Clemens Meyer
Clemens Meyer ist sich nicht sicher, was Heimat für ihn ist. Bildrechte: dpa

Kolumne Clemens Meyer sucht die Heimat

von Clemens Meyer, Schriftsteller

Clemens Meyer
Clemens Meyer ist sich nicht sicher, was Heimat für ihn ist. Bildrechte: dpa

Heimat also. Was soll das sein? Ich glaube es zu wissen und weiß es dennoch nicht. "Heeme", sagen wir Sachsen, und da ist es bekanntlich am schönsten. Aber "Heeme" ist eher das Zuhause, die eigenen vier Wände, wenn man denn welche hat, ja, und da hängt man gerne ab, entspannt, denn: Heeme ist's am schönsten.

Aber Heimat? Sind das nicht in erster Linie Erinnerungen?

"Die Suche nach der verlorenen Zeit", wie es Marcel Proust nannte. Also die Orte der Kindheit? Oder sogar die Jahre der Kindheit? Die Ur-Heimat ist.

Wäscheplatz in Halle-Neustadt - DDR
Heimat? Ist/war das etwas, wo man sich sicher fühlt? Bildrechte: imago/Werner Schulze

Mein Großvater verbrachte seine Kindheit im böhmischen Riesengebirge, bis er, durch Flucht bzw. Vertreibung entwurzelt, eine neue Heimat in Halle an der Saale fand. In dem schönen Halle, von dem auch ich sagen würde, dass es zumindest ein Teil meiner Heimat ist, bzw. ich mich dort heimisch fühle - aber nicht überall in Halle. Giebichenstein, Kröllwitz, der Romantikerweg, unfassbar schön die Aussicht ins Saaletal, die Oper, die dort seit letztem Jahr wieder ordentlich Ballett macht, immer rein in die festgefahrenen Strukturen, der Bahnhof, der schöne Hallesche Weihnachtsmarkt, das Laternenfest, die bunt-erleuchteten Schiffe auf der Saale ... Obwohl ich immer dachte, dass Leipzig, mein Leipzig, wo ich seit fast vierzig Jahren lebe und wohne, meine unverrückbare Heimat ist.

Heimat also. Mein Großvater erinnerte sich, je älter er wurde, immer mehr und immer detailreicher an die verlorene Heimat der Kindheit. Erinnerte sich aber von seiner neuen Heimat aus, nicht aus dem Ruhelosen ging der Blick zurück. Aber der Schmerz über den ursprünglichen Verlust seiner Gebirgsheimat und Kindheit, die abrupt endete 1945, wurde immer stärker.

Heimat also. Sind das Orte, sind das Menschen?

Kinder spielen Packen auf der Straߟe
Oder ist/war Heimat dort, wo man sich ungezwungen bewegen kann? Bildrechte: IMAGO

Oder Orte, an denen einmal Menschen waren, also bestimmte Menschen, wie es mein Freund und Kollege Edo Popović einmal sinngemäß ausdrückte bzw. in einem seiner Romane schrieb. Edos Heimat, Jugoslawien, entmenschte sich Anfang der 90er-Jahre, neue/alte Nationalstaaten, Nationalstolz, alt/neu, Schattenlinien, Heimat/Wahn, ist der Mensch ein Wanderer oder ein Territorialverteidiger?

"Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer / Unsere Heimat, sind auch all die Bäume im Wald", so sangen wir früher, das bekannte Pionierlied, gesungen über Jahrzehnte und zwei Generationen, in einer anderen Heimat, so sangen wir gemeinsam mit Beate und Uwe und Uwe. "Und wir lieben die Heimat, die schöne / und wir schützen sie, / weil sie dem Volke gehört, / weil sie unserem Volke gehört." Aber das führt hier wohl zu weit. Obwohl ich mich in Zwickau weitaus heimischer fühle, als in ähnlichen westdeutschen Kleinstädten.

Heimat also. Etwas was verschwindet, in Erinnerungen nur bewahrt.

kaputtes Haus
Liegt Heimat grundsätzlich in der Vergangenheit? In Dingen/Räumen, für die die heutige Zeit nicht mehr die richtige ist? Bildrechte: Colourbox.de

Oder ist es auch in den Steinen, so wie ich die veränderten Straßen meiner Kindheit durchwanderte, dort war mein erster Buchladen, nun ist ein Bäcker drin, da vorne gleich noch einer, wer braucht die vielen Bäcker? Dafür ist der Fleischer verschwunden, ist jetzt ein A& V drin, aber wenn man genau hinschaut, sieht man noch die kleinen Schweinchen über dem großen Schaufenster im Mauerwerk.

"Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen", schreibt Christa Wolf in "Kindheitsmuster", und zitiert, bzw. variiert damit William Faulkner. Nicht tot? Das wäre ja schrecklich und schön zugleich. Die ruhelosen einst enteigneten und deportierten Juden, die einst in meiner Wohnung lebten, der dichtende Geist Hilbigs, die Meisterschaft der BSG Chemie und der Mob der 90er-Jahre und der Mob von heute, Leibnitz und Goethe, neben dem Führer auf dem Opernbalkon ... Heimat ist Grauen und Schönheit und Kakophonie.

Heilige Scheiße, nu is aber Schluss!

Aber irgendwo dazwischen der kleine, in der Erinnerung immer größer werdende Buchladen der Kindheit, wo ich mein erstes Buch kaufte und an den Büchern roch. Und ja, da finde ich sie, die Heimat. In den Büchern. Also Leute, erlest euch die Heimat, wie sie war, wie sie sein könnte. Vielleicht finden wir sie dann auch draußen, vor der Tür.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR Spezial | 07. Juni 2018 | 18:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Juni 2018, 03:00 Uhr

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