"Ins innere Hinaus" Christian Lehnerts Buch über Engel kann auch Atheisten begeistern

Christian Lehnert ist der wohl bedeutendste christliche Autor Deutschlands. Vornehmlich fiel er bislang sehr positiv mit Poesie auf. In seinem neuen Prosaband schreibt er über Engel – und das ist nicht nur für spirituelle Menschen lesenswert, befindet unser Kritiker.

Die zwei Engel blicken in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden vom unteren Rand der Sixtinischen Madonna von Raffael (Detail).
Prototyp des kitschigen Engels: zwei Flügelwesen am unteren Rand des Gemäldes "Die Sixtinische Madonna" von Raffael Bildrechte: dpa

Zweifellos ist Christian Lehnert gegenwärtig der bedeutendste christliche Autor Deutschlands. In seinem jüngsten Werk "Ins innere Hinaus" offenbart er sich zum wiederholten Male als hochintelligenter und sprachgewaltiger Rhapsode des Glaubens. Die im Buch versammelten Kurztexte verkörpern für den Künstler und Theologen eine "Geschichte der unsichtbaren Welt in einzelnen Blättern", denn sie berichten von Geistwesen, die man aus der Bibel als Engel kennt.

Engel
Engel in der modernen Kunst: "The Knife Angel" Skulptur von Alfie Bradley in Birmingham 2020 Bildrechte: imago images/VWPics

Bei der Beschreibung dieser immateriellen Gestalten sieht er sich allerdings mit Hürden konfrontiert: "Wer von Engeln sprechen will, steht vor derselben Schwierigkeit wie ein Maler der Renaissance, der sie mit wachen Sinnen für das Natürliche gegenständlich darstellen wollte: Es ist nichts Besonderes zu sehen. Engel haben ihr Dasein nicht in etwas Außergewöhnlichem, sie bilden auch keine Spezies mit bestimmten äußeren Merkmalen, sondern sie verbergen sich immer in dem, was vor Augen und Ohren liegt. Sie werden nicht in distinkten Formen oder einer eigenen Anatomie, sondern allein in ihren Wirkungen erkennbar."

Moment der Erleuchtung

Das Thema Engel verkörpert für moderne Menschen, die in einer weitgehend säkularisierten Welt leben, eine immense Herausforderung. Doch Lehnert gelingt es auf äußert sensible Weise, Leser damit zu fesseln, denn er kombiniert exzellente kulturhistorische Exkurse mit sehr persönlichen Erinnerungen, die ihn in die DDR zurückführen, in der er als konsequenter Pazifist Dienst als sogenannter Spatensoldat verrichten musste. Während dieser düsteren Phase widerfuhr ihm etwas, das man durchaus als Erleuchtung bezeichnen darf:

Christian Lehnert
Christian Lehnert Bildrechte: IMAGO

Was da in mir expandierte, grell und überwältigend, war haltlos. Der Eindruck war heftig wie ein Kopfschmerz. Halluziniertes Licht, eine panische Offenheit, sie brach in mir auf, tiefste Fremde im Eigenen, verstörend jenseitig und auf eine nie gekannte Art tröstlich, und ich nannte es später in meinem bilderschaffenden, engelsverwandten Herzen auch einmal 'Gott'.

Christian Lehnert

Mythische Gestalten der Transzendenz

Spätestens ab diesem Moment, in dem Lehnert "tiefste Fremde im Eigenen" spürte, trieb ihn die Frage um, was es mit dem Transzendenten und Metaphysischen auf sich hat. Zwangsläufig stieß er dabei auf meist geflügelte mythische Figuren, die in vielen Religionen auftauchen.

Engel
Eros und Satyr auf einem Spiegel, römisch, spätes 4. Jahrhundert vor Christus Bildrechte: imago stock&people

Laut dem griechischen Dichter Hesiod traten die Engel aus den Seelen der Bewohner eines sagenhaften Reiches hervor, das bereits vor Beginn der irdischen Zivilisation existierte. Seit der Antike verschwanden diese spirituellen Gestalten Schritt für Schritt aus der Wahrnehmung. Lehnert betrauert diesen schleichenden Verlust:

Die Engel, Bewohner der Grenzen, die Resonanzgestalten, die einst im unsicheren Zwischenreich von Mensch und Gott pulsierten, sind verflogen. Es ist winterlich still geworden in der geistigen Welt. Zurück ließen sie die leblosen Spuren ihrer selbst, den Engelsramsch und die rasant wachsenden Populationen der niedlichen esoterischen Dienstleister, die für Wohlbehagen sorgen.

Christian Lehnert

Texte wie komprimierte Prosagedichte

Auf den ersten Blick wirken Lehnerts neue Arbeiten wie Essays, doch bei genauerem Hinschauen entpuppten sie sich als stark komprimierte Prosagedichte. Der Poet schlüpft zwar in die Rolle des Erzählers, aber er nutzt dabei die gestalterischen Methoden der Lyrik.

Engel
Die Vertreibung des gefallenen Engels Luzifers aus dem Paradies durch den Erzengel Michael, illustration von Gustave Doré für "Paradise Lost" Bildrechte: imago stock&people

Genau diese Eigenheit macht sein Opus zu einem Geniestreich, in dem sehr oft aphoristische Einsprengsel aufblitzen: "Engel sind Kurzschlüsse, blitzartig gezündet zwischen unvereinbaren Polen, als Wunder, Unvorhersehbares, als Verwandlungskräfte. Sie durchschlagen schockartig die gewohnten Verläufe. Doch entsteht da kein Zwischenraum, sondern es fallen vielmehr Gegensätze in eins, und es zuckt, undenkbar, eine Entladung, ein Anfall, Aufschrei durch die Wirklichkeit, die für Bruchteile von Sekunden ein zitterndes Ganzes wird."

Auch für Atheisten geeignet

Lehnert betont, dass Leute, die nie in Berührung mit einer anderen Realität kamen, nichts Wertvolles an seinen Zeilen entdecken können. Doch da irrt er. Selbst Atheisten dürften von seinen kühnen Gedankengängen profitieren.

Zur Person: Christian Lehnert

28 Jahre war Christian Lehnert alt, als er 1997 mit dem Gedichtband "Der gefesselte Sänger" debütierte und sofort die Kritiker für sich gewann. Überregionale Medien feierten ihn als neue Stimme der deutschen Poesie. Damals arbeitete der gebürtige Dresdner als Pfarrer in Burkhardswalde im Müglitztal. Später wechselte er als Studienleiter für Theologie und Kultur an die Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt in Wittenberg. Seit 2012 führt er das liturgie-wissenschaftliche Institut der Universität Leipzig. Doch der Literatur hat er trotz seiner akademischen Verpflichtungen nie abgeschworen. Gerade ist unter dem Titel "Ins Innere hinaus" ein Prosaband von ihm erschienen.

Christian Lehnert: Ins Innere hinaus. Von den Engeln und Mächten
Christian Lehnert: "Ins Innere hinaus – Von den Engeln und Mächten" Bildrechte: Suhrkamp

Das Buch Christian Lehnert: "Ins Innere hinaus – Von den Engeln und Mächten"
234 Seiten, gebunden, 22 Euro
ISBN: 978-3-518-42957-0
Suhrkamp

Religion, Glauben und Kirche

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. November 2020 | 11:15 Uhr

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