Nach Corona-Shutdown Sorgen und Pragmatismus: Clubs in Sachsen-Anhalt dürfen wieder öffnen

Sachsen-Anhalt hat während der Corona-Pandemie schon von Anfang an eine Sonderrolle eingenommen. So soll es jetzt auch in der Club-Szene sein: Ab dem 1. November dürfen die Tanzclubs wieder öffnen. Dabei wird die Auslastung auf 60 Prozent gesenkt und ein besonderes Regelwerk für das Tanzen eingeführt. Manche Betreiber halten das für nicht umsetzbar, andere freuen sich über das positive Signal. Bei allen bleiben die Sorgen bestehen.

Außenansicht Club 'Drushba'
Der Club "Drushba" in Halle Bildrechte: Pia Uffelmann

Für Matthias Golinski ist es klar: Er wird seinen Klub "Drushba" in Halle ab November öffnen. Denn ab dem 1. November darf in Sachsen-Anhalt laut achter Corona-Verordnung wieder in Clubs getanzt werden. Dabei sind natürlich Auflagen zu erfüllen: Insgesamt darf nur 60 Prozent der üblichen Gästeanzahl reingelassen werden. Die Zahl bemisst sich am jeweiligen Brandschutzkonzept. Und: alle Gäste müssen registriert werden. Um keine "Lucky Lukes" oder "Mickie Mouses" in seinen Listen zu haben, will Matthias Golinski vom Club "Drushba" die Personalausweise kontrollieren lassen.

Besser die Hälfte als nichts

Mann hinter Bar
Matthias Golinski in seinem Club "Drushba" Bildrechte: Pia Uffelmann

Auch das Tanzen wird anders sein: Getanzt werden soll in maximal Zehnergruppen in sogenannten Tanzkreisen. Das bedeutet nicht, dass im elektronischen Club sich plötzlich alle an den Händen fassen und im Kreis tanzen, sondern dass auf dem Boden Kreise markiert werden, in denen sich die Zehnergruppen aufhalten. Kontrollieren soll das der Veranstalter. Nicht umsetzbar, sagt der Inhaber des "Prinzzclubs" in Magdeburg. Für Guido Schwirzke stellt sich außerdem die Frage, was passiert, wenn man öffnet, alles bestellt hat und dann wegen erhöhter Zahlen wenige Wochen später wieder schließen muss. Für ihn bleibt auch die Gefahr, ein Minus zu erwirtschaften. Beim Hallenser Matthias Golinski überwiegt hingegen der Pragmatismus. Die Erwartungen seien sowieso schon am Boden. Für ihn sei die Öffnung alternativlos. 

Also es ist einfach für mich besser mit 60 Prozent hier Umsatz zu machen, um wieder Kosten einzufahren, als den Club ganz geschlossen zu lassen. Da die staatliche Unterstützung im Prinzip auch nicht besonders viel weiterhilft.

Matthias Golinski vom Halleschen Club "Drushba"
Innenansicht - Club 'Drushba'
Blick in den Halleschen Club "Drushba" Bildrechte: Pia Uffelmann

Die Corona-Hilfen hätten, so Golinski, nur die reinen Betriebskosten abgedeckt. Bei der zweiten Überbrückungshilfe wären es sogar nur noch 80 Prozent der Kosten gewesen – bei 100 Prozent Umsatzausfall.

Mit Pragmatismus

Ähnlich pragmatisch sieht es Andreas Riebe, Inhaber vom "Charles Bronson", einer der beliebtesten Orte für elektronische Musik in Halle. Auch er macht im November wieder probeweise auf. Und das obwohl bei nur 60 Prozent der Gäste trotzdem mehr Personalaufwand besteht. Denn eine Öffnung (auch nur zu 60 Prozent) bedeute, dass alle Bars offen seien, demnach zwei oder drei Menschen dort arbeiten müssten, außerdem zwei oder drei Türsteher, die dann auch auf die Zehnergruppen ein Auge haben sollten. Zusätzlich müsse auch der DJ bezahlt werden. Soviel Umsatz müsse erstmal reinkommen, meint Andreas Riebe.

Die beiden Clubbetreiber wirken, als würden sie sich an das klammern, was eben geht. Auch weil ihre Existenzen dranhängen. Aber nicht nur die: Die Clubs sind auch Broterwerb für studentische Aushilfen, DJs, Techniker, Getränkelieferanten, Auftrittsorte für Künstler und Bands.

Endlich eine Perspektive

Einfach unverschuldet, von 100 auf 0 Prozent mit seinem Laden gegangen zu sein, war für Andreas Riebe vom "Charles Bronson" nicht leicht. In den ersten Monaten war es für ihn schon emotional schwierig, nur zu seinem Club zu fahren. Mittlerweile hat Andreas Riebe wieder Mut geschöpft. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hätten ihn motiviert – und die Tatsache, dass es jetzt eine Perspektive gibt. 

Ich finde es ein sehr gutes und wichtiges Zeichen. Es ist das Licht im Dunkeln. Es ist das erste Mal seit einem halben Jahr, dass man wirklich auch einen Termin hat, an dem es wieder losgehen kann.

Andreas Riebe vom Halleschen Club "Charles Bronson"

Das "Neue Normal"

Der Pragmatismus der beiden Halleschen Clubs sieht wie folgt aus: Sie setzen die Vorgaben um, können dann am 1. November endlich wieder aufmachen und schauen dann, was passiert. Auch wenn der November, Matthias Golinski zufolge, schon etwas spät sei – angesichts der anstehenden Schnupfnasensaison und der steigenden Fallzahlen. Für die Clubbetreiber wäre es besser gewesen, wenn es schon im August oder September so eine Art "Testphase" hätte geben können, aber die behördlichen Mühlen mahlen bekanntlich langsam. Auf dauerhaft viel Publikum stellt sich Matthias Golinski allerdings nicht ein. Die Prognose des Drushba-Geschäftsführers ist eine andere. Er glaubt, dass nach ein, zwei oder drei Veranstaltungen irgendwann wieder so eine Art Normalität eintreten wird und sich dann erst zeigen werde, wie viele Leute eigentlich noch regelmäßig ausgehen.

Ein Mann hält eine Tür auf.
Matthias Golinski vom Club "Drushba" Bildrechte: Pia Uffelmann

Ich habe indirekt das Gefühl, dass sich auch das Ausgehverhalten über dieses halbe oder Dreivierteljahr schon geändert hat.

Matthias Golinski vom Halleschen Club "Drushba"

Er hätte von Konzerten gehört, die stattfänden, bei denen aber nur sehr sehr wenige Tickets verkauft worden wären. Corona hat die Clubszene monatelang paralysiert. Wie sehr sich diese nachhaltig verändert hat – sowohl von den nun öffnenden Clubs her als auch von den mehr oder weniger enthusiastischen Gästinnen und Gästen – wird in Sachsen-Anhalt erst nach der vorsichtigen Öffnung ab November abzulesen sein.

Clubkultur in Corona-Zeiten

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. September 2020 | 18:05 Uhr