von Umweltkatastrophen und Verbreiten von Fake News nicht nur in Russland vorkommen und der Atomausstieg immer wieder in Frage gestellt wird.

von Jörg Taszman, MDR KULTUR

Filmszene aus der Serie Chernobyl.
Der zerstörte Reaktor in der Verfilmung Bildrechte: Sky UK Ltd/HBO

Als am 26. April 1986 die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl mit einer Explosion beginnt, wiegelt man ab und will es nicht wahrhaben. Arrogante Wissenschaftler und lokale Parteigrößen behaupten, nur ein Wassertank sei explodiert. Und so ruft man Feuerwehrmänner, um den Brand zu löschen. Erst einen Tag später erläutert der Atomphysiker Waleri Legasow vor dem versammelten Politbüro in Anwesenheit von Gorbatschow anhand des Protokolls über die sogenannte Havarie, was wirklich passiert ist:

Ein Feuerwehrmann hatte schwere Verbrennungen an der Hand durch ein glattes, schwarzes Material, schwarzes Material-Grafit. Da liegt Grafit auf dem Gelände. Ja, da ist ein Tank explodiert. Es gibt Trümmer. Inwiefern ist das von Bedeutung? Es gibt nur einen Ort im gesamten Reaktor wo sie Graffit finden können: im Kern des Reaktors. Das bedeutet, dass nicht ein Tank explodiert ist, sondern der Reaktorkern. Er liegt frei.

Atomphysiker Waleri Legasow

Legasow wird zusammen mit dem Apparatschik Boris Shcherbina in die Ukraine nach Tschernobyl geschickt. Der bullige Machtpolitiker will mit seinem Hubschrauber genau über dem Rauch des brennenden Reaktors fliegen, bis ihm Legasow klar macht, das wäre sein sicherer Tod.

Katastrophe als Horrorshow

Der zerstörte Reaktorblock 4 - Katastrophe von Tschernobyl
Der echte zerstörte Reaktorblock 4 in Tschernobyl Bildrechte: IMAGO

Wie so oft stimmen bei einer Dramatisierung historischer Ereignisse nicht alle Tatsachen. So gab es keinen schwarzen Rauch und "Chernobyl" zeigt die Katastrophe oft auch als eine Horrorshow, wenn die Körper der dahinsiechenden ersten Helfer sich immer mehr auflösen. Diese Dramatisierungen und Schwächen muss man in Kauf nehmen, denn sie werden durch viele Stärken wieder ausgeglichen. Vor allem die Hauptdarsteller Jared Harris als Legasow und Stellan Skarsgard als Shcherbina sind exzellent. Langsam dämmert es auch dem Parteisoldaten, dass hier etwas mächtig schief gelaufen ist.

Die Amerikaner haben schon Satellitenbilder. Die ganze Welt weiß es. Der Wind weht nach Deutschland. Sie lassen die Kinder nicht mehr ins Freie.

O-Ton aus der Serie "Chernobyl"

Perfekt reproduzierte Sowjetzeit

Filmszene aus der Serie Chernobyl.
Die Rettungsmannschaften mussten unter katastrophalen Bedingungen arbeiten Bildrechte: Sky UK Ltd/HBO

Autor Craig Mazin und dem schwedischen Regisseur Johan Renck, der u.a. schon Episoden von Breaking Bad drehte, ist es gelungen, die Sowjetzeit nicht nur optisch perfekt zu reproduzieren. Man hat auch  die bedrückende, besondere Stimmung im kommunistischen Riesenreich eingefangen, das mit den Folgen der Katastrophe in Tschernobyl und der gleichzeitigen zaghaften Perestrojka langsam auseinanderfallen sollte.

Dabei ist nicht alles trist. Man erzählt sich Sowjetwitze und einige Bergleute leisten auch erfolgreich Widerstand. Die Serie zeigt auch Gorbatschow als Machtmenschen und Zauderer. Ihm geht es mehr um das Image der Weltmacht als um die Betroffenen. So dauert es ewige drei Tage, bis man endlich die Einwohner der Stadt Pripyat evakuiert, die in der Nähe des Kernkraftwerks liegt.

Mehr als eine historische Serie

Filmszene aus der Serie Chernobyl.
Filmszene aus der Serie "Chernobyl" Bildrechte: Sky UK Ltd/HBO

Im englischsprachigen Original wird in der beklemmenden Evakuierungsszene minutenlang auch einmal das Russische bemüht. Ein subtiler Hinweis auf den Ort und die Sprache des Geschehens. Deutschen Zuschauern will Sky das Russische aber nicht zumuten und hat diese Szene einsynchronisiert. Das ist unnötig, denn sonst ist "Chernobyl" ein weiterer Beweis, dass HBO – diesmal mit Sky als Partner – hochqualitative Serien drehen kann, die vor allem durch europäische Darsteller und Kreative aufgewertet werden.

Und "Chernobyl" ist weit mehr als nur eine historische Serie. Das Leugnen von Umweltkatastrophen und Verbreiten von Fake News ist heute schon lange nicht mehr ein rein sowjetisches oder russisches Merkmal. Man kann nur hoffen, dass nach "Das Boot" auch diese Sky-Serie einen Platz im öffentlich-rechtlichen Fernsehen finden wird.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. Mai 2019 | 17:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Juni 2019, 13:14 Uhr

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