Sachbuchempfehlung Neue Chronik erzählt 75 Jahre Aufbau-Verlag: spannend wie ein Krimi

Mit Schriften von Bertolt Brecht, Anna Seghers, Hans Fallada, Christa Wolf oder Sarah Kirsch war der Aufbau-Verlag in der DDR einer der wichtigsten Verlage und ist einer der wenigen, die es heute noch gibt. In einer neuen Verlags-Chronik erzählt der Literaturwissenschaftler Konstantin Ulmer die Geschichte des Aufbau-Verlages von seinen Anfängen bis in die unmittelbare Gegenwart. "Man muss sein Herz an etwas hängen, das es verlohnt" heißt sie nach einem Zitat von Hans Fallada. Und liest sich spannend wie ein Krimi, findet unsere Kritikerin.

Logo am Aufbau-Verlag in Berlin.
Der Aufbau-Verlag wurde vor 75 Jahren in Berlin gegründet. Bildrechte: imago/IPON

"Aufbau" – der Name steht für Programm und Tradition. Aus dem Exil zurückgekehrte Autoren wie Anna Seghers oder Johannes R. Becher haben bis heute hier ihre verlegerische Heimat. Auch die Namen von Victor Klemperer und Hans Fallada verbinden sich schon bald nach der Gründung mit diesem Haus. Viele sind im Lauf der vergangenen 75 Jahre hinzugekommen – von Günter Kunert über Christa Wolf und Christoph Hein bis hin zu Bernd-Lutz Lange und den deutschen Übersetzungen von Deon Meyer oder Mark Twain. Ein 75. Geburtstag ist eine gute Gelegenheit, auf das, was gewesen ist, zurückzublicken. Auf Erfolge selbstverständlich. Auf Traumata aus der Verlagsgeschichte, die sich zum Beispiel mit den Namen Wolfgang Harich und Walter Janka verbinden. Auf verpasste Gelegenheiten.

Mit einiger Spannung erwartet sind ganz sicher in diesem Zusammenhang jene Details, die Konstantin Ulmer über das Schicksal des Verlages seit dem Fall der Mauer zu erzählen hat: "Vom alten Aufbau-Verlag blieb eine beeindruckende Bilanz: Zwischen 1945 und 1990 waren 8.800 Titel – davon knapp 5.000 Erstauflagen – in 125 Millionen Exemplaren erschienen. Nun galt es, in einem neuen Staat, einer neuen Gesellschaft, auf einem neuen Markt an Boden zu gewinnen."

Ein spannendes Kapitel: Der Aufbau-Verlag nach 1990

Von der "kulturellen Substanz Ostdeutschlands", die laut Artikel 35 des Einigungsvertrages erhalten bleiben sollte, war nach einem Jahr Abwicklungspolitik nicht mehr viel übrig. Und die neuangebrochene Epoche bedeutet für den Aufbau-Verlag Privatisierung. 1991 erwirbt der Frankfurter Immobilieninvestor Bernd. F. Lunkewitz den Verlag von der Treuhand. Nur kurze Zeit danach durchsuchen Polizei und Justiz die Geschäftsräume sowie die Privatwohnungen des damaligen Verlegers Elmar Faber und zwei weiterer Kollegen.

"Anlass für die Aktion war ein fortgesetzter Betrug", berichtet Ulmer. "Jahrzehntelang hatten die Verlage in der DDR deutlich mehr Exemplare von Lizenztiteln drucken lassen, als vertraglich vereinbart war. Mit den – von der SED verfügten 'Plusauflagen' – hatte man der notorischen Devisenknappheit aufhelfen wollen. Ein Schriftstück über die künftige Handhabung der Raubdruckpraxis war in die Hände der Justiz geraten und hatte dort die schlafenden Hunde geweckt." Es geht, so schreibt es Ulmer, um mehr als 6 Millionen D-Mark, für die Lunkewitz als neuer Besitzer zur Verantwortung gezogen wird.

Aufbau-Haus mit Schriftzug, daneben Designalademie Berlin, SRH Hochschule Moritzplatz 13 min
Bildrechte: imago/Klaus Martin Höfer

Der Aufbau-Verlag ist der bis heute wichtigste ostdeutsche Verlag mit großen Belletristik- und Sachbuch-Programm. Lektorin Angela Drescher spricht im Interview über Zensur und viel Zeit für sorgfältige Verlagsarbeit.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 15.08.2020 09:35Uhr 13:22 min

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Lunkewitz will "die intellektuell geprägte, hermetische, eng mit der Bonner Republik verbundene Suhrkamp-Kultur durch eine Aufbau-Kultur ablösen, in der anspruchsvolle Gegenwartsliteratur, Exilliteratur und moderne Klassik gleichberechtigt neben dem populären Sachbuch und Krimis Platz haben sollten", schreibt Ulmer. Ob das so einfach geht, ist angesichts der Frage, ob der Treuhand-Verkauf überhaupt rechtmäßig gewesen sei, zumindest für Lunkewitz ein Gutachten wert. Die Treuhand zieht nach.

Ulmer schreibt: "Ende 1994 bat die Treuhand beim Lehrstuhl für öffentliches Recht und Rechtsphilosophie der Humboldt-Universität um ein Gutachten. Professor Bernhard Schlink, gerade mit dem Manuskript seines Welterfolgs 'Der Vorleser' beschäftigt, überließ die Einschätzung zunächst seinem Assistenten Bernd Hohmann. Hohmann wiederum, der 1989 an der DDR-HU promoviert hatte, teilte der Treuhand daraufhin mit, sie stehe 'auf verlorenem Posten'. Auffallend anders fiel dann allerdings das von Schlink unterschriebene (und mit 30.000 DM vergütete) offizielle Gutachten im Januar 1995 aus, das von einem Treuhand-Mitarbeiter intern als Gutachten bezeichnet wurde, 'das unter unserer Mitarbeit entstanden ist'. Es bestätigte die offizielle Position, nach der der Verlag als Parteieigentum hatte verkauft werden dürfen."

Die Verlagsgeschichte erzählt Konstantin Ulmer spannend wie ein Krimi.

Katrin Wenzel, MDR KULTUR

Lunkewitz sah den Verkauf dennoch nicht als rechtmäßig an – und kaufte den Aufbau-Verlag als Privatperson ein zweites Mal – vom Kulturbund als ursprünglichem Besitzer. Das ist der Beginn jahrelanger juristischer Auseinandersetzungen, an deren Ende die Insolvenz des Verlages steht. 2008 übernimmt mit Matthias Koch und dessen Familie ein neuer Eigentümer die Geschäfte. Die Verlagsgeschichte erzählt Konstantin Ulmer spannend wie ein Krimi.

Zwischen Anspruch und Popularität

Wirft man heute einen Blick in die Kataloge, in denen zum Beispiel die Namen von Greta Taubert, Han Kang oder Philipp Winkler zu lesen sind, von Jana Hensel oder Gerhard Wolf, von Friedrich Wolf oder Theodor Fontane, dann wird schnell klar, dass das Haus den Spagat übt – zwischen Anspruch und Popularität. Und dabei längst nicht nur, aber auch auf Ideen setzt, die an die Ursprünge des Verlages zurückführen – zu Tugenden wie Beharrlichkeit, Haltbarkeit, Kontinuität. Klar wird auch, dass sie sich lohnen könnten. Für die Autoren. Für den Verlag. Für seine Leserinnen und Leser.

Konstantin Ulmer: Man muss sein Herz an etwas hängen, das es verlohnt
Bildrechte: Aufbau Verlag

Informationen zum Buch Konstantin Ulmer:
"Man muss sein Herz an etwas hängen, das es verlohnt. Die Geschichte des Aufbau Verlages 1945 - 2020"
erschienen im Aufbau-Verlag
Gebunden mit Schutzumschlag, 384 Seiten
ISBN: 978-3-351-03747-5
28 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. August 2020 | 09:40 Uhr