Interview Warum Christos Kunst unvergessen bleiben wird

Der bulgarische Künstler Christo, in Deutschland vor allem für den verhüllten Reichstag in Berlin bekannt, ist am 31. Mai 2020 in New York gestorben – nur wenige Wochen vor seinem 85. Geburtstag. Bereits vor elf Jahren starb seine Lebensgefährtin Jeanne-Claude, mit der Christo die Verhüllungsaktionen gemeinsam realisierte. Seine Kunstwerke waren monumentale Ereignisse, die ganze Städte in Aufruhr versetzen konnten. Im Interview erklärt Kunstkritikerin Simone Reber, warum sein Werk bleiben wird.

Verhüllungskünstler Christo vor einem seiner Werke im Jahr 2016. 7 min
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MDR KULTUR: Woher kommt die Kunst der Verhüllung?

Simone Reber: Die hat sich eigentlich ganz lange entwickelt. Schon als Kunststudent im sozialistischen Bulgarien musste Christo, das war ein Auftrag, mit seinen Kommilitonen die Landschaft entlang der Strecke des Orientexpress verschönern und dann hässliche Gerümpelhaufen und Gerätschaften verhüllen. Um 1957 ist er dann in einem Güterwaggon über die damalige Tschechoslowakei nach Österreich und dann nach Paris geflohen.

Blick auf die von dem aus Bulgarien stammenden Künstler Christo verpackte Brücke Pont Neuf in Paris, aufgenommen im September 1985.
Von Christo verhüllte Brücke Pont Neuf in Paris, 1985 Bildrechte: dpa

Er war die meiste Zeit seines Lebens staatenlos, und wenn man die ganz frühen Arbeiten sieht, dann wirken sie tatsächlich wie der Hausstand eines Flüchtlings oder eines Nomaden, der einpackt, was ihm kostbar ist. Als Erstes hat er die Farbdosen eingepackt, dann kann man einen Handwagen sehen, den er umwickelt hat, ein Motorrad. Es ist so eine Geste, die jeder kennt. Schon Kinder machen das mit ihren größten Schätzen. Wir packen Geschenke ein, um sie damit wertvoll zu machen. Deshalb können eigentlich alle die Kunst von Christo verstehen.

Bei seinem Auftritt 1968 in Kassel bei der Documenta hat er dann als Erstes die Luft zum Atmen verpackt. Da stieg ein 85 Meter hohes Luftpaket wie eine Säule in den Himmel. Und er hat natürlich auch einmal ein Porträt von seiner Frau Jeanne-Claude verpackt.

Warum ist gerade die Verhüllung des Berliner Reichstages so legendär gewesen?

Der Künstler Christo geht am 25.11.2015 in Berlin im Reichstag durch die Ausstellung «Verhüllter Reichstag» und an einem Modell des verhüllten Reichstages vorbei.
Christo in späteren Jahren vor einem Modell des verhüllten Reichstages Bildrechte: dpa

Ich glaube keiner, der das erlebt hat, wird diese klaren Tage im Juni 1995 vergessen. Es war natürlich auch genau der richtige Zeitpunkt, obwohl das Projekt seit 1971 vorbereitet worden war. Die Stadt war gerade dabei, die Spuren des Zweiten Weltkriegs, des Kalten Krieges zu verlieren. Und mit der Verhüllung des Reichstages kehrte auf einmal eine friedliche Stimmung ein. Es gab noch keine Handys und trotzdem wusste jeder, wie weit die Arbeiten gediehen waren. Also es ging wie ein Lauffeuer durch die Stadt: 'Die Fassadenkletterer sind da! Jetzt ist er schon halbverhüllt!'

Dann glänzte dieser gänzlich verhüllte Reichstag in der Junisonne, als würde er schweben. Die Menschen kamen, ließen sich nieder, waren still und erlebten einfach mit allen Sinnen diesen Moment und die Macht der Schönheit. Gleichzeitig wussten alle, dass unter der Hülle die deutsche Vergangenheit rumort. Und die Reibung zwischen dieser überirdisch-schimmernden Idylle und der Realität, die ja nur Pause machte, hat zu diesem spannenden und entspannenden Erlebnis geführt.

Alle haben das Kunstwerk respektiert, sich in der Aura ein bisschen verändert. Das kleine Stückchen Stoff – ich habe es heute noch – liegt vor mir auf dem Tisch, die Besucher haben es damals bekommen. Es glänzt heute noch wie neu und hat kein bisschen Staub angesetzt. Es gab damals auch die dringliche Bitte, das Projekt zu verlängern, aber in diesem Punkt waren Christo und Jeanne-Claude immer unerbittlich.

Was waren Christo und Jeanne-Claude für ein Paar?

Verhüllungskünstler Christo mit Partnerin Jeanne-Claude 2006 in Münster.
Christo und Jeanne-Claude im Jahr 2006 Bildrechte: dpa

Schwer zu durchschauen. Nach außen hin schien alles klar – dass Jeanne-Claude alles bestimmt. Bei Interviews war es so, dass Jeanne-Claude alle Modalitäten festgelegt hat, dass sie den Ort ausgewählt hat. Sie ist ihrem Mann immer wieder ins Wort gefallen, hat fortgesetzt, was er eigentlich sagen wollte. Christo ist dann lächelnd zurückgetreten, hat ihr aber aus dem Hintergrund souffliert. Beide sind – man weiß nicht genau, ob es wirklich stimmt – am gleichen Tag, am 13. Juni 1935, geboren.

Beide haben sich mit Leib und Seele diesem Werk verschrieben. Sie sind nie gemeinsam geflogen, damit ein Projekt auch dann weitergeführt werden konnte, wenn einer verunglücken sollte. Und trotzdem hatten sie eine ganz klare Arbeitsteilung: Jeanne-Claude dirigierte die Organisation und Christo war der kreative Kopf. Dieses gemeinsame Label 'Christo und Jeanne-Claude' entstand erst 1994, und natürlich wirkt es auch ein bisschen unglaubwürdig, dass Christos frühe Arbeiten im Nachhinein dann auch nochmal Jeanne-Claude zugeschrieben wurden.

Was bleibt von dieser zeitgebundenen Kunst?

Besucher gehen am 18.06.2016 über orangefarbenen Stoff auf schwimmenden Stegen vor Paratico im Rahmen des Projekts "The Floating Piers" von Christo auf dem Lago d'Iseo in Italien.
"The Floating Piers" von Christo auf dem Lago d'Iseo in Italien, 2016 Bildrechte: dpa

Es bleiben, rein physisch, die unzähligen Zeichnungen. Fast zu viele, man kann sie kaum mehr unterscheiden. Was aber wirklich bleibt, ist dieser einmalige Moment, ist die Erinnerung an das Erlebnis Kunst, die Erfahrung, ein Kunstwerk mit dem ganzen Körper wahrzunehmen. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Kunst Menschen verändern kann. Von raubeinigen Großstadtbewohnern können die mutieren zu mildlächelnden Genießern. Was bleibt, ist dieses seltsame Paradox der Vergänglichkeit, nämlich die Sehnsucht. Man möchte, dass diese Werke ewig bestehen bleiben, man möchte sie festhalten – und genau dadurch würden sie ja ihren Reiz verlieren.

Das Gespräch führte Moderatorin Annett Mautner für MDR KULTUR.

Mehr Informationen Ausstellung: "Christo und Jeanne-Claude. Projects 1963-2020"
PalaisPopulaire, Berlin
Noch bis zum 16. August 2020

Christos für 2021 geplante Verhüllung des Pariser Triumphbogens soll auch nach seinem Tod durchgeführt werden.

Kunst in Mitteldeutschland

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. Juni 2020 | 08:40 Uhr