Volksbühnen-Intendant Chris Dercon steht am 04.09.2017 in Berlin bei einem Pressegespräch vor den Zuschauerrängen des neuen "Satellitentheaters" der Volksbühne in einem Hangar auf dem Gelände des ehemaligen Flughafen Tempelhof.
Chris Dercon ist Kurator und Theaterwissenschaftler. Bevor er an die Berliner Volksbühne kam, war er Direktor der Tate Gallery of Modern Art in London. Bildrechte: dpa

Rücktritt von Chris Dercon Intendant gibt auf - Berliner Volksbühne vor dem Aus?

Volksbühnen-Intendant Chris Dercon steht am 04.09.2017 in Berlin bei einem Pressegespräch vor den Zuschauerrängen des neuen "Satellitentheaters" der Volksbühne in einem Hangar auf dem Gelände des ehemaligen Flughafen Tempelhof.
Chris Dercon ist Kurator und Theaterwissenschaftler. Bevor er an die Berliner Volksbühne kam, war er Direktor der Tate Gallery of Modern Art in London. Bildrechte: dpa

Der Intendant der Berliner Volksbühne, Chris Dercon, gibt seinen Posten auf. Das hat der rbb am Freitag gemeldet. Die Berliner Kulturverwaltung bestätigte dies. Kultursenator Klaus Lederer und Dercon hätten sich einvernehmlich darauf verständigt, die Intendanz mit sofortiger Wirkung zu beenden. Lederer habe den designierten Geschäftsführer der Volksbühne, Klaus Dörr, gebeten, kommissarisch die Geschäfte des Intendanten zu übernehmen.

Im Übrigen ist es mir wichtig zu betonen, dass die persönlichen Angriffe und Schmähungen aus Teilen der Stadt gegen Chris Dercon in der Vergangenheit inakzeptabel waren. Solche Formen der Auseinandersetzung sind unwürdig und entbehren jeder Kultur.

Kultursenator Klaus Lederer

Chris Dercon war seit seiner Berufung von Teilen der Berliner Kulturszene angefeindet worden. Er war im Sommer 2017 die Nachfolge des langjährigen Intendanten Frank Castorf angetreten, der das Theater seit 1992 maßgeblich geprägt hatte. Kritiker warfen ihm vor, die Volksbühne als Ensemble-Theater zu zerstören. Sie befürchteten, dass Dercon die Volksbühne zu einem kommerzialisierten Eventtheater entwickeln könnte. Im September 2017 besetzten sogar Aktivisten die Bühne am Rosa-Luxemburg-Platz, um ein Zeichen "gegen die aktuelle Kultur- und Stadtentwicklungspolitik" zu setzen.

Der richtige Mann am falschen Ort

Der Deutsche Kulturrat hat den Rücktritt von Volksbühnen-Intendant Chris Dercon bedauert. Nicht Dercon habe versagt, sondern die Politik, sagte der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, am Freitag in Berlin dem Evangelischen Pressedienst. Der vom damaligen Kulturstaatssekretär Tim Renner (SPD) angestrebte Politikwechsel an der Berliner Volksbühne habe nicht funktioniert, daran sei aber nicht Dercon schuld. Renner habe eine modernere Volksbühne mit Festivalcharakter im Sinn gehabt: "Für diese Idee war Dercon die richtige Person", sagte Zimmermann weiter. Aber offenbar sei die Volksbühne für diesen Wechsel nicht das richtige Theater gewesen.

Die Zerstörung der Volksbühne ist im kulturellen Bereich das gleiche Fiasko wie die nicht enden wollende Tragikomödie mit dem BER.

Claus Peymann, Ex-Intendant des Berliner Ensembles
Claus Peymann, 2012
Claus Peymann Bildrechte: dpa

Auch Theatermacher Claus Peymann macht die Politik verantwortlich für das Scheitern Dercons an der Volksbühne. "Die erwartete Katastrophe ist also eingetreten", schreibt der ehemalige Intendant des Berliner Ensembles in einer Erklärung, die der Deutschen Presseagentur vorliegt.

Der Deutsche Bühnenverein dagegen betont, dass der Rücktritt Dercons auch die Chance für einen Neuanfang eröffne. Das Experiment eines modernen Spielbetriebes mit zahlreichen Gastauftritten sieht der Bühnenverein leider an verschiedenen Faktoren gescheitert. Nun sei die Politik gefordert, in Ruhe zu klären, für welches Theater die Volksbühne stehen soll, so Marc Grandmontagne, geschäftsführender Direktor des Bundesverbandes der Träger der deutschen Theater und Orchester.

Finanzieller Kollaps droht

Der Rücktritt des Intendanten hängt mit dem drohenden finanziellen Kollaps der Volksbühne zusammen. Das belegt eine Recherche von rbb, NDR und SZ. Demnach habe die Volksbühne seit Beginn seiner Intendanz unter einer zu geringen Auslastung gelitten bei gleichzeitig hohen Ausgaben. Dass die finanzielle Situation der Volksbühne schwierig werden könnte, stellte ein interner Vermerk der Kulturverwaltung für den Regierenden Bürgermeister schon zu Beginn der Spielzeit fest. Bereits im August 2017 heißt es dort: Die "Einnahmen aus Kartenerlösen gehen gegenüber Volksbühne alt zurück." Für 2018 wurde mit einem weiteren "Besucherrückgang zahlende Besucher um 20 Prozent" gerechnet. Außerdem würde es weniger "geplante Vorstellungen als unter Castorf" geben, heißt es in dem Bericht vom 21. August 2017.

Intendant Chris Dercon spricht am 06.11.2017 in der Volksbühne in Berlin bei einer Pressekonferenz über die erste Inszenierung im Groߟen Haus unter seiner Intendanz.
Chris Dercon führlt sich von der Politik im Stich gelassen. Bildrechte: dpa

Die Auslastung des Theaters liegt bei den wenigen reinen Eigenproduktionen nach aktuellem Stand im Schnitt bei unter 50 Prozent. Bei der Inszenierung "Iphigenie“ ist im Durchschnitt nur jeder fünfte der gut 800 Plätze besetzt. Dercon seinerseits fühlt sich vom Berliner Bürgermeister Michael Müller (SPD)  im Stich gelassen, wie er in einem Gespräch mit rbb, NDR, SZ vor seinem Rücktritt kundtat:

Ich habe mich vier Mal mit [Bürgermeister] Müller getroffen und nie wieder etwas von ihm gehört. Das ist hier ein Appell und das sage ich auch gern: Wo ist der Herr Regierende Bürgermeister Michael Müller? Quo vadis, Herr Müller? Wo gehen Sie hin? Was wollen Sie? Übernehmen Sie Verantwortung?

Chris Dercon

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kultur Kompakt | 13. April 2018 | 11:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. April 2018, 16:24 Uhr

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