Tanzende Männerpaare
Tanzende Männerpaare in DDR-Zeiten Bildrechte: MDR/MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Buchrezension Christoph Heins neuer Roman "Verwirrnis": Über das Schwulsein in der DDR

Christoph Hein ist bekannt für Romane und Novellen wie "Der fremde Freund", "Landnahme", Glückskind mit Vater" oder "Trutz" und gilt als "Chronist der deutschen Verhältnisse". Seine Helden sind oft geprägt von den Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Sein neues Buch erzählt von der Liebe zwischen Männern in Zeiten, in denen das illegal war.

von Jörg Schieke, MDR KULTUR-Literaturkritiker

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Tanzende Männerpaare in DDR-Zeiten Bildrechte: MDR/MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gern wird der Schriftsteller Christoph Hein als "Chronist der deutschen Verhältnisse" bezeichnet, sind die Helden seiner Bücher doch oft jene Menschen, die von den Diktaturen des 20. Jahrhunderts gebeugt, beschädigt oder zerrieben wurden - oder sich dagegen aufgelehnt haben. Christoph Hein, 1944 geboren und dann aufgewachsen in Bad Düben bei Leipzig, fand schon 1982 mit seiner Novelle "Der fremde Freund" ein großes Publikum in Ost und West. Von da an folgten regelmäßig Romane und auch Theaterstücke. Hein war zudem erster Präsident des gesamtdeutschen PEN-Clubs, dessen Ehrenpräsident er seit Mai 2014 ist. Vielen Ostdeutschen blieb auch Heins Auftritt bei der großen Demonstration in Ost-Berlin am 4. November 1989 in Erinnerung.

Roman spielt in Heiligenstadt und Leipzig

Der Schriftsteller Christoph Hein posiert am 17.03.2016 auf der Buchmesse in Leipzig (Sachsen). Er stellt sein Buch Glückskind mit Vater vor.
Schriftsteller Christoph Hein Bildrechte: dpa

Heins neuer Roman heißt "Verwirrnis", und darin begibt sich der Autor an Orte und in Zeiten, die er mit seiner eigenen Biografie bezeugen kann - obwohl die Romanhandlung dann natürlich ausgedachten Mustern folgt. Die Geschichte spielt zu großen Teil in Heiligenstadt und in Leipzig. In Leipzig hat Hein ja selbst in den späten 60ern, frühen 70ern studiert.

Da mag er vielleicht Menschen wie Friedeward und Wolfgang begegnet sein, den beiden Helden dieser Geschichte. Die sind zwei junge Männer aus dem katholischen Milieu, aus Heiligenstadt, die als Gymnasiasten in der DDR in den 50er-Jahren zunächst einmal eine beunruhigende, für sie gefährliche Entdeckung machen: Sie sind schwul - und das ist in dieser unmittelbaren Nachkriegszeit sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland ein juristischer Strafbestand und zugleich ein soziales Tabu. In der christlichen Terminologie jener Jahre wird Homosexualität gar gleichgesetzt mit Sodomie und damit nochmals dämonisiert.

Die Geschichte zweier schwuler Männer von den 50er-Jahren bis heute

"Verwirrnis" von Christoph Hein (Buchcover)
"Verwirrnis" von Christoph Hein (Buchcover) Bildrechte: Suhrkamp Verlag

Der Roman "Verwirrnis" folgt den beiden Männern nun über mehrere Jahrzehnte, von dem 50ern über den Mauerbau bis zur Nachwendezeit, und spiegelt ihre Biografien in den Fixpunkten der deutschen Geschichte. Schwul sein, das bedeutet für Friedeward und Wolfgang, in einem permanenten Zustand der Tarnung leben. Früh schon fassen und verwirklichen sie den Plan, sich zum Schein mit Freundinnen (später Ehefrauen) zu zeigen, also ein Doppelleben zu führen. Zunächst aber kommt es zur Katastrophe: Die beiden jungen Männer werden von einem der Väter beim Liebesspiel überrascht, und dieser Vater ist ein unnachgiebiger Katholik, dessen wichtigstes Erziehungsinstrument eine Peitsche ist. Mit dieser Peitsche will er seinem Sohn Friedeward das perverse Begehren aus dem Leib prügeln. Erst als die beiden jungen Männer die Kleinstadt Heiligenstadt verlassen und zum Studium nach Leipzig gehen, hat das alles hat ein Ende.

Friedeward studiert Germanistik, Wolfgang Kirchenmusik, und im Leipzig der späten 50er-Jahre erleben sie nun eine glückliche Zeit, in die auch noch eine Frau gehört: Friedewards Scheinfreundin Jaqueline, die ihrerseits auch eine Frau liebt, sich also gleichfalls schützen muss. Die drei jungen Leute leben nach außen hin eine perfekte Liebespaar-Architektur, Männlein und Weiblein, aber hinter verschlossenen Türen folgen sie dann ihrem verbotenen Begehren. Bis dann – als eine dunkle Macht sozusagen – die deutsche Geschichte eingreift.

Eine Liebe, zerschnitten von der Mauer

Wolfgang geht nach West-Berlin, weil er dort bei einer Koryphäe der Kirchenmusik studieren kann, Friedeward wird in Leipzig von dem legendären Germanisten Hans Mayer gefördert und wegen seiner wissenschaftlichen Begabung zu einer akademischen Laufbahn ermutigt. Wolfgang entscheidet sich letztlich für Westdeutschland, Friedeward will in Leipzig bleiben - und dann, am 13. August 1961, wird die Berliner Mauer hochgezogen und diese Liebe endgültig zerschnitten.

Hans Mayer mit Ehrendoktorwürde ausgezeichnet
Hans Mayer spielt eine wichtige Rolle in Heins neuem Roman "Verwirrnis" Bildrechte: dpa

Im letzten Drittel des Romans erzählt Christoph Hein dann vor allem von Friedeward und seiner akademischen Laufbahn, er schildert die politischen Grabenkämpfe an der Leipziger Universität und die großen Auftritte und polemischen Gefechte des Hans Mayer, der bis heute zu den schillerndsten Figuren der deutschen Literaturwissenschaft gehört. Mayer, die Studenten hier im Roman nennen ihn "Goethe höchst selbst" - war ein durchaus eitler, von seinen Studenten bewunderter Groß-Germanist, der stundenlang frei referieren und zitieren konnte und als Jude und Marxist der DDR zwar durchaus verbunden war, von den Kommunisten jedoch auch immer wieder angegriffen wurde. In seiner Literaturtheorie verteidigte und verehrte Mayer die großen Bürgerlichen, also Kafka, Proust oder Joyce, und amüsierte sich über den sozialistischen Realismus. 1963 kommt Mayer dann von einem Arbeitsaufenthalt im Westen nicht mehr zurück in den Osten - und an der Leipziger Germanistik wütet die "sozialistische Inquisition" und setzt die Mayer-Anhänger unter Druck.

Der Romanheld Friedeward übersteht das jedoch und kann seine akademische Laufbahn fortsetzen, und obgleich er als Literaturdozent hochgeachtet ist, wird er seine Homosexualität bis an sein Lebensende 1993 geheim halten. Das ist das geheime Zentrum dieses Romans: Obwohl Friedeward sich ja längst zu seiner Sexualität bekennen könnte (in der DDR werden homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen seit Ende der 50er-Jahre nicht mehr bestraft), lebt doch die ihm von seinem Vater eingepflanzte Scham über Jahrzehnte in ihm weiter. Das familiäre Trauma und das in der Familie gesetzte Tabu überleben hier als die politischen Zwänge.

Roman im Tonfall einer Chronik

Mit seinen Büchern ist er ein genauer Chronist des Alltäglichen und zugleich spürt er die großen Linien der gesellschaftlichen Entwicklung auf.  Sein Augenmerk liegt dabei vornehmlich in den neuen Bundesländern. Jetzt erscheint sein neuer Roman „Verwirrnis“. Es geht um Homosexualität in den 50er Jahren in der DDR. MDR KUTLUR – Das Radio sendet ab Montag exklusiv in der Lesezeit diesen Roman - gelesen von Sylvester Groth. 44 min
Mit seinen Büchern ist er ein genauer Chronist des Alltäglichen und zugleich spürt er die großen Linien der gesellschaftlichen Entwicklung auf. Sein Augenmerk liegt dabei vornehmlich in den neuen Bundesländern. Jetzt erscheint sein neuer Roman „Verwirrnis“. Es geht um Homosexualität in den 50er Jahren in der DDR. MDR KUTLUR – Das Radio sendet ab Montag exklusiv in der Lesezeit diesen Roman - gelesen von Sylvester Groth. Bildrechte: MDR/Knut Elstermann

Schon zu Christoph Heins letzten Romanen wurde angemerkt, dass Hein ein eher konventioneller Autor ist, der die Dinge realistisch und nüchtern eher berichtet denn erzählt. Und so ist es auch bei "Verwirrnis". Der Tonfall dieses Romans ist der einer Chronik. In den Dialogen etwa klingen die beiden jungen Männer und auch ihre Freundinnen seltsam ähnlich, kaum einmal sind Unter- oder Zwischentöne zu hören. Ist das von dem erfahrenen Autor Hein bewusst so gesetzt, will er die Psyche seiner Figuren also vom harten Gang der Geschichte, vom Klang der Chronik, überblendet sehen?

Auf jeden Fall ist dieser Stoff, trotz seiner sehr nüchternen sprachlichen Ausgestaltung, spannend genug, um den Leser anzulocken. Der Vater-und-Sohn-Konflikt, die geheimgehaltene Liebe, die politischen Verwicklungen an der Uni in Leipzig – all das ist anrührend und, als Illustration zur deutschen Geschichte, zugleich sehr informativ. Christoph Heins bester Roman ist "Verwirrnis" allerdings nicht.

Angaben zum Buch: "Verwirrnis" von Christoph Hein, Roman, erschienen im Suhrkamp Verlag, gebunden, 303 Seiten, 22 Euro, ISBN: 978-3-518-42822-1, auch als eBook erhältlich

Lesungen: 4. September 2018, 20:15 Uhr in Leipzig | 16. September 2018, 19 Uhr in Berlin | 28. September 2018, 20 Uhr in Rostock | 19. Oktober 2018, 19:30 Uhr in Erfurt

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. August 2018 | 07:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. August 2018, 04:00 Uhr

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