Dozier School for Boys
Die Besserungsanstalt "Dozier School for Boys" gab es wirklich – dieser Junge hat sie in der 60er-Jahren besucht. Bildrechte: imago/ZUMA Press

Rezension "Die Nickel Boys" – Erschütterndes Buch über eine Besserungsanstalt für Jungen

Der New Yorker Colson Whitehead gilt spätestens seit seinem Roman "Underground Railroad" als einer der großen Autoren der amerikanischen Literatur. Für das Buch, das die Odyssee einer Sklavin nachzeichnet, wurde Whitehead mit dem National Book Award und dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Sein neuer Roman "Die Nickel Boys", der gerade und zuerst auf Deutsch erschienen ist, beschäftigt sich abermals mit einem dunklen Kapitel der US-amerikanischen Geschichte. MDR KULTUR-Literaturkritiker Holger Heimann hat das Buch gelesen.

Dozier School for Boys
Die Besserungsanstalt "Dozier School for Boys" gab es wirklich – dieser Junge hat sie in der 60er-Jahren besucht. Bildrechte: imago/ZUMA Press

Manche Sachen sehen besser aus, als sie sind. Das Nickel, eine Besserungsanstalt für Jungen in Florida, von der Colson Whitehead, inspiriert durch tatsächliche Begebenheiten, in seinem neuen Roman erzählt, wirkt auf den ersten Blick anziehend. Das Gelände wird nicht etwa durch hohe Steinmauern mit Stacheldraht begrenzt. Ganz im Gegenteil: Es gibt gar keine Mauern. Auf üppig grünem Rasen stehen verstreut Gebäude aus roten Ziegeln.

Als der junge Elwood Curtis Anfang der 60er-Jahre das Anstaltsgelände zu Gesicht bekommt, weiß er noch nicht, dass das menschenfreundliche Äußere nur Fassade ist. Für die erste Irritation sorgt die Begrüßungsrede eines Aufsehers: "Wenn man hier landet, dann deshalb, weil man nicht weiß, wie man sich anderen Menschen gegenüber anständig benimmt. Aber das ist halb so wild. Dies ist eine Schule, und wir sind Lehrer. Wir bringen euch bei, euch so zu verhalten wie alle anderen. [...] Ihr seid erst einmal Würmer."

Schuldig, weil er schwarz ist

Der 16 Jahre alte Elwood ist im Nickel gelandet, weil er als Tramper das Pech hat, in ein gestohlenes Auto einzusteigen, das kurz darauf  von der Polizei gestoppt wird. Zeit für Erklärungen gibt es nicht. Der aufgeweckte, begabte Junge, der aufs College gehen wollte, wird im Schnellverfahren abgeurteilt. Er ist schuldig, weil er schwarz ist, so einfach ist das in einem vom Rassismus bestimmten Land. Aber Elwood resigniert nicht. Er nimmt sich vor, sich ebenso zu verhalten, wie zuvor in seinem Leben, fleißig, zuvorkommend und höflich zu sein.

Doch im Nickel nützt ihm das nichs. Im Gegenteil: Es ist sein Sinn für Gerechtigkeit und sein Glaube an die Veränderbarkeit der Zustände, die ihm in die Quere kommen. Weil er einen Streit zu schlichten versucht, macht er Bekanntschaft mit dem gefürchteten Folterhaus, in dem ein großer Ventilator die Schreie der brutal ausgepeitschten Jungen übertönt. Als er schließlich in der Dunkelzelle landet und sein weiteres Schicksal ungewiss ist, überdenkt er zum ersten Mal seine von den Reden Martin Luther Kings inspirierten Lebensmaximen:

Die Welt hatte ihm zeitlebens ihre Regeln zugeflüstert, nur hatte er die Ohren davor verschlossen und stattdessen die Kunde einer besseren Welt vernommen. Die reale Welt erteilte ihm aber weiterhin Lektionen: Du sollst nicht lieben, denn man wird dich im Stich lassen; du sollst nicht vertrauen, denn man wird dich verraten; du sollst nicht aufbegehren, denn man wird dich Mores lehren.

Schreckensanstalt nach existierendem Vorbild

Colson Whitehead
Der Autor und Pulitzerpreisträger Colson Whitehead Bildrechte: imago/Leemage

Die Schule, von der Colson Whitehead erzählt, hat es tatsächlich gegeben. In einem Nachwort klärt der Autor darüber auf: 2014 wurden von Archäologiestudenten bei Ausgrabungen auf dem Gelände der ehemaligen Dozier School for Boys nicht nur geheime Gräber, sondern überdies Skelette mit gebrochenen Handgelenken und von Schrotkugeln durchlöcherten Brustkörben gefunden. Mit großer Könnerschaft formt Whitehead aus dem erschütternden Stoff einen schmerzlichen Roman. Er muss dabei Nichts dramatisieren, sondern erzählt bewusst zurückhaltend. Es genügt, die Tatsachen sprechen zu lassen, um den Lesern die brutale Logik eines Willkürsystems vor Augen zu führen.

Überraschende Wendungen hält der Roman trotzdem bereit und einen Ausblick bis in die Gegenwart: Elwood hat sich in New York ein kleines Umzugsunternehmen aufgebaut. Er ist nicht wie andere zerbrochen an der Vergangenheit, aber er wird sie auch nicht los. Der höllischen Verwahranstalt, von der Whitehead erzählt, kann keiner ihrer Insassen je ganz entkommen.

Cover "Nickel Boys"
Buchcover "Die Nickel Boys" Bildrechte: Hanser Verlag

Angaben zum Buch Colson Whitehead:
"Die Nickel Boys"
Aus dem Englischen von Henning Ahrens
Hanser Verlag, 2019
222 Seiten, 23 Euro
ISBN 978-3-446-26276-8

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Buch der Woche | 25. Juni 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Juni 2019, 09:49 Uhr

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