Chigozie Obioma
Chigozie Obioma Bildrechte: imago/Leemage

Hohe Erzählkunst Nigerias Literaturstar erzählt eine afrikanische Odyssee

Als 2015 Chigozie Obiomas Debütroman "Der dunkle Fluss" erschien, waren sich die Kritiker einig: Nigeria hat einen neuen Literaturstar. Obiomas düstere Geschichte um vier Brüder, die sich trotz des Verbots ihres Vaters einem Fluss nähern und daraufhin in eine Spirale der Gewalt geraten, wurde mit den Werken berühmter Autoren wie Chinua Achebe oder Chimamanda Ngozie Adichie verglichen. Nun hat der Schriftsteller seinen zweiten Roman vorgelegt: "Das Weinen der Vögel".

von Tino Dallmann, MDR KULTUR

Chigozie Obioma
Chigozie Obioma Bildrechte: imago/Leemage

Schon auf den ersten Seiten wird klar, dass der Protagonist ein Verbrechen begangen hat, und jemandem Leid zugefügt hat. Dieser Protagonist ist Chinonso, ein an sich friedfertiger Geflügelfarmer. Er verliebt sich in Ndali, die aus wohlhabenden Verhältnissen stammt und in Großbritannien studieren soll. Da sich ihre Familie gegen die Beziehung stemmt, beschließt Chinonso, seine Farm zu verkaufen und in Europa zu studieren. Von da an nimmt die Geschichte ihren unheilvollen Lauf: Denn ein Schulfreund, der Chinonso einen Studienplatz in Europa vermitteln will, betrügt ihn doppelt. Erst schickt er ihn an eine Universität, die im türkischen Teil Zyperns liegt. Dann macht er sich mit dem Großteil von Chinonsos Geld aus dem Staub. Das alles führt zu dem Verbrechen, von dem anfangs die Rede war.

Ein nigerianischer Schutzgeist ist großer Erzähler

Davon und auch von allem anderen erfahren wir aus einer besonderen Perspektive: Sie wird von Chinonsos Schutzgeist erzählt. Der Schutzgeist ist ein ziemlich voreingenommener Erzähler. Er verteidigt stets die alten Bräuche und versucht auch, Chinonso in diesem Sinne zu beeinflussen. Wirklich großen Einfluss hat er aber nicht. Er kann seinem Schützling höchstens ein paar Gedanken in den Kopf setzen. Diese Erzählperspektive ist klug gewählt: Sie sorgt für Dramatik, weil der Schutzgeist nur begrenzt in die Handlung eingreifen kann und mitansehen muss, wie sich Chinonso in sein Unglück begibt.

Diese Erzählweise schafft auch eine typisch nigerianische Perspektive, die auch in der hervorragenden Übersetzung von Nicolai von Schweder-Schreiner deutlich wird. Er überträgt die Leichtigkeit und auch die emotionale Schwere, die der Text zuweilen hat, ins Deutsche - und zwar so, dass der gleiche erzählerische Sog entsteht, der auch das Original ausmacht.

Der afrikanische Klassiker von Chinua Achebe

Es liegt nah, Chigozie Obioma mit Chinua Achebe zu vergleichen. Beide Autoren stammen aus Nigeria und beide feierten mit ihren ersten Romanen gleich einen großen Erfolg. Als Achebe 1958 "Things fall apart" (deutsche Ausgabe: "Alles zerfällt") veröffentlichte, war er der Mann der Stunde. Sein Roman hielt die Umbrüche im Zuge der Dekolonisierung fest. In den 1950er-Jahren wuchs die Nachfrage nach Werken von afrikanischen Autoren, die bald an Schulen und Universitäten gelesen wurden. Auch das sorgte dafür, dass Chinua Achebe zum Literaturstar und zum Gründungsvater der modernen afrikanischen Literatur wurde.

Auch Obioma zeichnet Umbrüche nach - aber eben die der heutigen globalisierten Welt. Das zeigt auch sein zweiter Roman: Um etwas aus sich zu machen, braucht es eben nicht nur ein Studium, sondern am besten einen Universitätsabschluss aus dem Ausland. Diese Anforderungen und dieser Erfolgsdruck stehen im Widerspruch zur Igbo-Kultur, die auf Kreisläufen beruht und sich nicht in westlichem Sinne um Zeit kümmert.

Obiomas Roman zeigt Nigeria zwischen Tradition und Moderne

Indem Obioma den Schutzgeist als Erzähler festlegt, wird er seinem Anspruch gerecht, dass Afrika seine Geschichte selbst und aus dem eigenen Blickwinkel erzählen soll. Er verwebt diese in der Igbo-Kultur verhaftete Geschichte mit der europäischen Erzähltradition. So wird Chinonsos Reise nach Zypern zur missglückten Heldenreise, die an die Odyssee von Homer erinnert. Chinonso allerdings ist alles andere als ein strahlender Held. Am stärksten erscheint er in seinem einfachen Leben und in der Liebe zu Ndali. Sein Scheitern zeigt auch die Zerrissenheit Nigerias – eben zwischen Tradition und Moderne.

Informationen zum Buch: "Das Weinen der Vögel" von Chigozie Obioma
Erschienen im Piper Verlag
Übersetzt von Nicolai von Schweder-Schreiner
Der Roman steht auf der Shortlist für den Booker Prize 2019
512 Seiten, 24 Euro
ISBN: 978-3492059381

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. November 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. November 2019, 04:00 Uhr

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