Regisseur Christian Schwochow kommt am 11.08.2015 zur Premiere des Kinofilms «Coconut Hero» im Filmtheater am Friedrichshain in Berlin.
Christian Schwochow wurde 1978 auf Rügen geboren. Er wuchs in Leipzig und Ost-Berlin auf. Zwei Wochen nach dem Mauerfall zog seine Familie nach Hannover. Neben seiner Arbeit als Film- und Fernsehregisseur hat er auch Stücke am Deutschen Theater Berlin inszeniert. Auch als Journalist arbeitete Schwochow zu Beginn seiner Berufslaufbahn. Bildrechte: dpa

Interview Regisseur Christian Schwochow: Journalismus stößt derzeit an Grenzen

Christian Schwochow ist einer der wichtigsten deutschen Film- und Fernsehregisseure. Er hat Uwe Tellkamps Roman "Der Turm" verfilmt, in "Bornholmer Straße" mit komödiantischen Mitteln von der Maueröffnung erzählt und mit "Bad Banks" eine der erfolgreichsten deutschen Serien gedreht. Aktuell ist sein Film "Deutschstunde" in den Kinos zu sehen, eine Adaption des Romans von Siegfried Lenz. Damit will er Stellung beziehen zu aktuellen politischen Entwicklungen, wie er im Interview erzählt.

Regisseur Christian Schwochow kommt am 11.08.2015 zur Premiere des Kinofilms «Coconut Hero» im Filmtheater am Friedrichshain in Berlin.
Christian Schwochow wurde 1978 auf Rügen geboren. Er wuchs in Leipzig und Ost-Berlin auf. Zwei Wochen nach dem Mauerfall zog seine Familie nach Hannover. Neben seiner Arbeit als Film- und Fernsehregisseur hat er auch Stücke am Deutschen Theater Berlin inszeniert. Auch als Journalist arbeitete Schwochow zu Beginn seiner Berufslaufbahn. Bildrechte: dpa
Regisseur Christian Schwochow kommt am 11.08.2015 zur Premiere des Kinofilms «Coconut Hero» im Filmtheater am Friedrichshain in Berlin. 42 min
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MDR KULTUR - Das Radio Do 03.10.2019 12:05Uhr 42:01 min

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Regisseur Christian Schwochow kommt am 11.08.2015 zur Premiere des Kinofilms «Coconut Hero» im Filmtheater am Friedrichshain in Berlin. 42 min
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MDR KULTUR: Woher kommt Ihr genauer Blick auf zeitgeschichtliche Stoffe?

Christian Schwochow: [...] Natürlich gibt es so Momente, weil ich ein politisch denkender und fühlender Mensch bin, wie beim NSU-Prozess, wo ich merke, diese Geschichte muss ich jetzt erzählen. Und dann treffen sich manchmal auch die richtigen Leute. Die Produzentin der Trilogie ["Mitten in Deutschland: NSU", 2016, Anm. d. Red.] traf ich einen Monat nach Prozessbeginn in München und wir hatten beide zum gleichen Zeitpunkt das Gefühl, das braucht eine fiktionale Annäherung. Wir leben in Zeiten, wo der Journalismus an Grenzen stößt, wie begegnet er dem weltweiten Populismus, wie begegnet er dieser rechten Revolution in Deutschland und Europa – und ich glaube, wir als Künstler haben da eine ganze Zeit im Wachkoma verbracht. Wir haben zugeschaut und – außer im Krimi – keine Antworten gefunden oder zumindest vertiefende Fragen, wo das alles herkommt. Und da merke ich, ich fühle mich berufen, jetzt nicht einfach ausschließlich Unterhaltung zu machen, sondern mich damit zu beschäftigen.

Kann es sein, dass viele Künstler noch gar nicht bemerkt haben, wie tief die aktuellen politischen Entwicklungen irgendwann auch in ihr Schaffen eingreifen könnten?

Absolut. Man hat das ja gemerkt als dieses Strache-Video kam, wie offen er da fantasiert, welche Journalisten man aus dem Weg räumt. Ich meine, das muss man sich mal vorstellen. Das ist unser Nachbarland, das ist Österreich und ich wette mit Ihnen, dass es genauso auch in Deutschland bestimmte Menschen gibt, die man ganz schnell beseitigen würde, wenn es zu dem Punkt kommt, dass die irgendwann in die Verantwortung kommen, und ich weiß, es gibt eine ganze Menge Leute, die glauben, die Demokratie ist in Deutschland so stark und so gefestigt, dass das nie passieren wird. Und ich bin mir da überhaupt nicht so sicher, dass nicht irgendwann die erste Unionstruppe umfällt und die auf lokaler Ebene einfach mal mit ins Boot einlädt und dann ist der Weg erstmal frei.

Ihr politisches, zeitgeschichtliches Interesse, können Sie das begründen, wo das herkommt?

Das ist in der Schwochow-Familie ... Ich werde nie das Bild meines Großvaters vergessen, der im Krieg war und der Hitler verehrt hat. Der hat aber als Tierarzt gearbeitet und durfte nicht an der Front stehen, sondern hat die Pferde wieder aufgepeppelt, die an der Front verletzt wurden. Der hat sich sehr mit dieser Zeit auseinandergesetzt und dann, als es dann das Ende des Krieges war, und die DDR sozusagen aufgebaut wurde, hat er seine Kinder um sich versammelt und gesagt: Ich bin auf ein System reingefallen, es passiert mir nicht ein zweites Mal. Und das ist so ganz stark geblieben. Und dann natürlich ein Vater, der mit 18 einen Fluchtversuch hatte und dann im Knast gewesen ist. [...] Ich kann mich an nichts anderes Erinnern als dass immer diskutiert wurde, es wurde immer der Zustand des Landes thematisiert, mit Freunden, in der Familie, auch bei uns zu dritt am Tisch, also das war völlig normal. In Ostberlin hatten wir Westfernsehen, d.h. ich bin mit der "Tagesschau" großgeworden und dann als der Ausreiseantrag gestellt wurde und am 9. November genehmigt wurde, merkte ich auch bei der Ankunft in Hannover, dass dort gar nicht politisch geredet wurde mit den Kindern. Und das hat nochmal mehr Bewusstsein geschärft, was ich da mitbekommen habe.

Sie sind mit elf Jahren nach Hannover gezogen – da sind wir beim Begriff Indendität. Haben Sie sich dort fremd gefühlt?

Mit der Wende war meine Kindheit vorbei [...] Es war wirklich eine Zeit, die sich so eingebrannt hat, und auch als Kinder im Freundeskreis meiner Eltern politisiert hat. Wir waren ja immer bei allen dabei. [...] Es war eine Umstellung. Ich war der erste Ostler da in dieser Schule und ich weiß schon am ersten Tag als die Lehrerin mich vorstellte und den Kindern versucht hat zu erklären, aus welchem Land ich komme, musste ich ihr schon widersprechen. Weil sie es im Prinzip so beschrieben hat, da wo der herkommt, da sind alle total traurig und unterdrückt und wer seine Meinung sagt, der kommt ins Gefängnis. Und da habe ich widersprochen, das zog sich so weiter, bis sie irgendwann aufgegeben hat und dann in dem legendären Satz endete, "Ja wenn's da so toll war im Osten, dann geh doch zurück zu deinem Scheiß Honecker." Also eine totale Überforderung. Meine Eltern wurden auch in die Schule zitiert, warum dieses Kind schon so reif und politisch denkt und redet. Ich habe dann Leute auch angestiftet. Denn dann kam der Golfkrieg und dann habe ich zuhause ein "Kein Blut für Öl"-Plakat auf ein Laken gemalt und aus der Schule gehängt. Das war ungewöhnlich. Ich war 5. oder 6. Klasse. [...]

Was bedeutet Ihnen dieses Werk "Deutschstunde" von Siegfried Lenz?

[...] Ich habe, als ich Schüler und Student war, auf Flohmärkten Bücher gekauft; ich musste mich immer mit Büchern umgeben. So habe ich mir irgendwann mehrere Bücher von Lenz gekauft, und hab dann zuerst "Heimatmuseum" gelesen, vor zehn, elf Jahren – ich war noch im Filmstudium in Ludwigsburg – und bin dadurch an "Schweigeminute" und "Deutschstunde" gekommen und das Ding hat mich echt umgehauen. [...] Das Faszinierende war, dass es eine Geschichte über den zweiten Weltkrieg ist, mit völlig anderen Bildern. Es gibt keine Hakenkreuzfahnen, es gibt keinen Hitler, es gibt keine Goebbels-Reden. Es gibt Möwen, die schreien wie Goebbels. Es gibt Regen, der wie Schüsse klingt. Er findet Bilder des Krieges in diesem Roman und das hat mir einen Zugang zu den Leiden und den Traumata des Krieges verschafft, wie ich das sonst ganz lange nicht mehr empfunden hatte, weil ehrlich gesagt, man ist ja selber so abgestumpft. Man kennt so viele dieser Filme und man merkt, leider empfindet man gar nicht mehr so viel dabei. Und vor allem verstecken sich die wirklich interessanten Fragen wirklich hinter diesen Zeichen. Und was Lenz hier schafft, menschliches Verhalten in die letzten Zwischenräume, in Familien, wie Freunde zu Feinden werden, das fand ich irre. Und dann im Zentrum steht ja die Geschichte eines kleinen Jungen, Siggi Jepsen, der zwischen zwei Vaterfiguren steht, die Freunde waren und zu Feinden werden und das ist eine so große und universelle Geschichte – deshalb habe ich jetzt diesen Film im Kino.

Was ist genau der Konflikt im Film

Der Maler bekommt einen Malverbot vom Vater des Jungen, der der einzige Polizeimann im Dorf ist, und er soll dieses Verbot auch überwachen. Der Maler widersetzt sich, der Junge wird zum Spitzel gemacht. [...] Und das ist etwas, wo ich glaube, dass es auch etwas über Konflikte heute erzählt. Das endete ja nicht, das ist ja eine Erfahrung, die du in Diktaturen heute wiederfindest und das ist so extrem, dass wir heute in einem Land leben, wo man irgendwie so ganz beruhigt ist, dass die rechten Kräfte jetzt gerade in Brandenburg und Sachsen nur zweitstärkste Kraft sind, die sich genau diese Zeiten wieder herbeisehnen, wo man Denkverbote erteilen kann, wo es darum geht, in Theatern sollen bestimmte Stücke nicht mehr gespielt werden, es sollen bestimmte Texte nicht mehr gelesen werden. Das ist ein Wahnsinn und deswegen finde ich, ist das eine Geschichte, die sich damals, als wir anfingen das zu entwickeln vor vier Jahren, sehr zeitgenössisch anfühlte.

Das Thema Pflichtbewusstsein der Figuren spielt im Film eine zentrale Rolle. Alle denken, dass sie ihre Pflicht erfüllen, aber es sind unterschiedliche Pflichten.

[...] Mich hat dabei dieser Pflichtbegriff interessiert. Das ist ja etwas sehr Deutsches, da muss man auf den Ersten Weltkrieg zurückschauen, dann den Zweiten, dann haben wir die DDR erlebt, wo dieses Thema wiederkommt und auch heute habe ich das Gefühl, man ruft wieder sehr nach deutschen Tugenden. Es gibt wieder eine große Mehrheit, die sich das zurückwünscht. Und natürlich ist es im Moment so, wenn man sich offen zur AfD bekennt, ist man ja eigentlich ein Rebell, im Moment verbreiten die ja das Gefühl von Revolution, du bist dabei, du bist progressiv und gegen den Mainstream. Das, was sie aber eigentlich durchsetzen wollen, sind diese ganz traditionellen, völlig unrevolutionären, alten Bilder, alten Aufteilungen. Da spielt sowas wie Pflichterfüllung eine Rolle und das finde ich sehr besorgniserregend, dass es da offenbar auch wieder so eine Sehnsucht nach diktatorischen, autoritären Strukturen gibt bei vielen.

Und damit ist nochmal klar geworden, wie aktuell dieser Film ist: Auch wenn er uns in die Nazi-Zeit zurückführt, ist es ein aktueller Film, der hineingreift in aktuelle Debatten. Vor allem aber ist es ein großes Epos mit hervorragenden Schauspielern, wie Ulrich Noethen, Tobias Moretti und Maria Dragus.

Das Interview mit Regisseur Christian Schwochow führte Knut Elstermann für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR-Café: Regisseur Christian Schwochow im Gespräch mit Knut Elstermann | 03. Oktober 2019 | 12:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Oktober 2019, 04:00 Uhr

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