Das Bild zeigt die Saale und das Saalewehr in Höhe des Saalekanals
Saale und Saalewehr in Höhe des Saalekanals Bildrechte: Sebastian Piech

Kolumne Clemens Meyer und die Faszination der Flüsse

Als Kind freute sich Clemens Meyer immer, wenn er in Halle die Saale sah, den Fluss der Romantiker. Die übelriechende Leipziger Pleiße war hingegen eingemauert. Heute erwandert sich Meyer seine Flüsse bis zur Quelle. Was ihn daran so begeistert, hat er in seiner Kolumne beschrieben.

von Clemens Meyer für MDR KULTUR

Das Bild zeigt die Saale und das Saalewehr in Höhe des Saalekanals
Saale und Saalewehr in Höhe des Saalekanals Bildrechte: Sebastian Piech

Da liegt er, in einer Senke, wasserlos geworden in den letzten Jahren, Schafe weiden auf dem Grund, da liegt er nun vor mir, ausgetrocknet, der Elsterstausee, von Büschen umwuchert das große Rund, und als ich ihn so überblicke, auch auf den schmalen Strom der weißen Elster schaue, der am See vorbeifließt, wundere ich mich beinahe, dass nicht der alte Ausflugdampfer dort unten zwischen den weidenden Schafen auf dem Grund des Sees liegt, ein kleiner stählerner gestrandeter Wal, lasst ihn uns an ein Seil binden und über die Böschung schleppen, fast wie in dem Film "Fitzcarraldo", wir schleppen den alten Dampfer zurück in die Ströme der Stadt L.

Clemens Meyer, 2016
Clemens Meyer ist Enkelsohn der halleschen Künstler Otto und Gertraud Möhwald. Aufgewachsen ist er in Leipzig. Bildrechte: dpa

Erst in den letzten Jahren entdeckte ich sie, diese Ströme, wanderte an der weißen Elster entlang Richtung Halle, schritt neben der Pleiße durch den Auenwald, erkundete die Flutbecken, Mühlgräben, Nebenarme dieser beiden Flüsse, denn die Viertel in denen ich in Leipzig aufwuchs, Stötteritz, Angercrottendorf, Reudnitz, war vollkommen Flusslos- nur ein Rinnsal, ein Bach namens Rietzschke floss stinkend durch den schönen Stünzer Park, floss durch einen Tunnel, über den Eisenbahnzüge fuhren, große Wasserratten sahen wir und liefen schneller durch den Tunnel, das dunkle Gluckern des Wassers ... stillgelegt die Eisenbahnstrecke inzwischen, versiegt der Bach, die Rietzschke fließt nicht mehr ...

Als Kind freute ich mich immer auf die Saale, wenn wir nach Halle zu den Großeltern fuhren, das ist mal ein Fluss, ein richtiger Strom ... bedeutende Städte, dachte ich damals, müssen an großen oder zumindest mittelgroßen Flüssen liegen. Die Saale, Ja das war was, da saßen die Romantiker an den Ufern, "an der Saale hellen Strande", da gab es das Laternenfest, immer Ende August, mit der Parade der erleuchteten Schiffe und dem nächtlichen Feuerwerk über den von kleinen Felsformationen umgebenen Strom ...

Halle (Saale)
Kindheits-Sehnsuchtsort von Clemens Meyer: Die Saale in Halle Bildrechte: IMAGO

Aber Leipzig, mit seiner schmalen und schalen Pleiße, die so stank, dass man sie einmauerte, unter die Erde verbannte ... Ich weiß noch, wie ich als Kind auf der Brücke über dem Elsterflutbecken stand, wir kamen von der Kleinmesse, und staunend auf den dort so breiten Fluss blickte und regelrecht enttäuscht war, als er, das Flutbecken verlassend, sich verzweigend, immer mehr dem Rinnsal der Rietzschke glich.

Und so beginne ich die Flüsse der Stadt L erst in den letzten Jahren zu erforschen, zu bewandern. Nein, kein großer Fluss, das Flutbecken täuscht, doch von allen Seiten züngeln sie hinein in unsere Tieflandbucht, die Ströme. An deren Ufern, wenn man Richtung Elsterstausee wandert, die Schafe weiden, wie an den Ufern der Mulde bei Zwickau. Oh sächsisches Stromland.

Der Schriftsteller Uwe Johnson, der einst, vor vielen Jahrzehnten, in Leipzig studierte, erinnert sein Leben als ein Leben an den Flüssen, die Nebel in und bei Güstrow, der Hudson River in New York, und eben Pleiße und Elster und ihre zahlreiche Nebenarme, Flutbecken, Stadtkanäle, Mühlgräben.

Und so bewandere ich diese Ströme, folge ihnen ins Land hinein, sah die einst in L eingemauerte und inzwischen längst befreite Pleiße wild und ursprünglich in Greiz in Thüringen, wandere aber am liebsten entlang der Elster, die mich zu ihrem Stausee führt. Das Elsterwasser wurde dort hineingepumpt, hingeleitet, ein Ausflugdampfer drehte seine Runden. Ein Lokal am Ufer, am Steg. Und fast scheint es mir, er würde dort auf dem Grund liegen, der weiße Dampfer, vor mir, in der Mitte des ausgetrockneten Sees. Ende der Sechziger Jahre trafen sich Dichter und Literaten auf dem Wasser des Sees, Hilbig und Andreas Reimann unter ihnen, fuhren mit einem Motorboot, auch Stasi an Bord, dichteten, schwammen, tauchten, tranken und rezitierten. Sächsische Dichterschule, sächsische Dichterträume, Jahr des Prager Frühlings, Hudson River und Nebel ...

Und fast scheint es mir, die weiße Elster, die am See vorbeifließt, immer noch am ausgetrockneten See vorbeifließt, würde langsam aber stetig ihren Lauf Richtung des wasserlosen Runds verschieben, sich neue, alte Bahn suchen, um den alten Stausee wieder zu füllen, ach du gutes Elsterwasser.

Weiße Elster im Clara Zetkin Park im Sommer
Die Weiße Elster im Leipziger Clara-Zetkin-Park Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
Flussmalerin Yvette Kießling beim Malen auf ihrem Boot.
Die Flussmalerin Yvette Kießling beim Malen auf ihrem Boot. Bildrechte: Michael Ehritt

Dieses Thema im Programm: "Leben am Fluss" Vom 9. Juli bis 12. August sendet MDR KULTUR im Radio täglich kleine Geschichten von mitteldeutschen Flüssen: Von der Reportage einer Flussmalerin, deren Atelier das Boot ist, über das Fließgewässer als Inspiration für kleine Prosastücke bis zum Fluss als Wanderbegleiter oder Filmkulisse.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Juli 2018 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Juli 2018, 04:00 Uhr

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