Fehlender Diskurs im Museum Warum verlässt Christian Wacker vorzeitig das Karl-May-Museum in Radebeul?

Das dritte Mal in sechs Jahren verliert das Karl-May-Museum in Radebeul seinen Direktor. Nach nur knapp zwei Jahren kündigt Christian Wacker seinen Job. In einem langen offenen Brief, den er im Netz veröffentlicht hat, legt er die Gründe auf und erklärt, was seiner Meinung nach schief läuft im musealen Gedenken an Karl May. Wacker beginnt nun ab 1. Juni eine Stelle als Kulturmanager in Kuwait. MDR KULTUR hat ihn über seine Gründe, das Karl-May-Museum zu verlassen, befragt.

Christian Wacker
Christian Wacker würde nach Radebeul zurückkommen, wenn sich einige Dinge im Karl-May-Museum verändern würden. Bildrechte: Christian Wacker

Laut Christian Wacker gäbe es in Radebeul Mobbing und dorfschulmeisterliche Belehrungen. Das Problem sei strukturell und kommunikativ angelegt. Als Museumsprofi mit einem Team von gut ausgebildeten Leuten müsse er entsprechende Freiheiten haben, denn in einem Museum als öffentlicher Ort müsse gesellschaftlicher Diskurs stattfinden. Wenn dies nicht der Fall sei, habe man ein Problem der Glaubwürdigkeit, wenn es darum geht, Karl May ins 21. Jahrhundert zu heben.

Museum müsse ideologisch entstaubt werden

Die hundertjährige Rezeption von Karl May, ausgehend von seinen hinterlassenen Schriften, habe eine große Veränderung herbeigeführt. Denn die freie Interpretation von Filmen und Bühnenstücken seiner Werke hätten sich mittlerweile sehr weit von dem entfernt, was Karl May eigentlich ausmache. Diese freien Interpretationen müsse man natürlich zulassen, aber es gebe eine große Karl-May-Gesellschaft, in der man sich wissenschaftlich mit Karl May auseinandersetze. Da gebe es unbequeme Meinungen, die aber in einem Museum zugelassen sein müssten. Das sei in einigen Fällen nicht passiert.

Weg von der folkloristischen Erinnerung

Es dürfe nicht darum gehen, einen Schriftsteller, der vor 100 Jahren gestorben ist, auf einen Sockel zu heben und ihn anzubeten. Es müsse darum gehen, wie man sich heute mit May auseinandersetzen kann. Wie können Dinge, die May gedacht hat, in unsere heutige Gesellschaft hineininterpretiert werden. Zu Themen wie Toleranz, Völkerverständigung, Offenheit gegenüber neuen Kulturen hatte Karl May eine Meinung - dieser Diskurs müsse stattfinden. Zudem gäbe es seit Jahrzehnten eine Diskussion über Figuren bei May, da seien Transvestie-Figuren, sehr skurrile Kollegen, die er beschrieben habe, und die Rückschlüsse auf das Denken von May zuließen - ein Denken, das nicht immer geradlinig war. Er sei eine offene und streitbare Persönlichkeit gewesen und das müsse in einem Museum diskutierbar sein.

Karl May: Homosexuelle Neigungen und ein Hang zum Exotismus

Es sei zudem spannend einen differenzierten Blick auf Mays homosexuelle Neigungen zu werfen, und auf das Interesse der damaligen Gesellschaft für Exotismus und Orientalismus. Wie funktionierte eine Gesellschaft, die eine Leidenschaft entwickelte für esoterische Dinge? Auch heute gäbe es so etwas wieder - wie könnte man da Parallelen herstellen und bewerten?

Wenn sich die Strukturen im Museum verändern würden, könne er sich vorstellen, wieder nach Radebeul zurückzukehren, sagte Wacker. Er betonte, dass Karl May nicht nur ein Erbe der Stadt Radebeul sei, sondern ein sächsisches Erbe. Mehr noch: May sei einer der weit über die Landesgrenzen hinaus beliebtesten Sachsen und deshalb auch ein nationales Erbe. Wackers Anliegen sei es, dass Karl May eine Zukunft habe.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Mai 2020 | 12:10 Uhr