Ein Bühnenclown präsentiert einen Hut für Trinkgeld.
Das Theater Altenburg bringt mit "Clowns" ein abstraktes Bildtheater auf die Bühne Bildrechte: Ronny Ristok

Premiere In Altenburg zeigen "Clowns" die globale Politik als Bildtheater

In spärlicher Bühnenkulisse setzen sich am Landestheater Altenburg acht Clowns miteinander auseinander: Weiß-Clowns kämpfen gegen Rot-Clowns, dann handeln sie wieder zusammen, erkunden sich. Eine metaphorische Anspielung auf die Probleme unserer Zeit wie Europa, Klimawandel, die unseren Kritiker überzeugt hat.

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

von Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur

Ein Bühnenclown präsentiert einen Hut für Trinkgeld.
Das Theater Altenburg bringt mit "Clowns" ein abstraktes Bildtheater auf die Bühne Bildrechte: Ronny Ristok

Die Aufführung von "Clowns" am Landestheater Altenburg ist sowohl Zirkus wie auch Theater – und zeigt damit auch die Spannung, die sich zwischen diesen Polen aufbaut. In dem kleinen, sehr intimen Altenburger Theater mit drei Rängen (einer Art Miniatur-Semperoper) sitzt das Premierenpublikum – dann öffnet sich eine Tür zum Parkett und herein kommt eine Frau im grauen Anzug, guckt sich um, nimmt das Publikum wahr, betritt die Bühne. Und dann öffnet sie eine kleine Tür im Eisernen Vorhang. Und das alles zum "Lacrimosa" aus Mozarts Requiem. Das ist sozusagen der Prolog.

Danach geht der Eiserne Vorhang auf und man sieht eigentlich nichts: nackte Bühnentechnik, null Illusion. Hier geht das Clownsspiel los, das sehr improvisiert wirkt, pur. Diese Reibung, dieser Theaterprachtbau, und dann dieses arme Theater mit maximal ein paar Luftballons und Konfetti, das ist ein sehr effektvolles Setting. Und es macht Spaß zuzugucken.

Europa abstrahiert

Die hier auch betrachtete europäische Ebene kann man sich sehr abstrakt vorstellen. Wenn nach der Pause die Europahymne von Beethoven erklingt, dann ist das schon das deutlichste Zitat. Ansonsten geht es eher abstrakt um getanzte Beziehungsbilder. Es ist ja auch der ganze Abend ein Stück ohne Worte, es ist Pantomime und Tanztheater. Eine gegen alle sind dann die Konstellationen oder auch mal drei gegen fünf und dann kommen alle wieder zusammen. Dann steht man in einer Reihe und dann tanzt einer aus der Reihe – so läuft das ungefähr ab.

Vorsichtiges Erkunden

Hier ein Beispiel, wie man in Altenburg den Bogen zu Europa hinbekommt: Zum Ende des Prologs betritt eine Frau im grauen Anzug die Bühne, der Eiserne fährt hoch. Und da ist dann Bühnennebel, weiße Schnüre quer und schräg an den Zügen aufgehängt, also das sind ja diese dicken Metallstangen, die da aus dem Schnürboden auf Hüfthöhe hier heruntergelassen sind, an denen auch Scheinwerfer hängen, die dann langsam hochgezogen werden. Am Boden liegt so eine riesige Malerfolie. Das ist also zunächst mal das Bild einer wüsten Welt, einer Theaterwelt, eines Europas, das hier erschaffen wird, wenn die Scheinwerfer in die Position fahren, nach oben, oder unter der Folie sieben weitere Schauspieler in grauen Anzügen auftauchen, oder vielleicht im Eis auftauen.

Clowns, Theater Altenburg
Weiße Schnüre hängen quer über die Bühne Bildrechte: Theater Altenburg/ Ronny Ristok

Diese insgesamt acht Schauspieler entdecken sich dann erstmal selbst, sie stehen ja offenkundig für die Länder. Später entdecken sie die Anderen und entdecken sich als Clowns, denn vier von den Acht haben rote Nasen in den Anzugtaschen und setzten sie sich dann auf, drei haben eine weiße Halskrause – da geht sozusagen schon die Abgrenzung los. Wenn sich diese weißen Clowns, also die klugen, die Weiß-Clowns gegen die dummen Auguste mit der roten Nase in Stellung bringen.

Irgendwann freunden die sich auch alle an, spielen mit ihren Unterschieden. Alle haben tatsächlich aber auch individuell ausgeprägt Charaktere, das ist auch schön erspielt. Auch die grauen Anzüge sind im Detail unterschiedlich gearbeitet. Man kann diesem Kammerspiel, dieser Kammerpantomime schön zusehen, neues Entdecken – oft auch ganz wörtlich. Also wenn da einer aus der Reihe tanzt, oder einer alleine abheben will – und es nur mit Hilfe der anderen schafft.

Clowns, Theater Altenburg
Die Weiß-Clowns haben weiße Halskrausen Bildrechte: Theater Altenburg/ Ronny Ristok

Verschiedene Interpretationszugänge

Bei der Frage, ob hier am Ende eine Geschichte erzählt wird, gibt es vielleicht einen Punkt, an dem sich die Geister scheiden. Die einen sagen 'zu konkret', die andere sagen 'gerade richtig' in dieser Inszenierung von Katerina Vlasova und Adam Pawlica. Beide sind Anfang 30, also noch jung und arbeiten seit drei Jahren als Choreografen-Duo zusammen, übrigens auch nicht zum ersten Mal in Altenburg-Gera. Und sie bleiben hier eben sehr abstrakt. Man kann das, was sie sagen – also EU, Populismus, Brexit – alles mitdenken und auch entdecken. Man kriegt es aber auch nicht zu deutlich aufs Brot geschmiert.

Ich finde diese Abstraktheit besser als die konkrete Bilder, weil die Bilder einfach dadurch größer sind  und es am Ende auch eine Schöpfungsgeschichte mit biblischen Ausmaßen sein kann, diese Europageschichte, die hier erzählt wird. Übertragen auf alle Arten von Beziehungen – Freude, Trauer – wenn die Weiß-Clowns den Rot-Clowns die Nasen abnehmen, können diese nicht mehr Atmen, schnappen dann nach Luft. Da ist dann auch noch viel mehr drin als Europa, da ist dann die Klimakatastrophe drin und die Diesel-Affäre, wenn man möchte. Insofern mochte ich dieses abstrakte Bildertheater wirklich sehr.

Zur Aufführung "Clowns – Eine physische Grenzerfahrung"

Landestheater Altenburg
In der Reihe "Heimat Europa", ab 12 Jahren
Choreografie: Katerina Vlasova und Adam Pawlica

Nächste Termine
Di, 19.03.2019, 11:00 Uhr, Großes Haus Altenburg
Do, 21.03.2019, 19:30 Uhr, Großes Haus Altenburg
Fr, 22.03.2019, 19:30 Uhr, Großes Haus Altenburg
Sa, 30.03.2019, 19:30 Uhr, Großes Haus Altenburg

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. März 2019 | 12:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. März 2019, 16:21 Uhr

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